Einer von uns
HENN gestalten Interieur von Schloss Bellevue in Berlin
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HENN gestalten Interieur von Schloss Bellevue in Berlin
Schloss Bellevue wird in den kommenden Jahren denkmalgerecht saniert. In diesem Zusammenhang erhält der Amtssitz des Bundespräsidenten in Berlin auch ein neues Interieur. Den entsprechenden Wettbewerb konnte HENN für sich entscheiden. Der Entwurf greift die Tradition einer gediegen-bürgerlichen Selbstdarstellung der deutschen Politik auf, deren Wurzeln bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg reichen.
Seit den 1950er Jahren gehört Schloss Bellevue am Rande des Berliner Tiergartens zu den wichtigsten Aushängeschildern bundesdeutscher Selbstdarstellung. Seit 1994 fungiert es offiziell als Erstresidenz des Bundespräsidenten. Das frühklassizistische Gebäude entstand 1785/86 und wurde mehrfach umgebaut. Rabiat etwa 1937 durch die Nationalsozialisten zum Staatsgästehaus. Im Krieg wurde es schwer beschädigt, danach schnell und notdürftig wieder aufgebaut.
Das Schloss bedurfte also dringend einer Grundsanierung. Das ist seit etwa 2000 bekannt, wurde aber immer wieder aufgeschoben – mit entsprechenden Folgen. Der Sanierungsbedarf stieg, ebenso die Kosten. Immerhin: Jetzt haben die Arbeiten unter Leitung des Büros gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner (Hamburg u.a.) endlich begonnen, nachdem das Bundespräsidialamt seinen Interimsstandort bezogen hat. Damit eröffnet sich auch die Gelegenheit, die vage klassizistisch geprägten Interieurs zu überarbeiten, die vor allem in der Amtszeit Richard von Weizsäcker von 1984 bis 1994 entstanden.
Vorgestern Abend wurden die Ergebnisse des nicht-offenen, einphasigen Wettbewerbs mit vorgeschaltetem Bewerberverfahren präsentiert, den das Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung BBR im Oktober letzten Jahres ausgelobt hatte. Elf Arbeiten wurden eingereicht. Die Jury unter Vorsitz von Carsten Wiewiorra vergab zwei Preise und zwei Anerkennungen:
Gegenüber BauNetz erklärt die im Büro HENN für Innenarchitektur zuständige Katrin Jacobs, Ziel ihres Entwurfs sei es, Räume für die Bürger*innen und Staatsgäste zu schaffen, die zugleich die Vielfalt der Demokratie ausdrücken könnten und eine Geschichte erzählten. Jeder Raum soll einen eigenen Charakter erhalten und eine insgesamt helle Stimmung verbreiten – auch die in gedeckten Grüntönen gehaltenen Räume.
Im Empfangsraum mit den Kronleuchtern aus Glasstäben sollen laut Jacobs große Wandspiegel zur Reflexion über Individualität und Geschichte einladen. Die Jury monierte in diesem Fall, dass der Raum für Fernsehberichte wenig geeignet sei. Auch dürften sich nicht alle wohlfühlen in ihrem vielfach gespiegelten Spiegelbild. Und darum geht es eigentlich: Hier sollen Bürger und Vereine, Minister, Verwaltungschefinnen und Parlamentarier empfangen werden – vor allem aber Staatsgäste. Diese erwarten ein dem immensen Wohlstand und der Staatsordnung der Bundesrepublik angemessenes Ambiente. Sie fühlen sich sonst schnell schlecht behandelt, was allen Regeln der Diplomatie nach unbedingt vermieden werden muss.
[[bildstrecke:3,6]]Im Großen Saal werden weiterhin die Wandbilder Gotthard Graubners den Eindruck beherrschen, hinzu kommen die feinen runden Wandleuchten sowie die monumentalen Kronleuchter nach dem Entwurf Karl Friedrich Schinkels. Ihre Weiterverwendung war genauso Vorgabe des Wettbewerbs wie die Rücksicht auf die Forderungen der Denkmalpflege. Wenn hier gegessen wird, dann auf braun bezogenen Freischwingern von Thonet. Statt der oft so lästig herabhängenden Tischlaken sind Decken vorgesehen, die nur bis fast an den Rand des Tischs gehen. Ein Detail, das die Jury überzeugte.
