Drei Sieger auf der Überseeinsel
Hochbaulicher Wettbewerb in Bremen entschieden
Auf dem direkt an der Weser liegenden, ehemaligen Kellogg-Areal in Bremen soll entsprechend einem städtebaulichen Entwurf von SMAQ Architektur & Stadt und Man Made Land das gemischt genutzte Stadtviertel Überseeinsel mit verschiedenen Quartieren entstehen. Wo noch bis 2017 Frühstücksflocken produziert wurden, läuft nun die Umstrukturierung zum neuen Wohn-, Arbeits- und Erholungsbezirk an. Die Überseeinsel ist Teil des Transformationsvorhabens Überseestadt in den alten Hafengebieten Bremens, eines der derzeit größten Stadtentwicklungsprojekte Europas.
Für das erste der geplanten Quartiere Neu Stephani mit den beiden nebeneinander liegenden Planungsgebieten Stephani-Ost und Stephanibogen führte der Projektträger Überseeinsel GmbH Mitte 2020 zwei geschlossene hochbauliche und freiraumplanerische Realisierungswettbewerbe durch. Das Bremer Büro BPW Stadtplanung betreute das Verfahren. Ende 2020 entschied sich das Preisgericht unter Vorsitz von Stadtplaner Jörn Walter einstimmig für drei Gewinner – „Vielfalt“ lautete dabei das Motto.
Planungsgebiet Stephani-Ost
Die Wettbewerbsausschreibung für Neu Stephani orientierte sich am Rahmenplan der Überseeinsel, der nach einem mehrstufigen Werkstattverfahren 2018 und einer Bürgerbeteiligung im Oktober 2019 beschlossen wurde. Für das Plangebiet Stephani-Ost, das die Überseeinsel mit der Innenstadt verbinden soll und fünf Geschosswohnungsbauten innerhalb definierter Baufelder umfasst, war dabei die Möglichkeit vorgesehen, unterschiedliche Entwürfe miteinander zu kombinieren. Da die Jury zwei erste Preise verlieh, kommt genau das nun zum Tragen: Drei der fünf Gebäude sollen von Allmann Sattler Wappner (München) kommen. Zwei weitere Gebäude von den anderen Erstplatzierten, Felgendreher Olfs Köchling (Berlin). Die Freiraumplanung übernimmt das Büro rabe landschaften (Hamburg).
Die Preisvergabe im Überblick:
- Ein 1. Preis: Allmann Sattler Wappner (München) mit rabe landschaften (Hamburg)
- Ein 1. Preis: Felgendreher Olfs Köchling (Berlin) mit Bischoff Landschaftsarchitektur (Baden Schweiz)
- 2. Preis: Hild und K Architekten mit Studio Vulkan Landschaftsarchitektur (beide München)
- 3. Preis: eins:eins architekten mit Hahn Hertling von Hantelmann Landschaftsarchitekten (beide Hamburg)
Allmann Sattler Wappner überzeugten mit einem an den Typus des „Bremer Hauses“ und die industrielle Vorgeschichte des Ortes angelehnten Entwurf. Auch die vielfältigen Bezüge zur Weser, unter anderem bei Material- und Farbauswahl, gefielen. Felgendreher Olfs Köchling punkteten mit flexiblen Wohnungsgrundrissen bei geringer Tiefe, die einen optimalen Lichteinfall und viele Sichtachsen ermöglichen. Architektonisch an den angrenzenden Bürogebäuden orientiert, fungieren die Häuser zudem als verbindendes Element und Überleitung in das Quartier.
Stephanibogen
Beim zweiten, nach Westen hin spitz zulaufenden Planungsgebiet Stephanibogen steckt die Vielfalt im Detail: Der großräumige Komplex gliedert sich in fünf Gebäude und drei gemeinschaftlich genutzte Innenhöfe. Die Baukörper werden durch unterschiedlich gestaltete Treppenhäuser, Loggien, Wintergärten, Balkone und Fassaden charakterisiert. Vorgesehen sind hier unter anderem ein Schwimmbad, ein Gesundheitszentrum mit Praxen, Fitnesseinrichtung und Apotheke, Labore und Büros sowie kleinteilige Gewerbeeinheiten für Handwerk und Kreative. Hier gingen das Team der beiden Berliner Büros Robertneun und Lohrengel Landschaft als Gewinner aus dem Wettbewerb hervor, der wie folgt entschieden wurde:
- 1. Preis: Robertneun mit Lohrengel Landschaft (beide Berlin)
- 2. Preis: Hilmes Lamprecht Architekten mit Horeis+Blatt Landschaftsarchitekten (beide Bremen)
- Eine Anerkennung: BAID Architektur (Hamburg) mit WES LandschaftsArchitektur (Berlin)
- Eine Anerkennung: kadawittfeldarchitektur (Berlin) mit Greenbox Landschaftsarchitekten (Köln)
Der Entwurf von Robertneun weise „singuläre Markanz und Eigenständigkeit“ auf, so die Jury in ihrer Erklärung. „Die Verfasser beschreiten einen mutigen Weg, die unterschiedlichen Nutzungsbausteine von Wohnen, Gemeinbedarf und Gewerbe in einer einheitlichen und für den Ort identitätsstiftenden Gebäudestruktur zu vereinen.“ Auch die landschaftsarchitektonischen Vorschläge zur Charakterisierung der Innenhöfe seien plausibel und hervorragend durchgearbeitet. (da)
