Buchtipp: Jan Gehl
A Good City. The Short Story
Jan Gehl ist ein Menschenfreund. Der dänische Architekt und Stadtplaner wird im September 90 Jahre alt, seine Thesen werden international geschätzt und wahrgenommen. Endlich, denn das war nicht immer so! Als Pionier der „Stadt für den Menschen“ stellt sich Gehl seit Jahrzehnten gegen das Konzept der autogerechten Stadt der Nachkriegszeit, unter dem viele Städte bis heute leiden. Stattdessen propagiert er lebendige öffentliche Räume, die Qualitäten für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen bieten – als Orte der sozialen Interaktion und zum Verweilen. Das im letzten Sommer erschienene, ungewöhnliche und unbedingt empfehlenswerten Taschenbuch A Good City. The Short Story eröffnet nun einen neuen, sehr persönlichen Zugang zu Gehls Denken.
Als Pionier der Stadtplanung hat Gehl eine große internationale Fangemeinde. Das liegt auch daran, dass er über 250 Städte beraten hat, darunter Stockholm, Moskau, São Paulo oder Singapur. Er lehrte in Harvard und Berkeley, war viele Jahre Professor an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen und hat eine ganze Generation von Stadtplaner*innen und Architekt*innen beeinflusst. Sein Büro Gehl Architects nennt sich heute einfach nur Gehl und setzt seine Arbeit fort.
Gehls Thesen sind generationenübergreifend. Einige seiner früheren Partner*innen und Studierenden bekleiden heute einflussreichen Positionen. Camilla van Deurs, die A Good City. The Short Story gemeinsam mit Gehl verfasst hat, promovierte bei ihm, war später Partnerin in seinem Büro und von 2014 bis 2019 zudem Stadtarchitektin Kopenhagens. Heute ist sie Partnerin bei Nordic Office for Architecture. In ihrem Vorwort erinnert sie sich an die kurzweiligen Vorlesungen Gehls. Er nutzte Anekdoten und Geschichten aus seinem Alltag, um das Verständnis für das Zusammenspiel von urbanem Alltag und öffentlichem Raum zu schärfen.
„Es ist Zeit, Jan Gehls Geschichten zu drucken, sodass noch mehr Menschen sie genießen können“, meint van Deurs. Das mag zunächst eigenartig klingen. Können Vorlesungen überhaupt „genossen“ werden? Bei der Lektüre der kurzen Anekdoten und Geschichten aus dem Leben der Familie Gehl, die dieses Buch auf 84 Seiten gemeinsam mit persönlichen Fotos aus dem Privatarchiv des Stadtplaners veröffentlicht, stellt sich aber genau dieser Effekt ein. A Good City. The Short Story ist keine Fachliteratur, sondern eine bemerkenswerte Sammlung von Alltagserinnerungen und Lebenserfahrungen, die anschaulich und ohne Fachsprache in kurzen Texten erzählt werden. „Literatur für den Menschen“, dachte ich bei der Lektüre. So spannend und einfach können Prinzipien der Stadtplanung erläutert werden, wenn sie so eindrücklich im Alltag verankert sind!
Da gibt es zum Beispiel die Geschichte der jungen Familie Gehl, die in den 1970er-Jahren nach Toronto zieht und dort erfährt, wie wichtig eine Veranda ist, um Nachbar*innen kennenzulernen. Oder die Dinner Clubs und das Orchester in Vanløse, einem Vorort von Kopenhagen, wo die Gehls später wohnten. Nach einem Brand der Kindertagesstätte mussten 60 Kinder von heute auf morgen privat betreut werden – aus diesem Notstand entstanden zahlreiche Nachbarschaftsinitiativen, die selbst 40 Jahre später noch lebendig sind, etwa das Nachbarschaftsorchester Vaniajtic, in dem Gehl Posaune spielte.
Persönliche Erfahrungen mischen sich in dieser Sammlung kurzer Beobachtungen aus dem persönlichen Leben Gehls zu einer explosiven Mischung allgemein gültiger Beobachtungen des urbanen Alltags. „Eine gute Stadt ist wie eine gute Party. Die Menschen bleiben länger als geplant, weil sie sich wohlfühlen.“ schreibt Gehl. Was sich in diesem ungewöhnlichen und unbedingt empfehlenswerten Taschenbuch verdichtet, sind Beobachtungen des Alltags, die aber viel mehr verkörpern als Erfahrungen im urbanen Raum. Denn sie zeigen die maßgeblichen Grundsätze für die soziale Interaktion in der Stadt auf – und damit die Basis für eine Lebensqualität, die allzu lange aus den Augen geraten war.
Text: Sandra Hofmeister
A Good City. The Short Story
Camilla van Deurs und Jan Gehl
Englisch
84 Seiten
Danish Archictural Press, Kopenhagen 2025
ISBN 978-877-407-330-7
32 Euro
Dies ist die gekürzte und leicht überarbeitete Version eines Textes, der ursprünglich auf der von Sandra Hofmeister im letzten Jahr gestarteten Webseite castello books erschienen ist.