Neue Direktorin am Architekturzentrum Wien
Drei Fragen an Doris Kleilein
Doris Kleilein wird neue Direktorin am Architekturzentrum Wien AzW. Die Architektin, Architekturkritikerin und Verlegerin aus Berlin wird die international einflussreiche Institution ab 2027 gemeinsam mit Geschäftsführerin Karin Lux leiten. Sie folgt auf Angelika Fitz, die ihre Position nach zehn erfolgreichen Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgibt. Was hat sie sich vorgenommen?
Doris Kleilein, mit Dir wird eine Verlegerin Direktorin am AzW. Erscheinen nun einige Buchtitel und Themen als Ausstellung? Bei JOVIS haben wir uns zunehmend auf die großen Transformationsthemen der Architektur und des Urbanismus fokussiert: den Umgang mit der Nachkriegsmoderne, einen neuen Landschaftsbegriff, Klima, Wohnen, Mobilität, Teilhabe, aber auch veränderte Praktiken in der Architektur wie das Arbeiten im Kollektiv, mehr Diversität in der Planung oder Kreislaufwirtschaft. Die Themen und auch viele Autor*innen werden mich auf jeden Fall weiter begleiten.
Du hast über 30 Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet. Hier gibt es nicht die eine, öffentlich getragene Architekturinstitution, wie es das AzW in Wien ist. Stattdessen kann man fast jeden Abend auf mindestens zwei gleichzeitigen Veranstaltungen über Architektur und Stadtentwicklung diskutieren. Wie viel Berlin bringst Du mit nach Wien? Oder anders herum: Vor welchem Wien hast Du Respekt? Ich bin wie so viele Anfang der 90er Jahre nach Berlin (Ost) gezogen und habe in Berlin (West) Architektur studiert, habe den permanenten Stadtumbau jeden Tag miterlebt: die Wiedereröffnung der Geisterbahnhöfe, die Sanierungsgebiete, den Bau des Potsdamer Platzes, des Regierungsviertels, des Mauerparks, die Öffnung des Tempelhofer Flugfelds. Wie Freiräume genutzt werden und verschwinden können, wie aus einem Überfluss an Wohnraum ein Mangel werden kann, wie eine Stadt mit dem Verkauf von städtischen Wohnungen und Grundstücken ihr Tafelsilber verscherbelt, wie erfolgreiche soziale Stadtentwicklung die Gentrifizierung pusht und so weiter. Die Berliner Szene ist aktiv und setzt international Maßstäbe wie bei der gemeinwohlorientierten Entwicklung des Hauses der Statistik, der Radbahn Berlin, mit Parks wie am Gleisdreieck. Politisch ist leider Stillstand, das Rad wird eher zurückgedreht, Kultur eingespart, Transformationsprojekte werden eingefroren. Diese Erfahrungen nehme ich mit nach Wien, wo die Stadtentwicklung andere Traditionslinien hat. Von Berlin aus blicken wir auf eine erfolgreiche Wohnungsbaupolitik, auf Genossenschaften und neue Wohnmodelle, auf genderspezifische Planung, auf den Mut zu großflächigen Stadterweiterungen wie die Seestadt Aspern. Kritisch zu befragen, wo Wien heute steht und was wir davon auf andere Städte übertragen können: Das Thema wird mich beschäftigen.
Deine Vorgängerin Angelika Fitz hat in ihrer zehnjährigen Amtszeit den Blick über Architektur hinaus auf die dahinterstehenden Menschen und Haltungen gelenkt und dem AzW dabei eine feministische Prägung verliehen. Wirst Du diesen Weg weiterverfolgen? Ja, ich stehe für eine Kontinuität im besten Sinn, da ich die feministischen, ökologischen und planetarischen Ansätze von Angelika Fitz teile und weiterentwickeln möchte. Das sind weite Felder, auf denen es noch viel zu tun gibt: Die Bauwende ist ja nicht geschafft, sondern hat gerade erst angefangen. Mein Fokus wird noch stärker auf den gesellschaftlichen und städtischen Transformationsthemen liegen – und auf Lebenspraktiken, die sich zurzeit rasant verändern: Welche Orte und Räume brauchen superdiverse, alternde, vom Klimawandel betroffen Gesellschaften? Als Architektin habe ich einen hohen Anspruch an die Ausstellungsgestaltung: Architektur lässt sich zwar nicht 1:1 präsentieren, aber ich möchte Räume und Objekte direkt erfahrbar machen, auch gemeinsam produzieren. Das Architekturzentrum Wien als ein offenes Haus mitten in der Stadt bietet hierfür die besten Voraussetzungen.
Die Fragen stellte Friederike Meyer.