Spuren der Zeit in Chemnitz
Gründerzeitsanierung von bodensteiner fest Architekten
Der Sonnenberg in Chemnitz bot 1990 eine melancholische Landschaft des Verfalls: Ein ganzes Viertel voller Gründerzeithäuser war marode geworden, Dächer waren eingestürzt, von Birken und Farnen bewachsen, dazwischen ein paar Plattenbauten. Mittlerweile sind große Teile des um 1900 entstandenen Ortsteils wieder saniert, bewohnt und unter Chemnitzer*innen beliebt. Doch auch dreißig Jahre nach der Wende war eine Parzellüberbauung in der typischen Blockrandstruktur leer und verfallen. Durch eine Zwangsversteigerung erwarb das Münchener Duo bodensteiner fest Architekten gemeinsam mit einer anderen Privatperson das Haus. Sie sanierten es und beließen dabei in den neu entstehenden Wohnräumen so schön die Spuren der Zeit, dass ihre 2020 fertiggestellte Casa Rossa bereits ausgezeichnet wurde.
Kein Putz, auch nicht der in Chemnitz gegenwärtige rote Porphyr, sondern das historische Mauerwerk aus Reichsformat-Ziegeln von 1910 bestimmt Inneres wie Äußeres der Casa Rossa. Christian Bodensteiner und Annette Fest legten die Ziegel frei und ließen sie außen neu verfugen, hydrophobieren sowie mit einer hellen mineralischen Lasur überziehen. Mit gedämmten Faschen im Außenbereich und Fensterzargen aus Holz im Inneren ertüchtigten sie den Bestand. Neue Fenster in dunkelroten Rahmen korrespondieren farblich und kontrastieren materiell mit dem ruppigen Ziegelmauerwerk.
Die maroden Holzdecken tauschten die Architekt*innen gegen Ziegel-Einhangdecken aus. Dabei ließen sie das Mauerwerk im Dachgeschoss abtragen (die Ziegel nutzten sie für den Aufbau anderer Wände). Dort entstand neuer Wohnraum in Form einer Maisonette mit Dachterrasse und bodentiefen Fenstern. Das Wohnhaus am Sonnenberg zählt seit dem Umbau sechs Wohneinheiten: im Erdgeschoss zwei Zweizimmerwohnungen, drei Etagenwohnungen in den Obergeschossen und die Maisonette unterm Dach.
Bei der Modernisierung der Wohneinheiten verfolgten die Architekt*innen unterschiedliche denkmalpflegerische Themen: Im ersten Obergeschoss verwendeten sie alle erhaltenswerten und restaurierten Zimmertüren des Gebäudes, im Wohnzimmer des dritten Stocks legten sie das Mauerwerk auch innen frei. Dabei ließen sich bodensteiner fest von einem gewissen Purismus leiten: Ihre Materialien – Ziegel, Holz, Schwarzstahl und Beton – bleiben stets erkennbar und sind nur mit Lasur oder Öl behandelt. (sj)
Fotos: Steffen Spitzner, bodensteiner fest Architekten
Die Art der Kommentare ist teilweise komplett unmöglich. Gehässig, abwertend in einer Weise, die nichts mit sachlicher Kritik zu tun hat - und das unter anonymen Namen. Liebe betroffende Kollegen, Ihr seid Feiglinge :)
aber ein paar trümmer und ein gut erhaltenes portal machen aus der kopie eines schlosses immer noch keine denkmalpflegerische bauaufgabe. mit ihrer phantasie könnten sie sich beim gruseligen 'förderverein berliner stadtschloss e.v.' bewerben.
na das schloss ist der träger für die eingelagerten versatzstücke weil ja nichts mehr übrig war vom (hier stimmts sogar) "tragwerk". also ist es ein träger für eine denkmalpflegerische rekonstruktion. jetzt bin ich begeistert von meiner eigenen definition ! ;-)
ich fürchte sie haben gerade die sportart verwechselt. ach ja, weil sie mich sicher gleich danach fragen was eigentlich meine meinung zum projekt ist: mich erinnert das ganze an das buhei um gunther von hagens' körperweltenausstellungen vor einiger zeit. irgendwie hat das ganze was sehr angestrengtes mit nekrophilen zügen. und dann muss ich noch an grimm's märchen von "des kaisers neue kleider denken": ein wenig viel gewese um die nacktheit eines (schönen aber eben doch gewöhnlichen) gebäudes, meinen sie nicht?
Kann man machen, spätere Bewohner werden den Putz wieder anbringen. Vielleicht mit den Erfahrungen jüngerer Experimente mit technisch avancierten und zugleich architektonisch raffinierten Putzanwendungen. Interessant wäre eher: Woher kommt die immer noch oder wieder zur Schau gestellte Abneigung unserer Zunft gegen die schützende, schmückende, profilierende, Licht modulierende und reflektierende Bekleidung? Warum wird diese rigoros ("puristisch") beseitigt? Um eines romantischen Bildes von den "eigentlichen" Materialien willen. Ruinendenkmalpflege, lange Ausdruck der modernen Abneigung gegen die (über-)kultivierten Oberflächen des bürgerlichen Bauens, ist immer noch en vogue, aber inzwischen doch eher im Bereich des Lifestyle-Dekors. Das exhibitionistische Entkleiden traditionell verputzter Bauten macht sich in der Werbung in der Tat richtig gut, so wie Modeaufnahmen in authentischen Slums. Aber auch in Sachsen gehört es nicht zu den "denkmalpflegerischen Verfahren", die das konstruktive Bewahren im Auge haben. Dennoch gut gemacht, keine Frage. Man denkt halt nur, bei einer echten, italienischen, rossa Ruine wäre es stimmiger. Es fehlen wohl die kontrastreichen Hintergründe des Einfachen, Alten, Armseligen, vor denen wir unsere überlegene Modernität gelassen zelebrieren können.