Alte Platte neu aufgelegt
Auf einer Umbaustelle in Stendal mit Jurek Brüggen
Alte Platte neu aufgelegt
Auf einer Umbaustelle in Stendal mit Jurek Brüggen
In Stendal stehen viele Plattenbauten leer. Einen davon wollen undjurekbrüggen zu einem Terrassenhaus umbauen. Dafür lassen die Architekt*innen einige Betonelemente entfernen. BauNetz war vor Ort.
Diese Geschichte über einen Plattenbau-Umbau in Stendal beginnt selbstverständlich im Zug. Nicht nur, weil sich Redakteur und Architekt dort verabredet hatten, sondern weil der Architekt auf diesem Wege zu seinem Projekt kam. Jurek Brüggen strandete eines Tages am Bahnhof der sachsen-anhaltinischen Stadt. Also unternahm er eine Stippvisite – und traf auf besagte Platte.
Genauer gesagt stieß Brüggen auf die zahlreichen WBS-70-Bauten, die die DDR in Stendal errichtet hatte, weil man Wohnungen für die Arbeit am dort geplanten Kernkraftwerk benötigte. Dieses wurde aber nie fertig. Nach der Wiedervereinigung zogen viele Leute weg. Ergo standen die Wohnungbauten zu großen Teilen leer, etliche ließ die Stadt abreißen. Kurz nach seinem zufälligen Besuch las Brüggen in der Lokalzeitung die Überschrift „Zu wenig Bauland in Stendal“. Es ging um den Bau von Einfamilienhäusern.
Bestehenden Wohnraum abreißen, obwohl neuer nachgefragt wird? Ginge nicht beides, Plattenbauten bewahren und trotzdem die Sehnsucht nach einem Haus samt Garten befrieden? Wieder zurück in Berlin, wo der Architekt sein Büro undjurekbrüggen betreibt und das Kollektiv OFEA (heute AFEA) mitgründete, zeichnete das junge Team eine Idee: Man nehme ein paar Platten aus dem Bestand heraus und erhalte so grüne Terrassen für sämtliche Wohnungen auf allen Etagen. Ein Zwitter aus zwei Wohnformen – daher auch der Name Einfamilienhaus-Haus.
Genauer gesagt stieß Brüggen auf die zahlreichen WBS-70-Bauten, die die DDR in Stendal errichtet hatte, weil man Wohnungen für die Arbeit am dort geplanten Kernkraftwerk benötigte. Dieses wurde aber nie fertig. Nach der Wiedervereinigung zogen viele Leute weg. Ergo standen die Wohnungbauten zu großen Teilen leer, etliche ließ die Stadt abreißen. Kurz nach seinem zufälligen Besuch las Brüggen in der Lokalzeitung die Überschrift „Zu wenig Bauland in Stendal“. Es ging um den Bau von Einfamilienhäusern.
Bestehenden Wohnraum abreißen, obwohl neuer nachgefragt wird? Ginge nicht beides, Plattenbauten bewahren und trotzdem die Sehnsucht nach einem Haus samt Garten befrieden? Wieder zurück in Berlin, wo der Architekt sein Büro undjurekbrüggen betreibt und das Kollektiv OFEA (heute AFEA) mitgründete, zeichnete das junge Team eine Idee: Man nehme ein paar Platten aus dem Bestand heraus und erhalte so grüne Terrassen für sämtliche Wohnungen auf allen Etagen. Ein Zwitter aus zwei Wohnformen – daher auch der Name Einfamilienhaus-Haus.
Lass die Platten fliegen
Mit dieser Idee gingen sie auf den Bürgermeister zu, der an die Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark WBGA vermittelte, zu deren Bestand Plattenbauten in Stendal-Seestadt zählen. Ganze Blöcke des DDR-Erbes stehen leer, Tür an Tür mit sich ausbreitenden Einfamilienhausparzellen. Die WBGA ließ undjurekbrüggen einen konkreten Vorschlag für einen der Riegel erarbeiten, vorerst auf eigene Kosten. Inzwischen ist der selektive Rückbau genehmigt und gestartet – womit wir wieder im Zug wären. Denn an jenem Tag, an dem Brüggen BauNetz trifft, geht es zur Baustelle. Die nächsten Plattenelemente sollen abgenommen werden.
Für den Kran, der die Deckenplatten abnimmt, muss es sich anfühlen, als würde er den Deckel einer Frischhaltedose ablupfen. So einfach wirkt der Rückbau beim Zusehen. Tatsächlich müssen die Bauarbeiter*innen sorgfältig arbeiten. Denn die meisten Platten sollen im Ganzen wiederverwendet werden. Zunächst meißeln sie die betonierten Verbindungen zu den tragenden Wänden auf. Daraufhin hakt der Kran in dieselben Stahlösen ein, die schon den Einbau ermöglichten, die Ketten spannen – und ehe man sich versieht, fliegt die Platte hinfort. Manchmal stockt es beim Abheben kurz. Dann wird nochmal nachgemeißelt oder etwa ein altes, sich verkantendes Leitungsrohr beherzt beiseite gedrückt.
