Ein Typ E nimmt Gestalt an
Auf der Baustelle eines Münchener Genossenschaftsbaus von bogevischs buero und Teleinternetcafé
Ein Typ E nimmt Gestalt an
Auf der Baustelle eines Münchener Genossenschaftsbaus von bogevischs buero und Teleinternetcafé
Wohnen, Arbeiten, Gewerbe: Die eigens gegründete Genossenschaft Das große kleine Haus baut ihr gleichnamiges Lebensumfeld mitten im wachsenden Kreativquartier in München – aus Holz, Beton, wiederverwendetem Stahl und mit vielen einfachen, kostensparenden Details. Als Pilot für den Gebäudetyp E liest sich das Projekt wie die Skizze für eine pragmatischere Bauzukunft.
Recht früh im Gespräch mit Rainer Hofmann von bogevischs buero, der an einem sonnigen Wintertag über die Münchener Baustelle führt, wird klar: Hier sind die Architekt*innen auch Bauherrschaft und Nutzer*innen zugleich. Die weiteren Bewohnenden und Gewerbetreibenden haben ebenfalls je zwei dieser Rollen inne. Lange Abstimmungsprozesse dürften der Nebeneffekt sein, aber in Summe ist es auch von Vorteil, wenn man nach Gebäudetyp E bauen will, schließlich bilden Vereinbarungen zwischen Bauherrschaft und Planende die Basis für rechtssichere Abweichungen von Baustandards. Und Vorbilder für einfacheres Bauen braucht es dringend.
Gewerbe im Sockel, Wohnen im Turm
Die Pläne für den genossenschaftlichen Komplex im Kreativquartier – dem letzten großen innerstädtischen Konversionsareal südlich des Olympiaparks – verantwortet die ARGE aus bogevischs buero (München) und Teleinternetcafé (Berlin). In Das große kleine Haus (DgkH) ziehen Hofmann und sein Team auch mit dem eigenen Bürostandort ein. Der ungewöhnlich hohe Gewerbeanteil von 40 Prozent kommt im zwei- bzw. viergeschossigen Sockelbau unter. Ursprünglich war dieser auch in Holz geplant, erzählt Hofmann. „Aus technischen und aus ökonomischen Gründen mussten wir dann auf Beton umsteigen.“
Größter Gewerbenutzer wird ein inklusiver Verein, der mit seiner Bürozentrale und einem Gebäudereinigungsbetrieb einzieht und das Café betreibt. Die 29 Wohneinheiten – darunter auch Clusterwohnungen und integrative Wohnformen – verteilen sich auf den 8,5-geschossigen Turm, der bis auf einen aussteifenden Kern komplett aus Holz errichtet wurde. Ende dieses Jahres soll das Gebäude vollständig bezogen sein.
Gewerbe im Sockel, Wohnen im Turm
Die Pläne für den genossenschaftlichen Komplex im Kreativquartier – dem letzten großen innerstädtischen Konversionsareal südlich des Olympiaparks – verantwortet die ARGE aus bogevischs buero (München) und Teleinternetcafé (Berlin). In Das große kleine Haus (DgkH) ziehen Hofmann und sein Team auch mit dem eigenen Bürostandort ein. Der ungewöhnlich hohe Gewerbeanteil von 40 Prozent kommt im zwei- bzw. viergeschossigen Sockelbau unter. Ursprünglich war dieser auch in Holz geplant, erzählt Hofmann. „Aus technischen und aus ökonomischen Gründen mussten wir dann auf Beton umsteigen.“
Größter Gewerbenutzer wird ein inklusiver Verein, der mit seiner Bürozentrale und einem Gebäudereinigungsbetrieb einzieht und das Café betreibt. Die 29 Wohneinheiten – darunter auch Clusterwohnungen und integrative Wohnformen – verteilen sich auf den 8,5-geschossigen Turm, der bis auf einen aussteifenden Kern komplett aus Holz errichtet wurde. Ende dieses Jahres soll das Gebäude vollständig bezogen sein.
Als Pilot für den Gebäudetyp E liest sich das Projekt wie die Skizze für eine pragmatischere Bauzukunft.Sabina Strambu
Erstmalig Bauen nach Gebäudetyp E
Der 30 Meter hohe Wohnturm, dessen oberster Fußboden exakt die Hochhausgrenze einhält und von einer Co-Working-Galerie mit Dachterrasse gekrönt wird, entstand in elementierter Holzbauweise. Die Außenwandelemente samt Fenster und Absturzsicherungen hätten „genau den Grad an Vorfertigung, der uns hilft, so etwas wirtschaftlich umzusetzen und die Zeit auf der Baustelle zu reduzieren“, erklärt Hofmann.
