Filmtipp: Backrooms
Handgemachter Horror-Hype
Das Bauen von Gedankenräumen ist eine bewährte Technik, um im Rahmen von Therapien und Coachings mentale Klarheit zu schaffen. Durch die Gestaltung innerer Räume können Erinnerungen und Emotionen geordnet und bewusster erfahrbar gemacht werden. Architekt*innen braucht es dafür eigentlich nicht. In Backrooms ist der Protagonist jedoch ein (verkappter) Architekt. Und seine Psyche ist ziemlich angeknackst.
Alkoholismus, Scheidung, Verlust des Hauses – all das versucht Clark (Chiwetel Ejiofor) mithilfe der Psychologin Mary (Renate Reinsve) zu verarbeiten, während er sein Leben in den Hallen des stagnierenden Möbeldiscounters Cap’n Clark’s Ottomane Empire verbringt. Als Geschäftsführer und Werbemaskottchen in Personalunion tagsüber, nachts auf einer ausgezogenen Schlafcouch. Dort sieht er fern, skizziert gestapelte Kisten à la SANAA (geradezu visionär, da der Film ästhetisch ansonsten ganz in den 1990er Jahren angesiedelt ist) – und entdeckt hinter einer Wand den Zugang zu einem Ort, der die Räumlichkeiten des Möbelhauses ins Unermessliche weiterzuführen scheint.
Spätestens ab dann gerät die filmische Handlung in den Hintergrund. Denn die eigentliche Hauptrolle spielen eben jene Backrooms: ein labyrinthisches Raumgebilde voll blassgelber Tapeten, Auslegware und Odenwalddecken, in dem beständig die Leuchtstoffröhren surren. Logisch, denn Ausgangspunkt für Backrooms war ein Internetphänomen, das mit einem Bild leerer, doch aufgrund ihrer vagen Vertrautheit beunruhigend wirkender Büroräume begann. 2019 auf dem Internetforum 4chan veröffentlicht, entwickelte ein anonymer Nutzer daraus eine sogenannte Creepypasta (Internet-Horrorgeschichte): Durch einen Fehler der Realität könnten Menschen in ein endloses Raumsystem gelangen, in dem ungeahnte Gefahren lauern. Eine Idee, die die wachsende Online-Community kontinuierlich um weitere Räume und Level erweiterte.
Den entscheidenden Popularitätsschub für diese Horrorwelt brachte seit 2022 der damals 16j-ährige Kane Parsons, der mit seiner YouTube-Serie „The Backrooms (Found Footage)“ das Konzept filmisch umsetzte. Seine realistisch wirkenden, VHS-inspirierten Videos machten die Backrooms außerhalb der Internetforen bekannt. Das gehypte US-Filmstudio A24 – das seit seiner Gründung 2012 eine Reihe unkonventioneller wie erfolgreicher Produktionen hervorgebracht hat – beauftragte Parsons schließlich mit der Kinoverfilmung des Stoffs nach einem Drehbuch von Will Soodik. Das Ergebnis ist ein gigantischer Kassenhit: Bereits am US-Startwochenende spielte der Film mit 81 Millionen Dollar mehr als das Achtfache seiner Produktionskosten ein.
Heute läuft der Liminal-Horror-Film in den deutschen Kinos an. Und auch hierzulande stehen die Chancen für einen Publikumserfolg gut. In gewisser Hinsicht lässt sich das Konzept von Backrooms als Fortsetzung dessen lesen, was beispielsweise Jacques Tati 1967 in Playtime inszenierte – übertragen in die von Foren, Memes und digitaler Nostalgie geprägte Vorstellungswelt der Gen Z: Reale und psychische Schwellenräume greifen ineinander und werfen den Menschen auf sich selbst zurück. Im Labyrinth der Moderne stolpert Tati durch gläserne Wartehallen und Drehtüren. Sein Scheitern an einer vermeintlich perfekt organisierten Umwelt lässt jedoch Raum für Individualität, Spiel und Gemeinschaft entstehen. Die muffigen, verschachtelten Backrooms hingegen entziehen sich jeder menschlichen Aneignung. Alle Orientierungsversuche sind zwecklos, der Mensch ist verloren und seinen ins Bedrohliche verzerrten Erinnerungen machtlos ausgeliefert.
Wie reale Objekte, Menschen und Situationen hier als Versatzstücke ihrer selbst auftauchen, wirkt von der Bildproduktion früher KI-Generationen inspiriert. Digitale Tools kamen in der Postproduktion natürlich zum Einsatz, dennoch bleibt der Horror in Backrooms größtenteils handgemacht. 2.800 Quadratmeter desorientierender Korridor-Kulisse baute das Team um Art Director Danny Vermette. 3.440 Quadratmeter eigens gedruckter, fahlgelber Tapete kamen zum Einsatz. Dieses immergleiche wie variantenreiche, detailgespickte Raumkonstrukt zu entdecken, entfaltet seinen ganz eigenen Reiz – aller Trostlosigkeit zum Trotz.
Text: Kathrin Schömer Lehne
Backrooms
Kane Parsons
USA, 2026
engl. OV, dt. UT oder Synchronisation
A24/Constantin Film



