Glaube zwischen Straße und Trasse
Kirchenbau in Pforzheim von Bez + Kock
In Deutschland gehören rund 330.000 Menschen der Neuapostolischen Kirche an. Anders als in Asien oder Afrika wächst die Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg gegründete Glaubensgemeinschaft hierzulande zwar nicht mehr – trotzdem gibt es gerade in Süddeutschland immer wieder Anlass für Neubauten, wie jüngere Projekte unter anderem in Uhingen (a+r Architekten) und Überlingen (Reichel Schlaier Architekten) zeigen. Nun folgen Bez + Kock Architekten mit einer Fertigstellung in Pforzheim. Das Stuttgarter Büro ersetzte einen Bestandsbau an anderem Standort, dessen Sanierung als zu aufwändig beurteilt wurde.
Die Kirche ist eines von vier neuapostolischen Gotteshäusern in Pforzheim. Sie steht im westlichen Stadtteil Brötzingen, am Rande eines Gewerbegebiets und mit städtebaulich herausfordernder Umgebung: Auf der einen Seite sorgt eine Bundesstraße für konstanten Lärm, auf der anderen liegt eine Bahntrasse. Dazwischen erhebt sich der neue Kirchenbau mit seinem Hochpunkt von immerhin 15 Metern. Räumlich darf man ruhig an eine Insel des Glaubens im tosenden Verkehr denken. Das Projekt geht auf einen Wettbewerbsgewinn im Jahr 2018 zurück.
Angesichts der Umgebung entschieden sich die Architekt*innen für einen weitgehend geschlossenen Baukörper von skulpturaler Anmutung. Hinter geschmiedeten Pivot-Toren mit Kreuzmotiv dient ein geschützter Hof als „Ort des Ankommens“. Dieser soll den Besucher*innen ermöglichen, die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen. Von dort betreten sie ein Foyer, das in gerader Linie auf den Kirchensaal zuläuft. Rechts und links dieser Achse befinden sich die übrigen Räume der Gemeinde. Zum Altar hin steigt des Dach der Kirche kontinuierlich an. Oberlichter tauchen die Rückwand in ein diffuses, durchaus erhebendes Licht. Seitlich filtern Holzlamellen die Einflüsse der Umgebung.
Die Anlage mit einer Bruttogrundfläche von rund 810 Quadratmetern wurde als Massivbau mit Außenwänden aus integriert gedämmten Schalungssteinen umgesetzt. Die tragende Struktur des Daches besteht aus Ortbeton. Die Wände erhielten einen Lehmputz, der fassadenseitig mit Natursteinsplitt veredelt wurde. Böden aus weißem Terrazzo und Weißtanne für alle Einbauten runden die entsättigte Materialpalette ab. Nur der Altar aus Stampflehm und die silberne Orgel sorgen für Kontraste. Letztere wurde in Teilen aus dem alten Gebäude übernommen. (sb)
Fotos: Brigida González
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Bez + Kock Architekten
- Mitarbeit:
- Yong Liang (Wettbewerb), Michael Gaisser, Gudrun Keller, Eva Caspar
- Freianlagenplanung:
- Koeber Landschaftsarchitektur
- Fläche:
- 810 m²
- Baukosten:
- 4.500.000 €
Also hier sich über "fehlende Farbe" oder "Antiseptik" zu beschweren ist ziemlich ignorant und oberflächlich. Es ist halt nicht alles Katholizismus und prunkvolle Formrhetorik und Bildersprache.
Ich bin jetzt kein Christ, finde aber, dass man den baulichen Ausdruck dieser "schmucklosen" Tradition nachvollziehen kann und sollte. Und das ist hier ja doch auch ganz gut gelungen, auch wenn mir - ebenfalls - dieser ausgewaschene Gonzales Photoshop Nonsens gegen den Stricht geht. Das braucht dieses Gebäude wirklich nicht.
Wie ärgerlich ungleichzeitlich hier gehandelt wird- wenn in wenigen Jahren dann fast sämtliche erhaltenswerte und denkmalgeschütze Kirchenbauten leerstehen, werden wir uns bitter ärgern in dieser Spätphase sogar noch schulterklopfend zugebaut zu haben. Das Projekt ist aus diesem entscheidenden Aspekt heraus im allerbestem Sinne nicht nachhaltig. Es rettet vielleicht, dass es formal auch überhaupt nicht aussieht wie ein Gotteshaus.
Was vielleicht später hift: Da es aber eine decorated Shed handelt, kann man die "Shed" vom Dekor befreit dann auch ganz klasisch im Gewerbegebiet als Gewerbe umnutzen. Als Showroom bsp.
Die Frage also mal ganz ab von der unkirchlichen Antiseptik, die vielleicht/hoffentlich mit irgendeinem Neuapostolischen Paradigma zu tun haben könnte und somit weniger mit dem Atmosphären Bestreben der Planenden. Die haben vermutlich eher dienstgeleistet.
Es ist so schade drum, weil das Projekt an einem anderen Standort als Herz Stadtteilzentrum oder als Volkshochschule sicher auch formalästhetisch gut geeignet wäre. Die Details und Ideen sind sehr rechtschaffend, klassisch süd-west-deutsch und teilweilse besonders gelöst. Das Haus an sich ist dann wirklich gut und fein.
in den ich zum Lachen gehen könnte.