Kosten- und materialsparend ist DgkH aber auch aufgrund gezielter Standardabweichungen. Im Wohnteil unterschreiten die Architekt*innen vor allem den Mindestschallschutz nach DIN 4109. Dies äußert sich etwa durch eine einfache statt doppelter schalldämpfender Kapselung der Wohnungstrennwände sowie eingesparte Sylomerlager für die Schwingungsisolierung in den Holzdecken. Da von den Technischen Baubestimmungen, die Schutzzielen wie der Gesundheit dienen, in der Regel nicht abgewichen werden kann, habe in diesem Fall das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr mitgewirkt. Mithilfe eines Gutachters konnte nachgewiesen werden, dass der Schallschutz eines renovierten Altbaus erreicht wird. Hofmann hinterfragt in diesem Zusammenhang: „Warum muss ein Mensch, der freiwillig auch in einem Altbau wohnen würde, im Neubau mehr geschützt werden?“
Potenzial für Nachrüstung
Im Rahmen der Baugenehmigung seien in Summe 19 Befreiungen, Ausnahmen und Abweichungen erteilt worden. Als weitere Beispiele führt der Architekt etwa eine reduzierte Steckdosenanzahl oder unbeheizte, innenliegende Bäder auf. Steigleitungen für Löschwasser werden Aufputz und Heizkörper lediglich an den Kernwänden montiert, wodurch lange Leitungen wegfallen. Insgesamt würden alle Maßnahmen rund 11 Prozent der Baukosten ausmachen, die Projektentwicklungskosten beziffert Hofmann mit rund 15,5 Millionen Euro. Wichtig ist ihm zu betonen, dass so manche Entscheidung auch revidierbar ist: „Wir reagieren auf die Nutzerantworten und haben uns einen Toleranzspielraum erarbeitet. Wenn etwa der Schallschutz zum Problem wird, dann rüsten wir eben nach.“
Die später zweifach beplankten Innenwände bergen ein besonderes Detail, das Hofmann im jetzigen Bauzustand noch stolz vorzeigen kann. In den Wohnungstrennwänden sind Schlitze in Form von Türdurchbrüchen eingefräst. So könnten später Wohneinheiten miteinander verbunden oder neu geclustert werden, die Raumhöhen erlauben sogar Büros oder Gewerbe.
Der 30 Meter hohe Wohnturm, dessen oberster Fußboden exakt die Hochhausgrenze einhält und von einer Co-Working-Galerie mit Dachterrasse gekrönt wird, entstand in elementierter Holzbauweise. Die Außenwandelemente samt Fenster und Absturzsicherungen hätten „genau den Grad an Vorfertigung, der uns hilft, so etwas wirtschaftlich umzusetzen und die Zeit auf der Baustelle zu reduzieren“, erklärt Hofmann.
Kosten- und materialsparend ist DgkH aber auch aufgrund gezielter Standardabweichungen. Im Wohnteil unterschreiten die Architekt*innen vor allem den Mindestschallschutz nach DIN 4109. Dies äußert sich etwa durch eine einfache statt doppelter schalldämpfender Kapselung der Wohnungstrennwände sowie eingesparte Sylomerlager für die Schwingungsisolierung in den Holzdecken. Da von den Technischen Baubestimmungen, die Schutzzielen wie der Gesundheit dienen, in der Regel nicht abgewichen werden kann, habe in diesem Fall das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr mitgewirkt. Mithilfe eines Gutachters konnte nachgewiesen werden, dass der Schallschutz eines renovierten Altbaus erreicht wird. Hofmann hinterfragt in diesem Zusammenhang: „Warum muss ein Mensch, der freiwillig auch in einem Altbau wohnen würde, im Neubau mehr geschützt werden?“
Potenzial für Nachrüstung
Im Rahmen der Baugenehmigung seien in Summe 19 Befreiungen, Ausnahmen und Abweichungen erteilt worden. Als weitere Beispiele führt der Architekt etwa eine reduzierte Steckdosenanzahl oder unbeheizte, innenliegende Bäder auf. Steigleitungen für Löschwasser werden Aufputz und Heizkörper lediglich an den Kernwänden montiert, wodurch lange Leitungen wegfallen. Insgesamt würden alle Maßnahmen rund 11 Prozent der Baukosten ausmachen, die Projektentwicklungskosten beziffert Hofmann mit rund 15,5 Millionen Euro. Wichtig ist ihm zu betonen, dass so manche Entscheidung auch revidierbar ist: „Wir reagieren auf die Nutzerantworten und haben uns einen Toleranzspielraum erarbeitet. Wenn etwa der Schallschutz zum Problem wird, dann rüsten wir eben nach.“
Die später zweifach beplankten Innenwände bergen ein besonderes Detail, das Hofmann im jetzigen Bauzustand noch stolz vorzeigen kann. In den Wohnungstrennwänden sind Schlitze in Form von Türdurchbrüchen eingefräst. So könnten später Wohneinheiten miteinander verbunden oder neu geclustert werden, die Raumhöhen erlauben sogar Büros oder Gewerbe.