Ein Investor verfolgt unweigerlich andere Ziele als die, die ein Senat städtebaulich vorgeben sollte. Am Ende einer Investition steht ein finanzieller Gewinn gerechnet auf die Verwertung/Lebensdauer eines Gebäudes. Gut, dass wenigstens ein beschränkter Wettbewerb stattgefunden hat. KlausMeier beruft sich in seinem Kommentar auf scheinbar technische Raffinessen, die das Gebot der Stunde in Materialwahl, Energieeinsparung etc. sind. Das hat mit der Kubatur der hier gezeigten Architekturentwürfe nur bedingt etwas zu tun. Sicherlich kann man hier abwarten, wie die Enwürfe umgesetzt werden. Ob sie sich einreihen in die schon gebaute Überseestadt mit ihren Reihungen, die so in Düsseldorf, Dortmund, Münster, Berlin, Basel stehen könnten und nichts ortsspezifisches haben. KlausMeier begrüßt es, endlich mal keinen Rotklinker als Fassade zu haben. Klinker ist keine spezifisch Bremer Erscheinung, genauso wenig roter Backstein. In vielen Hansestädten ist eher das schmale Giebel-Langhaus vorherrschend und hist. begründbar. Bremen bestand seit dem Mittelater überwiegend aus Sandstein und Fachwerk, mal verputzt, mal mit sichtbarem Gefach, im 19. Jahrhundert bestanden Gebäude normalerweise als hell verputztes Massivmauerwerk. Vieles, was heute als roter Klinker sichtbar ist, wurde von Nazis seit den 1930ern Jahren (Böttcherstraße) und nach 1949 flächendeckend etabliert. Welche Versäumnisse finden trotz eines Wettbewerbsverfahren statt? Das Desinteresse der Grundstücksvergabe, die nur Investoren wie Zech u.ä. eine Übernahme ermöglicht. Ein nicht offfener Wettbewerb mit beschränkter Zulassung, mit gesetzten Büros. Und wie viele en-vogue-Büros mit Sitz in Berlin wurden seit Iris Reuthers Einzug 2014 als gesetzte oder eingeladene Büros zu nicht-offenen Wettbewerbsverfahren geholt? Gegen die Berliner Büros ist an sich nichts einzuwenden, es ist bloß auffällig und bringt bisher offensichtlich auch nicht den gewünschten Effekt. Die Europacity in Berlin wird auch kein architektonisches Highlight der Stadt. Im Vergleich dazu die Architekturvorschläge des Werkbunds eines Berliner Baublocks aus 2014. Die Überseestadt und ehemalige Werftanlagen in Bremen Nord sind flächenmäßig das größte Konversionsgebiet der BRD. Größer als die Hamburger Hafencity. Was wurde bisher vom Senat unternommen? Eine intransparente Grundstücks"verwertungsgesellschaft" eingerichtet, viele Investoren, gelegentlich ein vorgeschalteter Semi-Wettbewerb. Eine Idee, was aus einer Industrie-Umschlagsfläche als Ziel geschehen soll? Städtebauliche Präferenzen? Momentan pfeift der Wind durch die schnurgeraden Straßen neben den Bauklötzchen - ohne Rotklinker und ohne Aufenthaltswert. Funktionsmischung ist ein neuer Ansatz. Selbst die stadtplanerischen Mittel sind eher dürftig angewandt für das Plangebiet. Der große Wurf fehlt.
Die schwappenden Dächer könnten auch als der klimakatastrophale Meeresspiegel über Bremen gelesen werden. Entwurf, Jury und der Zeitgeist finden sich oft unterbewusst. Wie bleiern dagegen eine Gerade, wie etwa auch eine Mole. So bleiern wie stehendes Wasser.
Dass hier wieder einmal nur Namen von Büros auftauchen, die Ruf und Standbein besonders in Berlin haben, kann man nicht mehr für Zufall halten. Es hat wohl eher etwas mit dem Konzept von Iris Reuther zu tun. Hauptsache man holt diverse bekannte Büros in die Stadt, dann ergibt sich irgendwie gute Architektur. Freunde von Freunden. Das ist wohl verfehlt. Ebenso wie die vielen Reihenhäuser, die in Bremen neu gebaut werden und nichts mit dem Altbremer Haus gemein haben, so ist hier auf dem Kellog's Areal, Überseeinsel weder einen Anlehnung an die ehemalige Speicher- und Industrie-Hafenarchitektur zu sehen, noch ergeben sich gute, diverse Formen und urbane Räume. Die hilflosen Versuche, durch Landschaftsarchitektur in Polygonen die Architektur-Klötzchen vergessen zu machen ist allzu banal. Mal Camillo Sitte gelesen? Wie wäre eine Neuinterpretation des öffentlichen Zwischenraums. Spannung? Müssen zugezogene-Bremen-Hasser sein, die immer in der Jury von oben herab die Architektur Bremens definieren. Sehr enttäuschend und hinterwäldlerisch, global finde ich die Beiträge von Felgendreher Olfs Köchling. Die keramische Fassade von Allmann Sattler in anderer Farbe (Meeresbezug ist Humbug) könnte vielversprechend sein.