Natursteintempel zwischen Einfamilienhäusern
Gemeinschaftszentrum von Atelier EGR in Coudoux
Okulus, Pyramiden, zurückgelassene Steinblöcke, ein symmetrischer Bau, der wie ein abstrakter Tempel daherkommt: ein fast schon mystisches Setting. Es handelt sich hier jedoch um das neue Gemeinschaftszentrum der südfranzösischen Gemeinde Coudoux in der Provence-Alpes-Côte d’Azur. Der Entwurf von Atelier EGR (Marseille) spielt mit den formalen und räumlichen Eigenheiten der homogenen Siedlung, die aus zahllosen Einfamilienhäusern, Pools und Vorgärten besteht.
Denn so wie die Häuser der knapp 4.000 Einwohner*innen zieht sich auch das Gemeinschaftszentrum zurück in den mittigen Teil seiner Parzelle – durch Mauern klar abgegrenzt von den Nachbarn. Hier allerdings macht das Grundstück zur Straße hin ein Zugeständnis an den öffentlichen Raum. Die Mauern weichen kurvenförmig zurück und lassen eine breiten Durchgang frei: um der „bedrückenden Logik zu entkommen, dass jeder für sich bleibt“, wie die Architekt*innen schreiben.
Begrüßt wird die Nachbarschaft – laut lokalen Fachmedien vornehmlich Manager*innen und Akademiker*innen – zunächst von einem niedrigen Satteldachhäuschen. Der frühere Schafstall ist neben dem Steinbrunnen der einzig nicht abgerissene Bestandsbau des ehemals landwirtschaftlich genutzten Grundstücks. Atelier EGR sanierten ihn und fügten zwei Musikräume ein. Mit seinen dicken, hervorstehenden Fensterrahmen wirkt das kleine Haus wie ein entfernter Verwandter des dahinter aufragenden Natursteinbaus.
Vorbei an Pyramiden, Brunnen und den losen Natursteinblöcken – die während der Bauarbeiten beschädigt wurden – geht es auf den Betonsockel, der das zweistöckige Hauptgebäude umläuft. Dessen vier plastisch gegliederten Fassaden sind allesamt identisch. Vier tief eingeschnittene Eingangsbuchten führen von jeder Seite ins Innere dieses Zentralbaus. Die äußere ungeheizte Schicht bilden Nebenräume, Toiletten, Aufzug und zwei Treppen. Während diese raumhaltige Fassade aus 35 Zentimeter starken Natursteinblöcken besteht, wird der mittige Hauptraum von 30 Zentimeter dicken Dämmziegeln samt rotem Lehmputz eingefasst.
Im Erdgeschoss steht eine um 30 Grad gedrehte Betonstütze im Zentrum. Entlang der windmühlenartig verlaufenden Träger lässt sich der Raum in vier unterteilen und etwa als unabhängige Probenräume nutzen. Gelbe Akustikpaneele sorgen für Schallschutz. Wo sich unten die Eingänge befinden, drückt sich der Mehrzwecksaal oben durch die dicke Funktionsschicht bis an die Fassade. Hier tauchen die an Bilderrahmen erinnernden Fenster wieder auf.
In der Fassade sitzen sie zwischen den umlaufenden Betongesimsen, die die Natursteinmauer verstärken sollen. Das Attikaband ist dabei mit stolzen 2,80 Meter so hoch wie ein eigenes Geschoss. Dass Atelier EGR für ihr Hauptmaterial auf Naturstein zurückgriffen, stellt sich in eine gewisse lokale Tradition. Er findet sich unter anderem in einem gegenüberliegenden, verfallenen Wasserspeicher, auf den sich die Architekt*innen beziehen. Freilich denkt man aber auch an Bauten von Fernand Pouillon, der unweit in Aix-en-Provence und Marseille baute. (mh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Atelier EGR
- Ingenieurbüro:
- SP2
- Akustik:
- A2MS
- Bauherrschaft:
- Gemeinde Coudoux
- Fläche:
- 540 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 1.700.000 €
Erst kürzlich präsentierten wir ein Kulturzentrum aus Naturstein in Provence-Alpes-Côte d’Azur von Tectoniques.