Wiederverwendete Elemente
Einfacher Holzbau, Sichtbetonklasse 2 – an der Qualität der Innenräume wird trotzdem nicht gespart, das ist Hofmann wichtig. Holz-Aluminium-Fenster sind schon da, der Parkettboden folgt noch. Hinzu kommen 90 Tonnen rezyklierte Stahlbauteile aus einer rückgebauten Halle der Stadtwerke im Areal. Einige sind bereits an der Fassade als rosa beschichtete Absturzsicherungen sichtbar. Der Großteil wird in der sogenannten Chaostreppe verwertet, einer äußeren Erschließung auf der Nordseite des Turms. Die nun verschraubten Elemente – aufgrund der vorherigen Verzinkung lassen sich diese nicht mehr verschweißen – erhielten mithilfe eines begleitenden Projekts der TU München einen neuen statischen Nachweis. Aus der Stahlhalle stammt auch das graue Wellblech, mit dem der Sockel bis auf das Erdgeschoss und die Nordostecke des Turms bekleidet werden. Die bereits angebrachte grüne Wellblechfassade ist neu.
Farbig geht es auch innen weiter: Rund hundert lila lackierte Türen stammen aus dem Rück- und Umbau eines großmaßstäblichen Bestands im Süden der Stadt, dem künftigen Fritz-Quartier in Neuperlach. Neben Vorhängen für die gemeinschaftliche Multihalle, Terrassenbelägen, einer Werkbank oder Möbeln ist noch ein „i-Tüpfelchen“ des Recyclings in Aussicht: Das Gäste-Apartment auf der ersten von drei Dachterrassen wird sich aus einem originalen Apolda-Wohnwagen und einer separaten Nasszelle zusammensetzen, die man aus den ursprünglichen Olympiabungalows gerettet hat.
Einfacher Holzbau, Sichtbetonklasse 2 – an der Qualität der Innenräume wird trotzdem nicht gespart, das ist Hofmann wichtig. Holz-Aluminium-Fenster sind schon da, der Parkettboden folgt noch. Hinzu kommen 90 Tonnen rezyklierte Stahlbauteile aus einer rückgebauten Halle der Stadtwerke im Areal. Einige sind bereits an der Fassade als rosa beschichtete Absturzsicherungen sichtbar. Der Großteil wird in der sogenannten Chaostreppe verwertet, einer äußeren Erschließung auf der Nordseite des Turms. Die nun verschraubten Elemente – aufgrund der vorherigen Verzinkung lassen sich diese nicht mehr verschweißen – erhielten mithilfe eines begleitenden Projekts der TU München einen neuen statischen Nachweis. Aus der Stahlhalle stammt auch das graue Wellblech, mit dem der Sockel bis auf das Erdgeschoss und die Nordostecke des Turms bekleidet werden. Die bereits angebrachte grüne Wellblechfassade ist neu.
Farbig geht es auch innen weiter: Rund hundert lila lackierte Türen stammen aus dem Rück- und Umbau eines großmaßstäblichen Bestands im Süden der Stadt, dem künftigen Fritz-Quartier in Neuperlach. Neben Vorhängen für die gemeinschaftliche Multihalle, Terrassenbelägen, einer Werkbank oder Möbeln ist noch ein „i-Tüpfelchen“ des Recyclings in Aussicht: Das Gäste-Apartment auf der ersten von drei Dachterrassen wird sich aus einem originalen Apolda-Wohnwagen und einer separaten Nasszelle zusammensetzen, die man aus den ursprünglichen Olympiabungalows gerettet hat.
Es muss nicht alles weg. Im Gegenteil, wir brauchen Regeln. Aber man schafft eine Vereinfachung, und die ist dringend notwendig.Rainer Hofmann
Evaluation der bayerischen Pilotprojekte
Regelmäßig treffen sich Vertreter*innen der 19 Pilotprojekte, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Begleitet wird dies von Architektin und Hochschulprofessorin Elisabeth Endres, außerdem sind die Bayerische Architektenkammer und das Staatsministerium involviert. „Wir haben mit dem Gebäudetyp E die Möglichkeit, ganz dezidiert zu schauen, was funktioniert und was nicht. Es muss nicht alles weg, es ist nicht alles schlecht. Im Gegenteil, wir brauchen Regeln. Aber man schafft eine Vereinfachung, und die ist dringend notwendig“, resümiert Hofmann.
Regelmäßig treffen sich Vertreter*innen der 19 Pilotprojekte, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Begleitet wird dies von Architektin und Hochschulprofessorin Elisabeth Endres, außerdem sind die Bayerische Architektenkammer und das Staatsministerium involviert. „Wir haben mit dem Gebäudetyp E die Möglichkeit, ganz dezidiert zu schauen, was funktioniert und was nicht. Es muss nicht alles weg, es ist nicht alles schlecht. Im Gegenteil, wir brauchen Regeln. Aber man schafft eine Vereinfachung, und die ist dringend notwendig“, resümiert Hofmann.
Zum Thema
In der Baunetzwoche#642 „Gebäudetyp-e – von der Initiative zur Praxis?“ stellten wir den alternativen Planungsweg und einige weitere Pilotprojekte vor.




