Hochpunkt an der Berliner S-Bahn
Erweiterung des Innenministeriums von Thomas Müller Ivan Reimann Architekten
Der Eindruck, die Zahl der Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst sei in der letzten Dekade stark gestiegen, trügt nicht. Das zeigen nicht nur viele Bauprojekte, sondern auch diverse Berichte des Bundesrechnungshofes. Dies gilt insbesondere für das Bundesministerium des Inneren mit Hauptsitz am Moabiter Werder in Berlin. Zahlreiche neue Aufgaben beispielsweise im Bereich der digitalen Sicherheit seien hierfür der Grund.
Kein Wunder also, dass der vor rund 10 Jahren fertiggestellte Komplex inzwischen wieder zu eng wurde. Erleichterung verschafft nun hoffentlich ein kompaktes Hochhaus, das in der Flucht des Bestands direkt an der S-Bahn platziert wurde. Die Pläne stammen von Thomas Müller Ivan Reimann Architekten (Berlin), die bereits den Ausgangsbau verantworteten. Die ursprüngliche Gestaltung des Ministeriums führten die Architekt*innen fort.
Formal handelt es sich bei der Erweiterung um den dritten Bauteil des Ministeriums, der im Wettbewerbsentwurf bereits mitgedacht worden war. Neu ist allerdings die Ausformulierung als Turm mit 13 Geschossen. Im ursprünglichen Einsatzmodell aus dem Jahr 2007 war noch ein spitz zulaufendes, niedrigeres Volumen mit größerer Grundfläche zu sehen. Mit dem etwas auf Abstand gesetzten Baukörper wird nun allerdings die Höhenstaffelung des Ensembles konsequent fortgeführt. Auch zur S-Bahn hält der Turm dank seines ausgreifenden Sockels etwas Distanz. Dieser beherbergt einen Eingangsbereich mit Empfangs- und Kontrollfunktionen, der zugleich als Adresse für alle Besucher*innen des Ministeriums dient. Die Freianlagen haben Vogt Landschaft (Berlin) geplant.
Rund 350 Arbeitsplätze auf einer Bruttogrundfläche von 14.500 Quadratmetern finden in der Erweiterung Platz. Welche Bürogrundrisse die Architekt*innen*innen im Detail umsetzten, lässt sich leider nicht sagen, da sie aus Sicherheitsgründen keine Pläne veröffentlichen durften. Vor zehn Jahren überwogen noch Einzelzimmer. In der jetzigen Beschreibung werden aber zumindest zeitgemäße Arbeitswelten, offene Kommunikationszonen und flexible Nutzungsstrukturen erwähnt.
Die Fassade aus Dietfurter Kalkstein „knüpft an die Materialität der bestehenden Bauteile an“, so die Architekt*innen. Die tiefen Laibungen leisteten außerdem einen Beitrag zum sommerlichen Wärmeschutz. Im Bereich der Fahrstühle ist außerdem noch die Kunst-am-Bau-Arbeit „Heimat Heimat“ von Kang Sunkoo zu sehen. Der Basler Künstler und Architekt konnte bereits im Humboldt Forum einen Entwurf umsetzen. (sb)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Thomas Müller Ivan Reimann Architekten
- Freianlagen:
- Vogt Landschaft
- Tragwerksplanung + Bauphysik:
- Krebs + Kiefer Ingenieure
- Bau- und Raumakustik:
- Müller-BBM
- TGA HLS:
- PEB - Planungsteam Energie + Bauen Ingenieurgesellschaft
- TGA ELT:
- Keydel Bock Ingenieure
- Lichtplanung:
- Licht Kunst Licht
- Koordination Nachhaltiges Bauen:
- ee concept
- Auftraggeber:
- Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
- Fläche:
- 14.500 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 112.000.000 €
Addio architektur
Aber wenn man sich fragt, warum Berlin Touristen verliert, warum Berlin zwar arm aussieht, aber an keinem Ort mehr cool und sexy ist, muss man sich das Bundesinnenministerium und den Meininger uvm. am Ort ansehen, muss man nur die Europacity, die Bauten rund um Washingtonplatz und Europlatz betrachten, entlang der S-Bahn, bis zum Ostbahnhof und Warschauer Brücke. Es ist in Berlin mit absoluter Treffsicherheit eine Mischung aus reaktionärem Klassizismus, einfallsloser Schottenarchitektur oder überkandideltem Solitär. Weder eine aufregende Skyline mit Hochhäusern entsteht, noch irgendetwas, wohin man Freunde einladen würde, um Deutschland zu zeigen. Nirgendwo ist urbaner städtischer Raum entstanden, wie es das Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert vermocht hatte. Das liegt nicht darin, dass man Fassaden kopieren müsste, sondern dass man sich als Passant durch die Stadt bewegen und sie nutzen muss; Dimensionen, Richtungen, Körnung und Raumgestaltung passen heute nicht. Und den Rest an Traurigkeit erledigen filialisierter Handel und System-Gastronomie plus die immer gleichen Restaurant-Typen, die sich in Berlin in jedem Kiez breit machen. Die Zwischenräume, die verloren gehen, die Clubs, die mehr eine Replik ihrer selbst sind. Ich weiß nicht, was schlimmer für Berlin ist: die Senatoren, die Bezirke, die Investoren alles erlauben, Stiftungen und öffentliche Hand, die Wettbewerbe und Verfahren und Bauleitplanung so voraussenden, die drei Senatsbaudirektoren Stimman, Lüscher, Kahlfeldt, oder das wechselnde Gremium, das eigentlich über Baukultur wachen und das Schlimmste verhindern soll?