Die Wände wollen HENN in der Gestaltungstradition des Barock mit schmalen Stuckleisten gliedern, sodass die großen Flächen entweder allein und nobel für sich wirken oder Raum für das Hängen von Kunst bieten. Dass Donald Trump im Weißen Haus solche Leisten vergolden und die Flächen mit vergoldeten Ornamenten zukleben lässt, zeigt, wie wenig Ahnung er von klassischer Architektur hat. In den Visualisierungen ist auffällig wenig Kunst zu sehen. Ihre Auswahl sei schließlich, so Jacobs, die wichtigste Möglichkeit für die Amtsinhaber*in, eigene Akzente im Haus zu setzen.
Das Schloss bedurfte also dringend einer Grundsanierung. Das ist seit etwa 2000 bekannt, wurde aber immer wieder aufgeschoben – mit entsprechenden Folgen. Der Sanierungsbedarf stieg, ebenso die Kosten. Immerhin: Jetzt haben die Arbeiten unter Leitung des Büros gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner (Hamburg u.a.) endlich begonnen, nachdem das Bundespräsidialamt seinen Interimsstandort bezogen hat. Damit eröffnet sich auch die Gelegenheit, die vage klassizistisch geprägten Interieurs zu überarbeiten, die vor allem in der Amtszeit Richard von Weizsäcker von 1984 bis 1994 entstanden.
Vorgestern Abend wurden die Ergebnisse des nicht-offenen, einphasigen Wettbewerbs mit vorgeschaltetem Bewerberverfahren präsentiert, den das Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung BBR im Oktober letzten Jahres ausgelobt hatte. Elf Arbeiten wurden eingereicht. Die Jury unter Vorsitz von Carsten Wiewiorra vergab zwei Preise und zwei Anerkennungen:
- 1. Preis: HENN (Berlin)
- 2. Preis: bfs_d flachsbarth schultz (Berlin)
- Anerkennung: Nidus Studio (Düsseldorf)
- Anerkennung: Henning Larsen (München)
Gegenüber BauNetz erklärt die im Büro HENN für Innenarchitektur zuständige Katrin Jacobs, Ziel ihres Entwurfs sei es, Räume für die Bürger*innen und Staatsgäste zu schaffen, die zugleich die Vielfalt der Demokratie ausdrücken könnten und eine Geschichte erzählten. Jeder Raum soll einen eigenen Charakter erhalten und eine insgesamt helle Stimmung verbreiten – auch die in gedeckten Grüntönen gehaltenen Räume.
Im Empfangsraum mit den Kronleuchtern aus Glasstäben sollen laut Jacobs große Wandspiegel zur Reflexion über Individualität und Geschichte einladen. Die Jury monierte in diesem Fall, dass der Raum für Fernsehberichte wenig geeignet sei. Auch dürften sich nicht alle wohlfühlen in ihrem vielfach gespiegelten Spiegelbild. Und darum geht es eigentlich: Hier sollen Bürger und Vereine, Minister, Verwaltungschefinnen und Parlamentarier empfangen werden – vor allem aber Staatsgäste. Diese erwarten ein dem immensen Wohlstand und der Staatsordnung der Bundesrepublik angemessenes Ambiente. Sie fühlen sich sonst schnell schlecht behandelt, was allen Regeln der Diplomatie nach unbedingt vermieden werden muss.
[[bildstrecke:3,6]]Im Großen Saal werden weiterhin die Wandbilder Gotthard Graubners den Eindruck beherrschen, hinzu kommen die feinen runden Wandleuchten sowie die monumentalen Kronleuchter nach dem Entwurf Karl Friedrich Schinkels. Ihre Weiterverwendung war genauso Vorgabe des Wettbewerbs wie die Rücksicht auf die Forderungen der Denkmalpflege. Wenn hier gegessen wird, dann auf braun bezogenen Freischwingern von Thonet. Statt der oft so lästig herabhängenden Tischlaken sind Decken vorgesehen, die nur bis fast an den Rand des Tischs gehen. Ein Detail, das die Jury überzeugte.
