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08.06.2017

Vom 19. Jahrhundert lernen

Baustellenbesuch bei AFF in der Berliner Dorotheenstraße


Seit acht Jahren arbeitet das Büro AFF an der Sanierung eines Gebäudekomplexes in der Berliner Dorotheenstraße. Er entstand 1898 für den Chemiefabrikanten Dr. Kunheim nach Plänen des Architekten Franz Schwechten und wird nun für Büros des Deutschen Bundestages ausgebaut. Derzeit wirken die Räume vollkommen nackt. Viele Decken sind entfernt. Die spätere Raumstruktur ist nur in wenigen Gebäudeteilen bereits ablesbar. Robert Zeimer erzählt über die Schönheit des eingefrorenen Moments.

Von Friederike Meyer


Herr Zeimer, bis das Gebäude in der Dorotheenstraße an die Bauherren übergeben wird, dauert es noch eine Weile. Sie haben uns zur Zwischenbesichtigung geladen. Aus welchem Grund? Robert Zeimer: Wir sanieren einen denkmalgeschützten Bau aus der Zeit der Industrialisierung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Das ist ungemein spannend weil bereits viele moderne Einflüsse erkennbar sind und dennoch ein historisierender Baustil die Fassaden und Oberflächen prägt. Viele der modernen Einflüsse sind in Konstruktionen ablesbar, die sich hinter den Oberflächen verstecken. Diese sind aktuell sichtbar.

Zum Beispiel? Es gibt im Gebäude sehr seltene Konstruktionssysteme, die nur noch in wenigen Bauten aus dieser Zeit überliefert sind. Zum Beispiel das extrem leichte Gipsdielen-Deckensystem zwischen den Stahlträgern. Es macht für die Denkmalpfleger einen wesentlichen Teil der bautechnologischen Geschichte aus. Für uns ist der Kontrast zwischen dieser Art Leichtbaukonstruktion und der Opulenz der neoromanischen Klinkerfassaden frappierend.

Was ist noch besonders an diesem Bau? Franz Schwechten entwarf ein Multifunktionsgebäude. Ein solches Nutzungskonglomerat aus Kontorgebäude, Bürohaus, Angestelltenwohnhaus und Villa war nicht alltäglich in Berlin. Das Gebäude durchzog ursprünglich den gesamten Block zwischen Dorotheenstraße und Spreeufer und bildete zwei Schmuckfassaden an den jeweiligen Enden des Blockes aus: Eine Kontorhausfassade an der Dorotheenstraße und eine Villenfassade an der Spree. Dieser Funktionsmix erinnert an einen venezianischen Palazzo. Und die zerstörte Fassade an der Spree war ja tatsächlich im Stil eines italienischen Palazzo gestaltet. Erstaunlich ist auch, dass die sonstigen Gebäudeteile sehr gut erhalten sind. Vor allem die beeindruckende Schmuckfassade zur Dorotheenstraße hat nur leichte Kriegsschäden und ist weitgehend intakt.

Welchen Zustand haben Sie zu Projektbeginn vorgefunden? Das Gebäude war leer und strahlte dennoch den typischen Zwischennutzungszustand aus, der für das Berlin der 1990er Jahre so prägend war: Kleinkultur, Vereine, Sprachschulen, Clubkultur. Entsprechend bunt waren die Innenraumoberflächen. Einige originale Bauteile aus dem 19. Jahrhundert wie Kastenfenster, Treppen und Treppengeländer fanden sich neben Bürotüren aus den 30er Jahren, PVC-Böden und Tapeten aus den 70er und 80er Jahren und Lametta, Diskokugeln und selbstgebauten Bartresen aus den 90er Jahren.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was erhalten bleibt und was nicht? Beim Bauen im denkmalgeschützten Bestand ist das immer ein Abwägen zwischen den Interessen und Expertisen vieler unterschiedlicher Parteien. Wir als Architekten müssen uns da vor allem eine klare eigene Position erarbeiten und den Entscheidungsprozess moderieren. Unsere Planung basiert in erster Linie auf denkmalpflegerischen Bestandsaufnahmen. Wir haben unsere Entwurfsgedanken hauptsächlich mit dem Bauherrn, den späteren Nutzern und den Denkmalbehörden verhandelt. Dabei passierte, was oft passiert: Manches halten wir aus ästhetischen Erwägungen für erhaltenswürdig, die Denkmalbehörde aber nicht. Manchmal stellt die Denkmalpflege eine Besonderheit heraus, auf die wir in der Planung nicht unbedingt ein Augenmerk gelegt hätten. Und manchmal gibt es auch den wunderbaren Fall, dass sich die Interessen aller Beteiligter decken.

