Umstrittener Museumsentwurf in Berlin
Herzog & de Meuron stellten sich den Fragen der Öffentlichkeit
Vergangenen Mittwoch erläuterten Jaques Herzog und Pierre de Meuron in der Berliner Akademie der Künste ihren umstrittenen Entwurf für das Museums des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher und Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert waren ebenfalls gekommen, um die Fragen der Moderatoren Matthias Sauerbruch und Wilfried Wang sowie die des Publikums zu beantworten. Friederike Meyer hat zugehört.
Ziel des Abends, das machte Jaques Herzog gleich zu Anfang deutlich, sei es, den Entwurf für das Museum des 20. Jahrhunderts weiterzubringen. Seit dem Wettbewerbsentscheid Ende 2016 hätten sie im Büro daran nicht weitergearbeitet, einzig der Fußabdruck sei aufgrund der heftigen Kritik in Richtung Matthäikirche verkleinert worden. Es sei wichtig, dass die Bevölkerung sich äußern darf, auch wenn er die in den Siebzigerjahren geborene Idee der partizipativen Verfahren für gescheitert hält. Gemeinsam planen, das gäbe es nicht einmal in der schweizerischen Landgemeinde, so Herzog.
Herzog zeigte zunächst viele Bilder – von der Alten Nationalgalerie, dem Bahnhof Paris-Austerlitz, einer Feldsteinscheune, der ehemaligen Reitschule in Moskau aus dem Jahr 1817, die zum Museum umgebaut wurde. Aber auch Fotos von eigenen Projekten, dem Einfamilienhaus in Leymen, dem kleinen Eingangsgebäude zum Schaulager in Basel, dem Parrish Art Museum auf Long Island, der großen Treppe im Perez Art Museum in Miami und immer wieder Bilder von der Tate Modern in London, der Turbinenhalle mit der geneigten Ebene, den ehemaligen Öltankräumen als Ort für Installationen und der Backsteinfassade der Erweiterung.
Für das Berliner Museum wünsche er sich eine unabhängige Form – archaisch, zeitgenössisch, alltäglich und erhaben zugleich. Den Vorwurf, der Entwurf erinnere von außen an einen Lebensmitteldiscounter, findet er „nicht schlimm“. Den Innenraum sieht er als Ort, in dem sich die Leute treffen können, auch wenn sie nicht ins Museum gehen. Um das Museum herum versprach er Außenräume, „in denen sich Leute gerne hinsetzen“. An einer begehbaren Dachterrasse werden sie arbeiten, sagte Herzog. Die Architektur könne bestimmte Dinge lösen, aber für die Bespielung seien die Nutzer zuständig. Es brauche die Mitwirkung der Leute.
Es war ein präziser, gut argumentierter Vortrag, der um das Vertrauen des Publikums warb, aber auch klar machte: Die Architekten sind offen für Veränderungen, sie wissen noch nicht genau, wie das Haus aussehen wird.
Die anschließende Fragerunde mit Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher und Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert hätten sich die Akademiemoderatoren Matthias Sauerbruch und Wilfried Wang sparen können. Nicht nur, weil letzterer weniger Fragen stellte, als vielmehr seine Bedenken ins Feld führte. Sondern auch, weil viele gekommen waren, um den Architekten ihre Meinung persönlich zu sagen. Als sie nach zwei Stunden endlich an die Mikrophone durften, offenbarten sich die unterschiedlichen Sichtweisen, besonders städtebaulicher Art.
Seitens der vielen besorgten Kritiker des Entwurfs wurden Bedenken laut, die Bauten von Mies und Scharoun würden in die Ecke gedrängt, es fehle der Mittelpunkt. Eine Stangensimulation des geplanten Baus wurde gefordert und ein zentraler Platz mit Aufenthaltsqualität. Einer führte gar einen Entwurf von Stephan Braunfels als bessere Alternative ins Feld. Außerdem kritisierten einige den für den Freiraum zuständigen Senat, der den Ort seit Jahren durch Nichtstun verkommen lassen. Eine einzige Wortmeldung sah den Entwurf in „bester Tradition“ zwischen den autonomen Bauten von Mies und Scharoun.
In den Rückmeldungen vom Podium wurde deutlich: Herzog & de Meuron planen einen Raum, der jenseits der klassischen Vorstellungen eines Museums und jenseits der Vorstellungen von klassischem Städtebau liegt – und deswegen Kritik erntet. Ihr Städtebau begreift öffentlichen Raum als Netz aus Wegebeziehungen und nicht als klassisch von Raumkanten definierten Platz.
In der Schlussrunde zeigte sich Pierre de Meuron alles andere als überrascht von den Kommentaren, die er in Bezug auf die Programmierung und die einladende Geste teilt. Er meinte aber auch, es bestehe noch ein Missverständnis darüber, was das Projekt biete. Torsten Wöhlert sagte, er habe verstanden, dass die kommenden Jahre am Kulturforum ein offener Prozess werden, den die Nutzer frühzeitig begleiten und organisieren müssen. Frau Lompscher nahm mit, dass ein Museum, das um 18 Uhr schließt und eine Philharmonie, die um 19 Uhr öffnet, noch keinen lebendigen Ort ausmachten, dass der öffentliche Raum während der bevorstehenden Zeit bespielt werden und dass die sechsspurige Potsdamer Straße keine Autobahn sein müsse. Matthias Sauerbruch sagte, das Gebäude sei auf einem guten Weg, in Berlin anzukommen.
