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14.06.2017

Kaschierte Grenzen

Wohnhaus von Triptyque Architecture in São Paulo


Otávio Zarvos möchte alles anders machen. Er ist Immobilienentwickler in São Paulo und lässt kein gutes Haar am gegenwärtigen Eigentumswohnungsbau in der brasilianischen Großstadt und den immer gleichen Boxen mit grauen oder beigefarbenen Fassaden und hohen Mauern ohne Bezug zum Viertel, die von den Bauunternehmen lieblos reproduziert würden. Sein Unternehmen Idea!Zarvos, eine Ideen-Agentur, realisiere, wie er selbst sagt, kundenindividuelle, innovative und nachhaltige Architektur für den gehobenen Mittelstand in den „kreativen, lebendigen“ Nachbarschaften São Paulos. Seine Häuser sind nicht, wie sonst für diese Zielgruppe üblich, irgendwo in den abgesicherten Gated Communities der Vororte zu finden, sondern mitten in den Vierteln mit „reichem urbanen Leben“, wie Guilherme Fiorotto, Architekt und Marketingleiter von Idea!Zarvos sagt.

Gemeint ist zum Beispiel das Künstlerviertel Vila Madalena, wo Zarvos bereits zahlreiche Häuser entwickelt hat. Für sein neuestes dortiges Projekt, einen Wohnkomplex mit 8000 Quadratmetern Wohnfläche, beauftragte er Triptyque Architecture (São Paulo, Paris), die den Gebäudekomplex sensibel in die Nachbarschaft integrieren sollten. Die Architekten konzipierten acht zufällig positionierte Wohntürme, die alle durch Brücken über einen zentralen Fahrstuhl-und Treppenturm erschlossen werden. Laut der Architekten funktionieren die Erschließungsräume als Begegnungszonen für die Bewohner. Ein Blick auf die Grundrisse lässt daran allerdings zweifeln. Fast jede Wohnung hat einen privaten Zugang, eine eigene Metallbrücke.

Das ist nur eines der Indizien der ökonomischen Zwänge, die Zarvos’ typologische Innovation konditionieren und die auch einige Ideen der Architekten etwas unentschieden wirken lassen. So charakterisieren Triptyque in ihrer Projektbeschreibung die Erschließung gleich im nächsten Satz widersprüchlich als „eine Organisation, die unabhängigen Einfamilienhäusern nahekommt“. Dabei ist bekannt: Reiche Brasilianer, die Eigentumswohnungen kaufen, fragen Privatheit und Sicherheit nach. In Vila Madalena, einem Viertel, das für informelle Aneignungsprozesse des urbanen Raumes steht, scheint das problematisch und stößt auf Kritik der Nachbarn.

Die weißen und blauen Kacheln, die an den Wänden des Wohngebäudes zum Einsatz kommen – eine Hommage an den brasilianischen Künstler und Bildhauer Athos Bulcão, der in Brasilia an zahlreichen Projekten mit Oscar Niemeyer arbeitete – müssen darüberhinaus in der Nachbarschaft, wo vor allem in Zeiten von Diktatur und Zensur in den 70er Jahren Graffitis als effektive Protestform jeden Quadratzentimeter Wand bespielten, wie eine Art Anti-Graffiti wirken.

In Vila Madalena – erst Immigrantenviertel in den 30er Jahren, dann Studentenviertel seit den 70er Jahren, seit den 90er Jahren heißes Pflaster auf dem Immobilienmarkt – genießen Zarvos’ Kunden die Vorzüge eines hippen Viertels am Ende des Gentrifizierungszyklus mit mittlerweile anspruchsvollen Bars und Restaurants, Street Art und zahlreichen Galerien – bei gleichzeitiger Privatheit in einer sozialen Enklave. Und so existieren die von Zarvos eigentlich kritisierten Mauern auch in diesem Projekt. Sie sind nur vorteilhafter kaschiert. Der von den Architekten konzipierte „Dschungel“ oder „urbane Wald“– begrünte Gemeinschaftsflächen, die den Bewohnern vorbehalten sind – wird vor dem Gebäude zur Straße hin etwas erweitert und maskiert dadurch die Schwelle zum Wohnkomplex.

Am Pförtner-Häuschen muss man trotzdem vorbei. Anders scheint es im Hochpreissegment nicht zu funktionieren. Gespannt darf man auf Zarvos' nächstes Projekt sein: ein Wohngebäude im Volkswohnungsmarkt-Segment für Leute mit einem monatlichen Einkommen, das immerhin noch dem sechs- bis zehnfachen des brasilianischen Mindestlohnes entspricht, mit öffentlichem Erdgeschoss, in Vila Madalena. (df)

Fotos: Fernando Guerra


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