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31.08.2022

Buchtipp: John Outram

Hardcore-Postmoderne


Nicht besonders häufig, aber doch gelegentlich begegnen einem solche Architekten, die offenbar ihr ganzes Leben lang nur „ihr Ding“ gemacht haben. Zu diesen zählt unbedingt auch der britische Ausnahme-Architekt John Outram, geboren 1934, der mit seinem Büro seit 1974 ein gutes Dutzend bahnbrechender Gebäude geschaffen hat, die in ihrem anspielungsreichen, zitat-, farb- und formfreudigen Auftreten zu den Höhepunkten der postmodernen Architektur zu zählen sind. Dennoch ist sein Name wohl nur wenigen eingeschworenen Fans der Postmoderne bekannt. Erst in jüngster Zeit regt sich ein Interesse an ihm, das sich in einer wachsenden Zahl von Artikeln ausdrückt, und das nun auch zu diesem schmalen, aber inhaltsstarken Buch geführt hat. Erstmals (!) wird hier das Gesamtwerk des 88-jährigen Outram versammelt.

Und da gibt es einiges zu entdecken: Die Pumpstation auf der Isle of Dogs von 1986, die Outram als wuchtigen Tempel mit kräftigen, bunten Säulen entwarf. Die Erweiterung der Business School in Cambridge, der er 1995 eine hohe, zentrale Halle voller bunter Säulen, Treppen, Balkone, Wand- und Deckenmosaiken schenkte. Oder das Fakultätsgebäude auf dem Campus der Rice Universität in Texas von 1996, dessen wuchtige Backsteinpfeiler nicht nur eine kräftige Kolonnade vor dem Gebäude formen, sondern auch von schweren, farbenfrohen Kapitellen gekrönt werden. Schade, dass aus seinen Entwürfen für einen Umbau des London Battersea Kraftwerks in ein bonbonbuntes „shoppertainment“-Paradies nichts geworden ist.

Dabei begnügt sich Outrams Postmoderne nicht mit dem „klassischen“ Formenkanon der europäischen Antike, sondern zieht munter auch Anleihen von ägyptischen, mesopotamischen oder fernöstlichen Baukünsten hinzu. Zu seiner theoretischen Grundlagenforschung gehörte außerdem die Entwicklung einer eigenen Säulenordnung, die Outram als logische Fortführung der fünf klassischen Ordnungen versteht: die „robot order“ (ordine robotico), eine betont dicke, jedoch hohle Säule, in die er mit leichter Hand alle notwendigen Leitungen einer zeitgemäßen Gebäudetechnik steckte. Solche Säulen stecken in fast allen Outram-Gebäuden, aber in Perfektion sind sie in der erwähnten Halle der Cambridge Business School zu bewundern. In regelmäßigen Abständen finden sich dort auch große Türen in den Säulen, die ganz pragmatisch Wartungszugänge zum technischen Inneren bieten. Outram ist kein Nostalgiker, an einer historisierend rückwärts blickenden Architektur liegt ihm nichts. Lieber sucht er – offenbar mit viel Humor – in der Kombination traditioneller Elemente und moderner Technik nach einer ganz neuen Ästhetik.

Outrams erstaunliches Werk in diesem kompakten Buch entdecken zu dürfen, ist ein Fest. Auch wenn es offensichtlich noch viel zu erforschen gibt, denn ein Werkverzeichnis mit Plänen, Details und Fotos zu jedem Projekt wird nicht geboten. Im Kern ist dieses Buch einfach ein reich illustrierter, ausführlicher Essay von Geraint Franklin, der in sechs ebenfalls durchaus humorvollen Kapiteln den Lebenslauf Outrams und die Entwicklung seiner Architektur gleichermaßen beleuchtet. Klar ist: Outram, der im Alter von 88 Jahren heute noch sein Büro betreibt, ist Zeit seines Lebens ein wenig beachteter Außenseiter in der Architekturwelt geblieben. Aber in ihrer überbordenden Verspieltheit ist Outrams Architektur heute unbedingt als wichtiger und überaus inspirierender Beitrag zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts zu lesen. Und egal, wie man selbst es mit der Postmoderne hält: Zu einem so konsequent seit 1974 durchgezogenen Lebenswerk kann man dem Architekten nur gratulieren.

Text: Florian Heilmeyer

John Outram

Twentieth Century Society (Hg.)
Text von Geraint Franklin

200 Seiten
Liverpool University Press, 2022
ISBN 978-1-800-85622-6
30 Britische Pfund


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Die Pumpstation als farbenfroher Tempel: John Outram, Isle of Dogs, London, 1986

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Auch das Umspannwerk der Pumpstation gestaltete Outram als Tempel, diesen jedoch in dunklem Backstein

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Cambridge Judge Business School, Cambridge, 1993-1995

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Sphinx Hill House, Oxfordshire, 1999

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