Buchtipp: Wohnliche Dämmschicht
Greenhouses. Studies on Type
Genau genommen bezeichnet der englische Begriff „Greenhouse“ ein Gewächs- oder Treibhaus. Doch schon lange begeistert die Magie der sonnengewärmten, in Glas gehüllten Räume auch jenseits der Landwirtschaft. Viele Architekturschaffende haben ihr Potenzial als klimatische Pufferzonen für neue Wohntypologien erkannt. Historische und aktuelle Beispiele hat das Laboratory of Elementary Architecture and Studies of Types (EAST) an der EPFL in Lausanne untersucht. 30 von ihnen versammelt die im Herbst 2026 erschienene Publikation Greenhouses.
Mit dem Buch setzt das EAST seine Reihe Studies on Types fort, in der bereits Dormitories (2022), Mass Made Units (2024) und Filling Stations (2024) erschienen sind. Greenhouses ist das Resultat mehrjähriger Forschung und Lehre. In drei Semesterprojekten untersuchten Studierende gebäudeintegrierte Gewächshäuser hinsichtlich ihrer räumlichen Qualitäten und ihrer Wohnnutzung. Um diese Themen kreiste auch Tiago P. Borges Dissertation, die er 2025 unter Betreuung von Anja Fröhlich abschloss. Gemeinsam mit Martin Fröhlich, ebenfalls Professor am EAST, treten sie nun als Herausgeber*innen auf.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten erfährt man, wie das Gewächshaus vom Kleingarten ans Haus wanderte, sich an Fassaden andockte und schrittweise in den Wohnalltag einbezogen wurde, illustriert mit historischen Fotos, Plänen und Broschüren. Er beschreibt die klimatischen Vorteile der Zwischenzonen, in denen warme oder kalte Luft gepuffert wird – ganz ohne Gebäudetechnik. Wintergärten erscheinen wie eine bewohnbare Dämmschicht. Gerade deshalb sind sie auch elementar für die sogenannte solare Architektur der 1970er Jahre. Mit Jeannette und Peter Gygax kommen Schweizer Vertreter*innen dieser Strömung ausführlich zu Wort. Hier entsteht eine Verbindung zu aktuellen Debatten um Klimaanpassung und verstärkten Wärmeschutz.
Die klimatischen Vorteile dieser Architektur stehen Umweltwirkungen gegenüber, die im Buch leider unerwähnt bleiben. Auch wenn es sich um eine typologische Studie handelt, wäre ein Verweis auf die Entwicklung und Herstellung der nötigen Flachgläser, Polycarbonatplatten und Metallbauteile wertvoll gewesen. Schließlich machen der Ressourcenzugriff und eine stabile Wärmeerzeugung diese Architektur überhaupt erst möglich.
Im zweiten Teil des Buchs sind 30 Fallstudien mit Grundriss und teils auch Schnitt porträtiert, gezeichnet von Studierenden des EAST-Entwurfsstudios. Das älteste Beispiel, der nicht realisierte „Etappenbau“ von Leberecht Migge, stammt aus dem Jahr 1921. Das jüngste ist das 2022 fertiggestellte Maison Commune des Büros Plan Común. Die Buchgestaltung stammt von Omnigroup aus Lausanne. Der wuchtige Kontrast zwischen Tannengrün und fluoreszierendem Rot-Orange wirkt eher unangenehm. Bei den Plänen hingegen erscheint die Farbkombination ideal, um das „Greenhouse“ im jeweiligen Projektbeispiel schnell zu erfassen.
Einen Überblick über die große typologische Vielfalt bei der Beziehung zwischen Greenhouse, Wohnraum und Erschließung vermittelt der sogenannte Atlas am Ende des Buchs. Hier sind – im einheitlichen Maßstab 1:625 – auch die Größenverhältnisse der Fallbeispiele erkennbar. Um die räumliche Dimension und Materialität wirklich gut einschätzen zu können, fehlen leider begleitende Fotos. Eine Handvoll Aufnahmen findet sich immerhin in der Buchmitte. Hier wird deutlich, welch tolle Lebensräume für Menschen und Pflanzen in den Wintergärten und Atrien entstehen. Hier ist die Botschaft der Herausgeber*innen ganz klar: Es ist Zeit, den Wintergarten nach Hause zu holen!
Greenhouses. Studies on Types
Laboratory EAST, EPF Lausanne (Hg.)
Gestaltung: Omnigroup
Englisch
192 Seiten
Triest Verlag, Zürich 2026
ISBN 978-3-03863-112-5
29 Euro