Mit ihrem sogenannten Kulturforum sind die Berliner schon lange nicht glücklich und noch nie glücklich gewesen: Ein großer Platz mit einer Diva auf der einen und einer weiteren auf der anderen Seite und was machen wir daraus? So viele Wettbewerbe hat es schon gegeben. Eine Piazetta wurde gebaut, die so viel Gefälle hat, dass man im Winter dauernd Angst hat auszugleiten, und die im Sommer die Aufenthaltsqualität eines Steinbruchs hat. In beiden Fällen möchte man dort nicht verweilen und was man nach einem Museums- oder Konzertbesuch so gerne vorfinden würde, ist nicht vorhanden. Was dieser Platz tatsächlich braucht ist ein Service-Gebäude, damit die Service-Wüste endlich ihr Ende findet. Ein Gebäude, das gleichzeitig den Ort bestimmt und besetzt und sich trotzdem moderat zurück nimmt und gar nicht erst versucht, in einen Wettstreit mit den beiden Schönheiten einzutreten. Ein Gebäude, das innen wie außen Aufenthaltsräume von hoher Qualität schafft, dessen Dach im Sommer Schatten spendet und im Winter Schutz bietet, ein Gebäude, das Gastronomie in verschiedener Qualität aufnimmt und insgesamt leichtfüßig und beschwingt daher kommt. Wie sowas aussehen könnte, haben gerade die Kollegen von Forster + Partners aus London mit der Vorstellung ihres Besucherzentrums im Apple Park in Kalifornien gezeigt. Und noch einmal grundsätzlich: Was wir (dort) ganz gewiss nicht brauchen, ist ein Museum des 20. Jahrhunderts. Den Ableger der Neuen Nationalgalerie kann man sich vor allem dann sparen, wenn endlich auch häufiger das Erdgeschoß genutzt werden würde und nicht nur das Kellergeschoß, wie es in der Vergangenheit unverständlicherweise leider so oft zu sehen war. Also wagen wir den Sprung und setzen noch einmal alles auf Anfang es lohnt sich bestimmt es lohnt sich für die Sache und endlich für Berlin.
In der Diskussion hieß es: der Entwurf ist in Berlin auf dem Areal noch nicht angekommen. So, wie die Halle platziert ist, bringt sie noch keinen Mehrwert, sie ordnet die bestehenden großen Dampfer nicht unter einer neuen Idee zusammen. Sie ist selber autistisch, um das Urteil von J. Herzog über den Scharoun- und den Mies-Bau aufzunehmen. Was war die Hoffnung bei Beginn des Wettbewerbs? Mit einem neuen Gebäude alle bestehenden Gebäude in einer neuen Ordnung zu binden, in der man ein Forum erlebt. Dass H+dM ein ordentliches, "messerscharfes" Museum bauen können, ist nicht die Frage, auch nicht nach einer Verschönerung mit Dachterrassen, sondern nach einer Überhöhung des Kontextes.
Seit den 70ern hat sich einiges getan in der Kommunikation, da darf man die Idee noch nicht aufgeben. Ob ich hier einen Kommentar schreibe oder sogar ein Video mache und teile - das gabe es damals noch nicht: www.youtube.com/watch?v=NmZ3vXuspMk Es macht aber halt auch Spaß, den eigenen Standpunkt in der Architektur zu vertreten. Vorallem wenn es um solch einen architekturgeschichtlich wichtigen Ort geht, der die meisten Menschen überhaupt nicht interessiert: Ihr Leben findet dort nicht statt. Da kann sich der Architekturdiskurs in seiner Isolation richtig schön ausbreiten :)
Das ganze Areal wird durch die 4 oder 6 spürige Straße (ich erinnere mich leider nicht mehr ganz so gut) komplett auseinander genommen. Warum wird dort kein Tunnel gebaut welche das Areal von Lärm und Autos befreien wird? Dann kann man auf andere Gedanken kommen und den Platz um die Gebäude neu gestalten damit das ganze etwas besser als Forum funktionieren kann. Der Big Dig in Boston ist z.B. insofern ganz gut gelungen. Nur so kann man auch sagen, dass vielleicht dieses Museum unterirdisch oder anders sein kann. Will man tatsächlich weiter ohne die Stadt und ihre Bürger zu berücksichtigen bauen? Man baut für die Wirtschaft und nicht für Menschen und das ist etwas daneben. Ein Museum ist meines Erachtens nach ein öffentliches Gebäude und als solches muss es das sprechen und aussprechen können. Schade!
Ich verstehe diesen wertenden Paragraphen über die Rückmeldungen nicht - dieses Gebäude erntet aus vielen Gründen Kritik, sie als "klassische" Vorstellungen zusammenzufassen ist grob vereinfachend und verallgemeinernd. Zumal: Was wird denn von der Autorin als "klassisch" definiert? Und: ist die Kreuzung von zwei Achsen in einem Gebäude denn schon ein "Netz aus Wegebeziehungen"? Das ist m.E. eine wohlwollende, subjektive Interpretation. Ich stelle nicht nur die Behauptung der Autorin in Frage, dass der Entwurf sich "jenseits der Vorstellungen von klassischem Städtebaus" befindet, ich stelle generell in Frage, dass es in diesem Entwurf überhaupt einen Städtebau gibt. Ikea hätte eine solche Halle in dieser Art und Weise dorthin gestellt, wie sie auch an jeder anderen beliebigen Stelle platziert worden wäre. Der einzige städtebauliche Ansatz ist, wenn es denn überhaupt einen gibt, generisch, austauschbar, irrelevant. Und in diesem Sinne "klassisch" neoliberal.