Mit dieser Idee gingen sie auf den Bürgermeister zu, der an die Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark WBGA vermittelte, zu deren Bestand Plattenbauten in Stendal-Seestadt zählen. Ganze Blöcke des DDR-Erbes stehen leer, Tür an Tür mit sich ausbreitenden Einfamilienhausparzellen. Die WBGA ließ undjurekbrüggen einen konkreten Vorschlag für einen der Riegel erarbeiten, vorerst auf eigene Kosten. Inzwischen ist der selektive Rückbau genehmigt und gestartet – womit wir wieder im Zug wären. Denn an jenem Tag, an dem Brüggen BauNetz trifft, geht es zur Baustelle. Die nächsten Plattenelemente sollen abgenommen werden.
Für den Kran, der die Deckenplatten abnimmt, muss es sich anfühlen, als würde er den Deckel einer Frischhaltedose ablupfen. So einfach wirkt der Rückbau beim Zusehen. Tatsächlich müssen die Bauarbeiter*innen sorgfältig arbeiten. Denn die meisten Platten sollen im Ganzen wiederverwendet werden. Zunächst meißeln sie die betonierten Verbindungen zu den tragenden Wänden auf. Daraufhin hakt der Kran in dieselben Stahlösen ein, die schon den Einbau ermöglichten, die Ketten spannen – und ehe man sich versieht, fliegt die Platte hinfort. Manchmal stockt es beim Abheben kurz. Dann wird nochmal nachgemeißelt oder etwa ein altes, sich verkantendes Leitungsrohr beherzt beiseite gedrückt.
Auf der Wiese vor der Baustelle sortiert der Kran die ausgebaute Platte auf den passenden Stapel. Jedes Element erhält eine Kodierung. Fast alle Deckenplatten wollen die Architekt*innen auf die Böden der neu entstehenden Terrassen legen lassen, um die zusätzliche Last der Begrünung abzufangen. Aus ehemals 80 Einheiten sollen nach dem Umbau 30 Wohnungen in 15 Variationen werden, viele mit einem doppelgeschossigen Raum. Die dortigen Decken auszubauen, gestaltet sich komplizierter. Da sie freilich nicht im Ganzen herauszuheben sind, stellt man ein Raumgerüst auf und zerstückelt sie. Stattdessen fungiert später ein neuer Ringanker als statische Unterstützung.
Null Lastreserven
Generell besitzen Plattenbauten keinerlei Lastreserven, was jeden Eingriff für die Ingenieure von EiSat (Berlin) sensibel macht. Die Bauteile sind so sehr ausgedünnt, dass es nicht mal für eine Abhangdecke reicht. Also muss der alte Bodenbelag durch einen leichteren ersetzt werden. Welch Glück, dass der beteiligte Prüfstatiker schon beim ursprünglichen Bau in den 1970er Jahren mitgewirkt hat. Er weiß genau, was das Gebäude braucht. Beispielsweise dort, wo die Architekt*innen große Öffnungen zu den neuen Terrassen in die dünnen Wände schneiden wollen. Die darüber liegende Wandscheibe kann zusammen mit einem Ringanker als Träger dienen, dennoch braucht es eine zusätzliche Stütze.
Null Lastreserven
Generell besitzen Plattenbauten keinerlei Lastreserven, was jeden Eingriff für die Ingenieure von EiSat (Berlin) sensibel macht. Die Bauteile sind so sehr ausgedünnt, dass es nicht mal für eine Abhangdecke reicht. Also muss der alte Bodenbelag durch einen leichteren ersetzt werden. Welch Glück, dass der beteiligte Prüfstatiker schon beim ursprünglichen Bau in den 1970er Jahren mitgewirkt hat. Er weiß genau, was das Gebäude braucht. Beispielsweise dort, wo die Architekt*innen große Öffnungen zu den neuen Terrassen in die dünnen Wände schneiden wollen. Die darüber liegende Wandscheibe kann zusammen mit einem Ringanker als Träger dienen, dennoch braucht es eine zusätzliche Stütze.
An zwei Stellen wollen Brüggen und Team gewissermaßen den ganzen Riegel durchschneiden, um offene „vertikale Straßen“ zu schaffen. Hier werden die neuen Treppenhäuser satellitenartig angedockt, die alten stattdessen in Maisonette-Wohnungen integriert. In diesen Durchschnitten bleiben jeweils nur zwei der Deckenplatten erhalten, auf denen sich künftig das Pendant zum klassischen Vorgarten abspielen dürfte – man grüßt Nachbarn und Postbot*innen, lässt den Mähroboter laufen. Statisch gesehen, entstehen dort allerdings neue Windangriffsflächen. Zur besseren Aussteifung wird daher an den acht alten Treppenhäusern je eine Wand aufgedoppelt.
