Sizilianische Hütte
Kirchen- und Gemeindezentrum in Licata von Francesco Lipari, Lillo Giglia und Giuseppe Conti
Auf den ersten Blick könnte das Kirchen- und Gemeindezentrum Santa Barbara in der sizilianischen Hafenstadt Licata als Umbau einer Kirche aus den 1960er Jahren durchgehen. Die skulpturale Formensprache, das geschwungene Dach und die unterschiedlich großen Fensteröffnungen erinnern unweigerlich an Notre-Dame du Haut. Es handelt sich jedoch um ein vollständig neues Ensemble, das eine Kirche, eine Werktagskapelle, Gemeinderäume, ein Pfarrhaus, einen Glockenturm sowie einen Kirchplatz umfasst. Entworfen wurde es von Francesco Lipari (OFL Architecture, Palermo), Lillo Giglia (Agrigent) und Giuseppe Conti (Palermo).
Der Entwurf ging aus einem zweistufigen geladenen Wettbewerb der Erzdiözese Agrigent, des Diözesanamtes für kirchliches Kulturgut und Sakralbau sowie der Pfarrei Santa Barbara hervor. Nach Aussagen des Büros wurde die Pfarrgemeinde im Vorfeld intensiv in die Planungen miteinbezogen. Finanziert wurde das rund 4,3 Millionen Euro teure Projekt überwiegend durch die Italienische Bischofskonferenz (CEI) im Rahmen des 8×1000-Fonds, einem italienischen Steuerzuweisungsmodell zur Finanzierung religiöser und sozialer Einrichtungen.
Das 2025 fertiggestellte und 2026 eingeweihte Ensemble befindet sich im westlichen Stadtgebiet von Licata auf einer ehemaligen Brache, die zuvor vor allem als Parkplatz genutzt wurde. Ziel war es, einen neuen Mittelpunkt für ein Quartier zu schaffen, das bisher einen eher fragmentierten Übergangsraum zwischen gewachsener historischer Stadt und neuen Wohnsiedlungen bildete. Entsprechend soll auch der sogenannte Sagrato nicht nur ein einfacher Vorplatz sein, sondern als „öffentlicher Platz und vermittelnde Schwelle zwischen Stadt und sakralem Raum dienen“, sagen OFL.
In der Projektbeschreibung wird zwar kein direkter Bezug zur Nachkriegsmoderne hergestellt, die Architekt*innen nennen jedoch ein zentrales Leitbild des katholischen Kirchenbaus der 1960er Jahre: die sogenannte Capanna – auf Deutsch Hütte. In der Nachkriegszeit trat an die Stelle des monumentalen „Hauses Gottes“ die Kirche als Ort der versammelten Gemeinde. Der Kirchenbau wurde damit zunehmend zum Ausdruck für Gemeinschaft und Geborgenheit. Diese kollektive Dimension zeigt sich bei Santa Barbara insbesondere auch in den ergänzenden Nutzungen des Ensembles. Zwei L-förmig zueinander angeordnete Baukörper beherbergen Unterrichts- und Gruppenräume für religiöse Bildung, die pastorale Arbeit sowie weitere Angebote der Gemeinde.
Mit der eigentlichen Kirche übersetzen die Architekt*innen die Geometrie des griechischen Kreuzes in einen organisch geformten Grundriss. Der goldfarben gefasste Haupteingang bildet als „Pforte des Himmels“ den Auftakt einer symbolischen Via Lucis zum Altar. Unterschiedlich große Öffnungen, helle Natursteinoberflächen und Holzdecken prägen die Innenräume. Konstruktiv handelt es sich um einen Hybridbau aus Stahlbeton und Holz. Das Holztragwerk ermöglichte auf einfache Weise eine freie Dachform. Die aus Holzlamellen gefertigte Deckenverkleidung zeichnet die geschwungene Geometrie auch im Inneren nach, verbessert die Akustik, integriert technische Installationen und betont die aufsteigende Bewegung des Kirchenraums bis zum Presbyterium.
Zurückhaltend präsentiert sich der zylindrische Glockenturm, dessen rechteckige, schmale Öffnungen auf die frühchristliche Legende der heiligen Barbara verweisen. Der Überlieferung nach wurde sie von ihrem Vater in einen Turm eingeschlossen, um sie von ihrem Glauben abzubringen. Sie ließ dort nach ihrer Bekehrung zum Christentum ein drittes Fenster als Symbol der Dreifaltigkeit einfügen. (dsm)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Francesco Lipari, Lillo Giglia, Giuseppe Conti
- Künstlerische Leitung:
- Francesco Lipari, Lillo Giglia
- Entwurfs- und Ausführungsplanung:
- Filippo Giglia, Alberto Iacona, Felix Kai Dorl, Toni Vetro
- Gebäudetechnik:
- Gian Luigi Di Marco, Antonio Milia
- Tragwerksplanung:
- Calogero Palumbo Piccionello mit Andrea Macaluso
- Bauleitung:
- Alfonso Cimino
- Projektleiter Vergabe:
- Calogero Giglia
- Liturgieberatung:
- Don Ildebrando Scicolone
- Künstlerische Gestaltung:
- Giuseppe Agnello
- Bauherrschaft und Förderer:
- Conferenza Episcopale Italiana, Arcidiocesi di Agrigento, Parrocchia Santa Barbara Licata
- Fläche:
- 5.700 m² Grundstücksfläche
- Baukosten:
- 4.338.000 € Gesamtkosten