Die Wände wollen HENN in der Gestaltungstradition des Barock mit schmalen Stuckleisten gliedern, sodass die großen Flächen entweder allein und nobel für sich wirken oder Raum für das Hängen von Kunst bieten. Dass Donald Trump im Weißen Haus solche Leisten vergolden und die Flächen mit vergoldeten Ornamenten zukleben lässt, zeigt, wie wenig Ahnung er von klassischer Architektur hat. In den Visualisierungen ist auffällig wenig Kunst zu sehen. Ihre Auswahl sei schließlich, so Jacobs, die wichtigste Möglichkeit für die Amtsinhaber*in, eigene Akzente im Haus zu setzen.
2. Preis und Anerkennungen
Das dürfte einer der Gründe sein, warum das Berliner Büro bfs Flachsbarth Schultz nur den zweiten Preis erhielt. Die Wände sind hier kleinteilig gestaltet und meist mit Stoffbespannungen versehen. Das macht die Installation von Kunst nicht leichter. Auf den Bildern herrscht eine im Vergleich eher schwere, dunkle Anmutung. Die mit Leder verkleideten Wände der Bibliothek rufen geradezu „Herrenzimmer“ und nach einer Rauchgarnitur. Das zentrale Element bilden hier Teppiche, die als Einzelstücke angefertigt werden sollten – mit abstrahierten Themen wie Deutsche Kulturlandschaften oder die europäische Einigung. Es sollte nur deutsches Design geben – etwa Schwingsessel Mies van der Rohes.
Eine Anerkennung errang das Düsseldorfer Büros Nidus Studio mit strengen, harten Stühlen, glatten Wänden und wenig Dekor. Die Schulung der Büro-Gründerinnen im Geist von Oswald Matthias Ungers ist unverkennbar, auch ihre Begeisterung für die Produkte der Teppich- und Textilwerkstätten des Bauhauses. Die zweite Anerkennung erhielt der mit Blumenteppichen, zarten Möbeln und hellen Farben leicht und frisch-skandinavisch wirkende Entwurf des dänischen Büros Henning Larsen. Da es in Deutschland eine Dependance unterhält, konnte es an dem national ausgeschriebenen Wettbewerb teilnehmen. Doch warum diese Engführung in einem Staat, der sich mit dem Reichstagsgebäude das wichtigste Haus des Politikbetriebs von dem Briten Norman Foster entwerfen ließ? Da hat der Bundespräsident verpasst, ein Zeichen gegen die nationalistische und antieuropäische Welle von AfD und BSW zu setzen.
Bürgerliches Hoteldesign satt feudalem Prunk
Keiner der elf abgegebenen Entwürfe zeigt jenen feudalen Prunk, der so typisch ist für die republikanisch-demokratische Selbstdarstellung etwa im Pariser Elysée-Palast, in der Wiener Hofburg, im Weißen Haus oder im wiederaufgebauten Warschauer Belvedere-Palast. Damit wird eine Tradition weitergeführt, die bis zur Revolution 1918 zurückreicht. Damals beschlossen die deutschen Staaten (mit wenigen Ausnahmen), die einstigen Residenzschlösser in Berlin, Stuttgart, München, Oldenburg oder Darmstadt kulturell zu nutzen – und nicht für die Selbstdarstellung der Republik.
Der erste Bundespräsident Theodor Heuss nahm diese Linie auf. Er wollte auch dadurch die demokratische neue Bundesrepublik absetzen vom Prunk Hitlers und Görings sowie der Pracht in Schloss Schönhausen, in das die DDR ihren ersten Präsidenten Wilhelm Pieck zwang. In Schloss Bellevue dagegen sollte sich der Staat seit dem Wiederaufbau klar in Farben und Formen zeigen, elegant, aber zurückhaltend, gehoben bürgerlich. Das Resultat mag aus kulturkonservativer Sicht oft wie sehr gutes Hoteldesign aussehen, als Bruch mit der Tradition. Doch genau das ist die bundesdeutsche Tradition seit 1949. Der Präsident soll inszeniert werden als einer von uns.
