Vorwärts, wir müssen zurück!
Sterns Central Park Palazzo in Manhattan fertig
Der New Yorker Architekt Robert A. M. Stern ist bekannt für seine rückwärtsgewandte, historisierende Architektur. So überrascht es nicht, dass er z. B. die Präsidentenbibliothek für den 2008 aus dem Amt scheidenden George W. Bush baut (BauNetz-Meldung vom 3. September 2007 und BauNetz-Meldung vom 7. März 2008 zu Alternativvorschlägen).
In Manhattan wurde gerade Sterns „Central Park Palazzo“ fertig. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei um ein sehr teures New Yorker Appartmenthaus, dessen Sex-Appeal in etwa mit dem Beisheim-Center am Potsdamer Platz in Berlin vergleichbar ist.
‚Vorwärts, wir müssen zurück‘, scheint das Motto Sterns zu sein, denn Baumassen, Proportionen, Details und Material (Kalksteinfassade) des Komplexes versetzen den Betrachter in die Vorkriegsära.
Der einen gesamten Block große Komplex besteht aus zwei Türmen, einem 20-Geschosser, der zum Central Park, und einem 35-Geschosser, der zum Broadway orientiert ist. Die Türme sind durch ein großes Hofgebäude verbunden, das den Eingangspavillon enthält und als Garageneinfahrt für die Bewohner dient.
Die insgesamt 202 Appartments (ein bis vier Zimmer) sind nicht nur durch Flügelfenster und viele Gesimse, sondern auch in Raumhöhen und -größen den Vorkriegsmodellen nachempfunden.
Für alle Bewohner gibt es einen gemeinsam nutzbaren Bankettsaal, eine Bibliothek, einen Weinkeller sowie Wellness und einen Pool.
Man muss solch historisierende Bauten nicht mögen; Prominente wie Denzel Washington, Norman Lear oder Sting fanden aber offenbar schon die Renderings so großartig, dass sie und viele andere sich bereits vor Baubeginn im Nostalgie-Palazzo eingekauft haben.
Mann siehts ja an den ständig veröffentlichten Glastürmen, wie die versuchen gedreht, gestaucht, verrenkt, spiral, geknetet, geblobt einigermaßen Eigenständigkeit zu erreichen.
Da ist doch mit einem schlichten Stein gut und zeitgemäß verwendet doch wesentlich einfach und prägnanter zu schaffen.
Das stimmt so leider überhaupt nicht mehr, jedenfall in meiner eigenen Büropraxis (die zugegeben zur Zeit keine Hochhäuser umfasst ;-) und auch während meiner Zeit als Angestellter, die durchaus Hochhäuser umfasste.
Es ist eher so, dass Investoren heute ein dekoratives gläsernes Deckmäntelchen vorziehen.
Stichwort dekorierte Kiste.
Gerne wird das grauenvolle Wort Innovation bemüht, auch wenn es sich nur um ein schräges Galsvordach handelt.
Mit vernünftiger Planung und unmodischer Architektur hat man es eher schwerer.
Bei Stern wird natürlich der Name und Bekanntheitsgrad helfen, aber das ist ja auch legitim und bei Libeskind usw. auch nicht anders.
die immobilienbranche ist bekanntlich insgesamt eher konservativ und rückwärtsgewandt. mit so einem entwurf muss man jedenfalls keine überzeugungsarbeit leisten und geht auf nummer sicher.
insofern hat bob stern den ort verstanden. um das zu sehen, muss man keine theoretischen abhandlungen bemühen...
architekten sind meistens unternehmer. "künstler", "philosophen" und "theoretiker" sind sie nur gern im kollegenkreis. man möchte ja schließlich zu wettbewerben eingeladen werden und/oder mit einer professur noch ein "taschengeld" dazu verdienen...