Buchtipp: Dem Humanismus verpflichtet
Architecture Itself and Other Postmodernization Effects
„Architecture Itself and Other Postmodernist Myths“ war ursprünglich der Titel einer Ausstellung im Winter letzten Jahres am Canadian Centre for Architecture (CCA) in Montreal. Und diese wiederum ist Teil eines Forschungsprogramms des CCA, in dem Schlüsselmomente in der Geschichte moderner Architektur untersucht werden. Was die Postmoderne betrifft, so entstand durch das Projekt eine Gegenerzählung zum geläufigen Narrativ, sie sei vor allem von kommerziellen Interessen geleitet. Vielmehr, so die Position des CCA, sei die Postmoderne einem Humanismus verpflichtet. Die Architekturtheoretikerin Sylvia Lavin trug nun in einer Publikation die Forschungsergebnisse zusammen – unter dem etwas anderen Titel Architecture Itself and Other Postmodernization Effects.
Gleich auf den ersten acht Seiten zeigt Lavin Fotografien von Kunstobjekten architektonischer Herkunft – von ihr als „Fragmente“ und „archäologische Artefakte“ bezeichnet. Dazu gehören Peter Eisenmans House VI (1971–89), der Bierdosenbaustein aus Michael Reynolds Earthship Biotecture (1973) und Stanley Tigermans Schindeln der Frog Hollow Barn (1972). In der Ausstellung wie auch in den Beiträgen des Bands geht es nicht um die erste Aufgabe der Architektur – das Bauen –, sondern um den Alltag der Architekturproduktion: um bürokratischeVerfahren, die Einhaltung von Bauvorschriften, die Beantragung von Forschungsstipendien, das Erzielen von Einnahmen auf dem Kunstmarkt oder die Patentierung von Architekturentwürfen. Lavin und ihre Ko-Autor*innen zeigen, wie Architektur professionell „gemacht“ wird, vor allem anhand von Beispielen aus den USA.
Forschende der Profession sowie Doktoranden der Architekturtheorie und -geschichte wie Phillip R. Denny (Harvard University), Martin Hartung (ETH Zürich), Oliver Elser (DAM) oder Margo Handwerker (Texas State Gallery) gehören zu den 16 Autor*innen. Ihre Texte sind mit einer breiten Auswahl an Abbildungen unterlegt: Rechnungen, Umfragen, Ausstellungsplakate, reproduzierte Modelle, Reisefotografien, Zeichnungen. Sie illustrieren die empirisch beschreibbaren Verfahren in der Bauproduktion der Postmoderne. Lavin möchte mit ihrem Ansatz die wissenschaftliche Erforschung von Architektur neu positionieren.
Ob ihr das mit der Publikation gelingt, sei dahingestellt. Zumindest aber ändert die Herausgeberin mit Architecture Itself and Other Postmodernization Effects Sichtweisen auf die Architektur, indem sie Kommunikationsfähigkeiten und Forschungstechniken der Disziplin aufzeigt und einmal mehr beweist, dass es nicht nur um das Bauen geht. Vielmehr ist die Architektur – und dies nicht nur seit der Postmoderne, sondern seit jeher – eine untersuchende, forschende Disziplin und Kunstform.
Text: Katrin Schamun
Architecture Itself and Other Postmodernization Effects
Sylvia Lavin (Hg.)
316 Seiten
Englisch
Spector Books, Leipzig 2020
ISBN 9-78-3-95905-228-3
30 Euro
ist die postmoderne Vollbremsung ins -form follows fiction- vielleicht erst angekommen,
endgültig das Rennen Hase-Igel im Schrebergarten.
Zunächst danke für die vielen Infos, denen ich mich widmen werde.
Mich interessiert immer mehr das Alltägliche was man im querlaufen einer Stadt sieht und für mich Kultur im eigentlichen Sinne ist. Die hin und her Verwerfungen wie eben auch die Postmoderne eine ist ist mir ziemlich egal.
Städtebauliche Zufälle und Verwerfungen geben mir mehr räumliche Anregung für Gestaltung. Das ist alles Knete für mich.
Ihren würzigen Ton nehme ich als besondere Zuwendung.
Wie verhält sich ihre Argumentation z.B. zu der tatsache, das die amerikanische moderne mit philipp johnsons ausstellung 'the international style' eine art monochromisierter bauhausuniversalisierung erfahren hat, die tom wolfe später so pointiert aufs Korn genommen hat? Gelingt ihnen eine so reibungslose Darstellung des verhältnisses von moderne und postmoderne in Großbritannien nur, weil sie protagonisten wie z.B. die smithsons, banham, rogers und foster komplett unter den tisch fallen lassen? finden sich stark religiös erlöserische akzente nicht gerade in der britischen arts and crafts bewegungen und ihrem postulat einer rückkehr zu mehr ursprünglichkeit? was ist in der brd, wo sie postmoderne mit rekonstruktionsgläubigkeit gleichsetzen? vergessen sie da nicht postmoderne schlüsselbauten wie sterling's staatsgalerie in stuttgart oder die frankfurter baupolitik der siebziger und achtziger jahre mit dem D.A.M., Klotz und Ungers? oder ganze städtebauliche programme wie die iba 84/87, die wenig mit der kritischen rekonstruktion unter stimmann im berlin der nach-wende zu tun haben?
usw. usf...
das war mir jetzt fast zu sachlich erklärt ;-)
danke
Bei uns auf dem Festland, mit einer bewusst revolutionär gebrochenen aggressiven Moderne mit stark religiös erlöserischen Akzenten ist die Postmoderne wie auch das Stadtschloss in B einfach ein Schlag ins Gesicht wie umgekehrt auch die Tradition die Moderne im Kontrast begreift.
Der Genius loci mit unsicheren Grenzen und der Frage auf oder zu ist hier viel dramatischer und spielt hier wohl eine Rolle gegenüber der Insel mit natürlichen Grenzen.
Moderne bei uns ist auch die Kultur des Systemstreits im 20 Jh. und wir waren mitten drin, ich noch als Wessi im Mauerberlin.
Meine provokative Frage lautet: Ist Moderne heilbar? und genauso provokativ war die Postmoderne hier bei uns auch gemeint. Ich selbst kann sie auch nur so begreifen aber sonst nichts mit ihr anfangen.