Zügiger unterwegs in Casablanca
Oualalou+Choi planen Bahnhof
Marokko erlebt derzeit einen tiefgreifenden demografischen Wandel: Sinkende Geburtenraten, steigende Lebenserwartung und vor allem zunehmende Urbanisierung prägen Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Um auf diese Veränderungen zu reagieren, treibt das Land den Ausbau von Städten und Infrastruktur voran, unterstützt durch milliardenschwere Investitionen in Bahn- und Verkehrssysteme. Im Großraum Casablanca etwa sind gleich drei neue Bahnhöfe geplant, die bis 2030 in Betrieb gehen sollen. Einer davon ist der Gare Casablanca-Sud, entworfen von Oualalou+Choi (Paris/Casablanca) in Zusammenarbeit mit DAR Engineering (Riad).
Der Gare Casablanca-Sud – kurz auch Gare Casa Sud – wird in Hay Hassani stehen, einem überwiegend durch Wohnblocks, Gewerbebauten, Märkte und kleinere Betriebe geprägten Stadtviertel. Der Bahnhof soll vor allem den Pendelverkehr zwischen Wohn- und Arbeitsorten erleichtern, aber auch als Station für Hochgeschwindigkeitszüge dienen; gerechnet wird mit rund 12 Millionen Fahrgästen pro Jahr. Für den Neubau stehen rund 700 Millionen Dirham (161 Millionen Euro) zur Verfügung, wie es in der Lokalpresse heißt. Im Rahmen des übergeordneten Mobilitäts- und Infrastrukturprogramms für den Großraum Casablanca werden 20 Milliarden Dirham (4,6 Milliarden Euro) bereitgestellt.
Für den Gare Casa Sud sind zehn Gleise sowie neue Verbindungen vorgesehen: unter anderem zum nördlich von Casablanca gelegenen, für die Fußball-WM 2030 geplanten Grand Stade Hassan II – ebenfalls von Oualalou+Choi entworfen –, und zur Station Casa-Port in Hafennähe. Weiterhin soll eine neue Express-Linie zum Flughafen Mohammed V im Süden der Metropole entstehen, sodass Reisende keine Zwischenstopps mehr einlegen zu müssen.
Kennzeichnend für den Entwurf ist sein großes Dach, das sich wie eine Art Schutzschild über Bau und Schienen wölbt. Oualalou+Choi sprechen von einer „poetischen Choreografie”, die gestalterisch sowohl auf traditionelle Architektur als auch auf das Erbe der Moderne Bezug nehme. Die gewölbte Form orientiert sich nach allen Seiten und vermittelt Offenheit. Angrenzend an den Bahnhof sind außerdem ein Stadtpark sowie mehrere neue Wohnblocks geplant. Der Bahnhof verbindet somit den alten mit dem neuen Teil der Stadt. Ein Aussichtspunkt auf dem Dach sowie Läden sollen ihn auch als Ausflugsziel attraktiv machen. Mit einer Fertigstellung wird 2029 gerechnet. (dsm)
Der 2019 fertiggestellte Bahnhof Kenitra nördlich von Rabat ist ebenfalls Teil des umfangreichen Ausbaus marokkanischer Infrastruktur. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke verbindet Tanger mit Casablanca.