Das dürfte einer der Gründe sein, warum das Berliner Büro bfs Flachsbarth Schultz nur den zweiten Preis erhielt. Die Wände sind hier kleinteilig gestaltet und meist mit Stoffbespannungen versehen. Das macht die Installation von Kunst nicht leichter. Auf den Bildern herrscht eine im Vergleich eher schwere, dunkle Anmutung. Die mit Leder verkleideten Wände der Bibliothek rufen geradezu „Herrenzimmer“ und nach einer Rauchgarnitur. Das zentrale Element bilden hier Teppiche, die als Einzelstücke angefertigt werden sollten – mit abstrahierten Themen wie Deutsche Kulturlandschaften oder die europäische Einigung. Es sollte nur deutsches Design geben – etwa Schwingsessel Mies van der Rohes.
Eine Anerkennung errang das Düsseldorfer Büros Nidus Studio mit strengen, harten Stühlen, glatten Wänden und wenig Dekor. Die Schulung der Büro-Gründerinnen im Geist von Oswald Matthias Ungers ist unverkennbar, auch ihre Begeisterung für die Produkte der Teppich- und Textilwerkstätten des Bauhauses. Die zweite Anerkennung erhielt der mit Blumenteppichen, zarten Möbeln und hellen Farben leicht und frisch-skandinavisch wirkende Entwurf des dänischen Büros Henning Larsen. Da es in Deutschland eine Dependance unterhält, konnte es an dem national ausgeschriebenen Wettbewerb teilnehmen. Doch warum diese Engführung in einem Staat, der sich mit dem Reichstagsgebäude das wichtigste Haus des Politikbetriebs von dem Briten Norman Foster entwerfen ließ? Da hat der Bundespräsident verpasst, ein Zeichen gegen die nationalistische und antieuropäische Welle von AfD und BSW zu setzen.
Bürgerliches Hoteldesign satt feudalem Prunk
Keiner der elf abgegebenen Entwürfe zeigt jenen feudalen Prunk, der so typisch ist für die republikanisch-demokratische Selbstdarstellung etwa im Pariser Elysée-Palast, in der Wiener Hofburg, im Weißen Haus oder im wiederaufgebauten Warschauer Belvedere-Palast. Damit wird eine Tradition weitergeführt, die bis zur Revolution 1918 zurückreicht. Damals beschlossen die deutschen Staaten (mit wenigen Ausnahmen), die einstigen Residenzschlösser in Berlin, Stuttgart, München, Oldenburg oder Darmstadt kulturell zu nutzen – und nicht für die Selbstdarstellung der Republik.
Der erste Bundespräsident Theodor Heuss nahm diese Linie auf. Er wollte auch dadurch die demokratische neue Bundesrepublik absetzen vom Prunk Hitlers und Görings sowie der Pracht in Schloss Schönhausen, in das die DDR ihren ersten Präsidenten Wilhelm Pieck zwang. In Schloss Bellevue dagegen sollte sich der Staat seit dem Wiederaufbau klar in Farben und Formen zeigen, elegant, aber zurückhaltend, gehoben bürgerlich. Das Resultat mag aus kulturkonservativer Sicht oft wie sehr gutes Hoteldesign aussehen, als Bruch mit der Tradition. Doch genau das ist die bundesdeutsche Tradition seit 1949. Der Präsident soll inszeniert werden als einer von uns.
Zum Thema
Die Wettbewerbsarbeiten sind bis ist bis Mittwoch, 2. September 2026, im Berliner Dienstsitz des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung BBR (Straße des 17. Juni 112, 10623 Berlin) zu sehen. Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr geöffnet.
Kommentare
Peter
so viele Entscheidungen sind zum verzweifeln, herrje!
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