Als die Platten über unseren Köpfen schweben, stehen wir in der vierten Etage, wo der Kran schon eine der terrassierten Schluchten in den Bau gearbeitet hat. „Hier oben einen kleinen eigenen Dachgarten zu haben – nicht schlecht“, findet Brüggen mit Blick über die weite, längst von Plattenbauten befreite Wiese. Na ja, entgegnet einer der Bauarbeiter, einen Garten könne man das nicht unbedingt nennen. Klar: Letztlich steckt hier eben doch eine Platte drin, die erst noch beweisen muss, dass sie vielleicht gar nicht so weit entfernt ist von den Einfamilienhäusern nebenan.
Eine Platte ist eine Platte ist ein Wohnhaus
Das Stigma der Platte sei ein schwieriges Thema, gibt Brüggen zu. Das zeige sich etwa in der Diskussion mit der Bauherrschaft über die künftige Fassade. Den Architekt*innen gefällt der alte Waschbeton, der Genossenschaft nicht. Und auch wenn sich die WBGA zu diesem Umbau hat überzeugen lassen, sagt Vorstand Lars Schirmer: „Es wird immer ein Kompromiss sein.“ Dahinter steht natürlich die Frage, wen dieses Haus eigentlich ansprechen soll? Brüggen denkt an Menschen, die sonst ein Einfamilienhaus gebaut hätten. Er erwartet Zuzügler aus der näheren urbanen Umgebung, etwa Wolfsburg oder Berlin. Für die ist ein breites Angebot geplant, Studioeinheiten genauso wie klassische Familienwohnung, aber alle mit privatem Außenbereich.
Als die Platten über unseren Köpfen schweben, stehen wir in der vierten Etage, wo der Kran schon eine der terrassierten Schluchten in den Bau gearbeitet hat. „Hier oben einen kleinen eigenen Dachgarten zu haben – nicht schlecht“, findet Brüggen mit Blick über die weite, längst von Plattenbauten befreite Wiese. Na ja, entgegnet einer der Bauarbeiter, einen Garten könne man das nicht unbedingt nennen. Klar: Letztlich steckt hier eben doch eine Platte drin, die erst noch beweisen muss, dass sie vielleicht gar nicht so weit entfernt ist von den Einfamilienhäusern nebenan.
Eine Platte ist eine Platte ist ein Wohnhaus
Das Stigma der Platte sei ein schwieriges Thema, gibt Brüggen zu. Das zeige sich etwa in der Diskussion mit der Bauherrschaft über die künftige Fassade. Den Architekt*innen gefällt der alte Waschbeton, der Genossenschaft nicht. Und auch wenn sich die WBGA zu diesem Umbau hat überzeugen lassen, sagt Vorstand Lars Schirmer: „Es wird immer ein Kompromiss sein.“ Dahinter steht natürlich die Frage, wen dieses Haus eigentlich ansprechen soll? Brüggen denkt an Menschen, die sonst ein Einfamilienhaus gebaut hätten. Er erwartet Zuzügler aus der näheren urbanen Umgebung, etwa Wolfsburg oder Berlin. Für die ist ein breites Angebot geplant, Studioeinheiten genauso wie klassische Familienwohnung, aber alle mit privatem Außenbereich.
Für Ende Mai steht der Abschluss des Rückbaus im Kalender. Die Ausführungsplanung des Umbaus hat die Bauherrschaft noch nicht beauftragt. Man ist noch dabei, die Finanzierung zu klären. Die WBGA will sich für das Projekt mit einer neu zu gründenden Genossenschaft zusammenschließen. Hilfreich wäre zudem, erklärt Brüggen, wenn man einen Investor fände – um die Genossenschaftsmitglieder zu entlasten.
Für die Finanzierung des Rückbaus konnte man Mittel der Städtebauförderung verwenden. Was ein wenig ironisch ist, denn diese Gelder sind dafür gedacht, Leerstand zu verringern, indem leerstehende Gebäude abgerissen werden. In diesem Fall konnte man das Schicksal nicht nur für diesen Bau umkehren. Der „Kompromiss“ gefällt der WBGA so gut, dass sie auch zwei weitere Plattenbauten in Stendal-Stadtsee erhält.
Für die Finanzierung des Rückbaus konnte man Mittel der Städtebauförderung verwenden. Was ein wenig ironisch ist, denn diese Gelder sind dafür gedacht, Leerstand zu verringern, indem leerstehende Gebäude abgerissen werden. In diesem Fall konnte man das Schicksal nicht nur für diesen Bau umkehren. Der „Kompromiss“ gefällt der WBGA so gut, dass sie auch zwei weitere Plattenbauten in Stendal-Stadtsee erhält.
Bautafel
- Architektur:
- undjurekbrüggen
- Team Architektur:
- Caroline Axelsen, Jurek Brüggen, Christian Cotting, Noah Curinga, David Gössler, Aimée Michelfelder, Jakob Wolters
- Konzept:
- AFEA, AADA
- Statik:
- EiSat
- Gebäude- und Energietechnik:
- eZeit Analytics
- Bauherrschaft:
- Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark WBGA
- Fläche:
- 4.040 m² Bruttogrundfläche
Zum Thema
Schon in der BauNetz WOCHE „Shortlist 2024“ erzählte Jurek Brüggen davon, dass er Projekte gern eigeninitiativ anstößt.
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