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01.03.2016

Der Supermodernist

Zum Tod von Claude Parent


Von Sophie Jung



Wolf Prix bekundet, Claude Parent habe eigentlich den Pritzker-Preis verdient und Niklas Maak bewertet ihn noch heute als „Euphoriker und Ermutiger einer jungen Generation von Architekten“. Vergangenen Sonntag ist Claude Parent (1923–2016) im Alter von 93 Jahren gestorben. Er war der Vertreter einer längst vergangenen Moderne, ein Supermodernist, ästhetisch radikal und theoretisch freimütig. 

Berühmt sind Parents Maison Drusch in Versailles (1965), ein scheinbar in den Boden sinkendes, leichtes Betongerüst, so kühn wie Melnikoff und so würfelig wie Gropius, sein Frankreich-Pavillion auf der Venedig-Biennale von 1970 oder das spätere Collège Vincent d’Indy (1988). Er selbst arbeitete beim Altmeister Le Corbusier, an der École spéciale d'architecture in Paris hingegen war er Professor von Jean Nouvel. Letzterer bekundet bis heute tiefen Respekt für seinen Lehrer.

Theoretisch schlug Claude Parent mit seiner Theorie des „Vivre a l’oblique“ („In der Schräge leben“) ein, die er gemeinsam mit dem Philosophen Paul Virilio entwickelte. Parent setzte seine Denkmodelle auch in tatsächliche Architektur um. Seine Église Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers, ein Kasten aus rohem Beton, der mit seinen Einschnitten und abgerundeten Ecken eher dem Algol-Fernseher von Zanuso/Sapper (1964) nahekommt als einer Kirche, hat nur angewinkelte Böden. Seine eigene Villa in Paris befreite er von jeglichen Möbeln, stattdessen aß und parlierte man liegend auf Rampen. Diese Aufhebung des Fundamentalen, der Vertikalität in der Architektur und des Mobiliars im Wohnraum, dieser Dekonstruktivismus brachte Parent viele Sympathien von der politischen Linken ein, als würde er die Konzepte Jacques Derridas ins Räumliche überführen.

Doch Claude Parent ist eine streitbare Figur: 1970 baut er in Sens für die Supermarkt-Kette Goulet Turpin eine Filiale in Bunkerästhetik und kurz darauf ein ganzes Nuklearkraftwerk in Cattenom. Kein Zynismus, wie man heute denken würde, sondern Fortschrittsglaube schien ihn bei diesen Projekten zu leiten. Parent ist der Visionär einer ästhetisch radikalen Moderne, die alle umfassen soll, aber mit dem freien Markt durchaus zu vereinbaren ist. Die Vorzüge dieses Marktes wusste er bis zuletzt zu schätzen: Sportwagen, feiner Anzug und ein Wohnsitz im schicken Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine gehörten zu seinem Lebensstil. In Neuilly ist Claude Parent auch am Sonntag, nur einen Tag nach seinem 93. Geburtstag, verstorben.


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Claude Parent, Foto: © Emmanuel Goulet

Claude Parent, Foto: © Emmanuel Goulet


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