Filmtipp: Das Einfamilienhaus als Verhängnis
No Other Choice
Die Drastik eines ganz gewöhnlichen, gut situierten Lebens – so könnte der lange Untertitel des Films No other Choice von Park Chan-wook lauten, der heute seinen Kinostart in Deutschland feiert. Eine kleine Irritation reicht dem Hitchcock-Fan und Macher von Oldboy, um die fein säuberlich sortierte Welt seines Protagonisten vollkommen ins Gegenteil zu verkehren. Räumliche Elemente nutzt der südkoreanische Regisseur dabei als akzentuierende Hintergrundmusik. Architektur bildet die Backstory, die der Handlung ihren gesellschaftskritischen Ton verleiht.
Zu Beginn wirkt es, als habe Hauptfigur Man-Su, gespielt vom Squid-Game-Spielleiter Lee Byung-hun, ein paar richtige Entscheidungen getroffen. „Ich habe alles“, sagt er und meint Haus, Garten, Auto, Job, Frau und Kinder. Später fragt man sich, ob der Titel wohl schon auf die Wahl dieses Lebensmodells anspielt. Immerhin propagieren es gewisse politische Kräfte nach wie vor allenthalben als Ideal – hierzulande wie in Südkorea, der Kritik an Flächenverbrauch und Klimafolgen einerseits oder gesellschaftlicher Gegenmodelle wie der 4B-Bewegung anderseits zum Trotz.
Park Chan-wooks Satire auf die moderne Konsumgesellschaft und die Kernfamilien-Hegemonie – der Vater als Versorger, die obschon studierte Mutter (Son Yejin) als Hausfrau – ist wenig originell, eher late to the party. Und so wundert es einen grundsätzlich nicht, dass die Familie in eine veritable Krise stürzt, als das Familienoberhaupt seinen bestens bezahlten Job in einer Papierfirma (zeitgemäß) an die KI verliert. Tennisstunden, Tanzkurs, Cello-Unterricht, die zwei Hunde – weg. Ernsthaft existenzbedroht dürfte die vierköpfige Familie dadurch wohl nicht sein, doch kann sich sozialer Abstieg bisweilen so anfühlen. Vor allem in Südkorea, wo entlassen zu werden „Kopf ab“ heiße, wie Man-Su früh im Film sagt.
Mit welch wunderbar überdrehter, schwarzhumoriger Situationskomik der Regisseur in seinem Film den Roman The Ax (1997) des amrikanischen Autors Donald E. Westlake nacherzählt, macht ihn allerdings unbedingt sehenswert. Das bewirkt nicht nur unterhaltsame, neckisch geschnittene, teils schockierende und übrigens äußerst ästhetische Szenen, die in Zusammenarbeit mit Produktionsdesignerin Ryu Seong-hie entstanden. Sondern es führt auch zu vielen kleinen Themensträngen, die neben der großen Kapitalismus-Keule interessante Einsichten erlauben. Diese Rezension hier soll sich freilich auf die architektonischen Aspekte beschränken.
Architektur als Backstory, Raum als Hintergrundmusik
Licht setzt Park beispielsweise immer wieder als Akzent ein, um die Aussage bestimmter Situationen zu unterstreichen, wie es üblicherweise der Filmmusik obliegt. Da gibt es subtile Stellen, die schlichtweg die schicke Villa inszenieren, mit ihren expressiven Brüstungselementen oder dem offenen Wohnbereich. Weniger unterschwellig ist hingegen das Licht, das Man-Su unablässig blendet, während er versucht, ein immer peinlicher werdendes Vorstellungsgespräch zu meistern. Natürlich stammt die Reflexion von einem gegenüberstehenden, vollverglasten Bürowolkenkratzer. Oder jenes Oberlicht, das ein anderer arbeitslos gewordener, in seinem Haus dahinvegetierender Papierhersteller fast schon anzubeten scheint.
Zudem lässt sich der gesamte Film als Plädoyer für das Physische lesen, gerade da die Handlung im Angesicht von KI auf Technisierung und Entmenschlichung hinausläuft. Das beginnt bei der KI-bedrohten Papierbranche, zeigt sich aber auch in der zunehmend drastischen und bildhaft ausformulierten Gewalt, zu der sich Man-Su genötigt sieht, um seine Mitbewerber im Wettstreit um die übriggebliebenen Arbeitsplätze auszuschalten.
Letztlich steckt auch in den detailreichen Häusern, vor deren Hintergrund sich all das abspielt, der Wunsch nach spezifischen, von Menschenhand gestalteten und errichteten Lebensumgebungen. Als Man-Su die Gefahr realisiert, dass sie das Haus, in dem schon sein Großvater lebte, wahrscheinlich verkaufen müssen, bricht buchstäblich seine Welt zusammen. Hatte er es sich doch so mühsam erarbeitet, nach etlichen Umzügen endlich zurückgekauft und selbst Gewächshaus und Schaukel angebaut. Einleuchtend, dass ihm keine andere Wahl blieb.
Erst reichlich spät offenbart uns Park Chan-wook die Umgebung der schicken Villa. Die Nachbarschaft besteht aus einer Batterie gedrängter, gleichförmiger Reihen- und Mehrfamilienhäuser. Unwillkürlich fragt man sich: Hatten die dort wohnenden Menschen – im Gegensatz zu Man-Su – eine andere Wahl?
Text: Maximilian Hinz
No other Choice
Park Chan-wook
Südkorea, 2025
Schwarze Komödie
Koreanisch mit dt. oder engl. UT
139 Minuten
Plaion Pictures