Gab es auch Überraschungen, mit denen weder Architekten noch Denkmalpfleger gerechnet hatten? Die massive und konsequente Stahlkonstruktion hatten wir nicht erwartet. Die denkmalpflegerische Bestandsaufnahme ging in der Hauptsache von einem Mauerwerksbau mit leichten Stahldecken aus. Aber hinter der Schmuckklinkerfassade und in den Innenwänden des Gebäudes wurde während des Bauprozesses sehr viel konstuktiver Stahl entdeckt. Wir erkennen beispielsweise in der Fassade ein Rundbogenfenster, aber der Bogen ist kein konstruktives Klinkerbauteil. Die Fassade wird durch eine verdeckte Stahlkonstruktion abgefangen. Konstruktion und gestalterischer Anschein sind also nicht deckungsgleich.

Was sagt das über das Bauen im 19. Jahrhundert? Das Gebäude zeigt die Ambivalenz seiner Zeit. Wir sehen ein extrem entwickeltes Handwerk und wir sehen eine beeinduckende und inspirierende Tradition im Umgang mit unterschiedlichsten Baumaterialien. Wir sehen aber auch gleichzeitig den Willen der damaligen Architekten, diese Tradition zu brechen und industriell zu bauen. Würde man die Fassade wegnehmen und den reinen Stahlbau ausstellen, wäre dieser sehr modern. Die Vielzahl der kulturellen Einflüsse auf das Bauen des späten 19. Jahrhunderts ist in gewisser Weise auch mit unserer Zeit vergleichbar. Das macht die Bauten aus dieser Zeit ja so vielschichtig, nicht nur in Deutschland und Europa. Man entdeckt in diesem Bau Franz Schwechtens auch Anklänge der Architektur eines Louis Sullivan in Chicago.

Was ist der gestalterische Leitfaden der Sanierung? Wir bauen in dieses Gebäude weder eine komplett andere Struktur hinein, noch versuchen wir, das 19. Jahrhundert nachzubauen. Die Fassaden bleiben. Da addieren wir bis auf einige Vordächer in den Hoffassaden nichts. Die Fassaden spielen natürlich auch eine entscheidende Rolle für die Innenräume. Da geht es uns in erster Linie um die Details der Fensteröffnungen, die wir so wenig wie möglich verfälschen möchten, obwohl ein Teil der Fenster neu gebaut und technologisch sehr anspruchsvoll ist. Auch die Treppenhäuser mit den historischen Untersichten, Stahlgeländern und eingespannten Natursteinstufen bleiben erhalten. Die vier Treppenhäuser werden sogar mit den ermittelten Originalwandfarben und den bauzeitlichen Vergoldungen rekonstruiert.

AFF ist bekannt für seine markante und subtile Gestaltung. Wie können Sie bei dieser Vielfalt noch Neues entwerfen?
Wir werden an geeigneten Punkten weiterentwerfen und neu ansetzen. Gestaltungsakzente setzen wir da, wo der Bestand Lücken oder Defizite hat. Wir nehmen Elemente auf und entwickeln sie weiter: zum Teil durch Abstraktion oder durch Veränderung im Maßstab. Die Rhomben der alten Treppenuntersicht finden sich zum Beispiel in der Gestltung der Flurwände wieder. Die großen Besprechungsräume haben ebenfalls Anklänge der historischen Ornamentierung. Jedoch kehren die Ornamente an den Decken als großmaßstäbliche Bauteile wieder. Es gibt also viele Wiederklänge von Elementen, die im Haus schon angelegt sind.

Wird man Neues von Altem unterscheiden können? Anders als in einigen unserer anderer Projekte im Bestand sind historische und neue Bauteile in der Dorotheenstraße stark miteinander verwoben. Da geht es eher um ein Austarieren. Die große Herausforderung wird die Handwerklichkeit der neuen Bauteile sein. Die neu gestalteten Details und deren Ausführung müssen sich mit den sehr schönen und überaus feinen historischen Baudetails messen können. Das ist für die Selbstverständlichkeit des Nebeneinanders der Bauteile unterschiedlicher Epochen sehr wichtig.


Zum Thema:

Alle Beiträge der Interviewreihe IM BAU finden sie hier.


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Die beeindruckende Schmucksteinfassade an der Dorotheenstraße hat nur leichte Kriegsschäden.

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Die Fassadenelemente stehen für das hoch entwickelte Handwerk im 19. Jahrhundert.

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Viele der modernen Einflüsse des 19. Jahrhunderts sind derzeit in den Konstruktionen ablesbar.

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Eine derart massive und konsequente Stahlkonstruktion hatten Architekten und Denkmalpfleger im Inneren nicht erwartet.

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