Filmtipp: Sold City
Zweiteilige Dokumentation zur Entwicklung des Wohnungsmarkts
Eines der prominentesten Beispiele für den Kampf gegen den Ausverkauf der Städte ist die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen, die sich seit 2018 für eine Vergesellschaftung der Bestände großer Wohnungsunternehmen einsetzt. Dass dies grundsätzlich möglich ist, erklärte die vom Berliner Senat beauftragte Expert*innenkomission im Juni 2023.
Wie langwierig und zermürbend die Proteste gegen steigende Mieten und Privatisierung von Wohnraum sind, zeigt die zweiteilige Dokumentation „Sold City. Wenn Wohnen zur Ware wird“ von Leslie Franke und Herdolor Lorenz. Unter dem Titel „Der marktgerechte Mieter“ knüpfen die Filmemacher*innen an ebenfalls von ihnen produzierte Reihen an: Nach „Der marktgerechte Patient“ und „Der marktgerechte Mensch“ ist es die dritte Dokumentation, die sich den Auswirkungen des liberalen Markts auf die Gesellschaft widmet. Der erste Teil „Eigentum statt Menschenrecht“ beschäftigt sich im Wesentlichen mit der Umwandlung von Wohnraum in Konzerneigentum, während der zweite Teil „Enteignung statt Miete für die Rendite“ vor allem die großen Wohnkonzerne wie Akelius und die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen näher in den Blick nimmt.
Im Vergleich zur Dokumentation „Capital B“, die ähnliche Themen behandelt und in Teilen recht effekthascherisch daherkommt, bleibt „Sold City“ in seiner Machart erfrischend unaufgeregt. Die zahlreichen Betroffenen und Protestierenden in Berlin, Hamburg, Köln, München und auch London kommen ausführlich zu Wort und werden über längere Zeiträume begleitet. Expert*innen wie Stadtsoziologe Andrej Holm oder die britische Buchautorin und Dozentin Anna Minton erläutern die größeren Zusammenhänge.
Aber auch die andere Seite wird gezeigt. Aus unternehmerischer Perspektive berichtet etwa Roger Akelius (Akelius Residential Property). Seine Aussagen sind ebenso deprimierend wie die Schilderungen der Betroffenen, die mithilfe unmenschlicher Methoden aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Doch die Dokumentation hat auch zwei Positivbeispiele parat. So kehrt der Glaube ans Gute zurück, wenn Wiens Bürgermeister Michael Ludwig erläutert, dass Wohnen nicht dem Markt überlassen werden dürfe. Interessant ist außerdem der Blick nach Singapur, einem Stadtstaat, in dem 86 Prozent im kommunalen Wohnungsbau leben. Dazu passt die Aussage der Filmemacher*innen, die es als Aufgabe des Films verstehen, „die blind machende Angst der Bedrohten zu durchbrechen und Strukturen vor Augen zu führen, die sehender und handlungsfähiger machen.“
Text: Dorit Schneider-Maas
Sold City – Wenn Wohnen zur Ware wird
Leslie Franke und Herdolor Lorenz
Deutschland, 2024
Deutsch, teilweise mit Untertiteln
Beide Teile je 102 Minuten
Die Dokumentation feierte am 2. Juni 2024 Premiere. Weitere Vorführungen sind deutschlandweit und in Österreich an verschiedenen Orten geplant. Zudem können die beiden Teile von Sold City für 16 Euro hier heruntergeladen werden.
In Deutschland stehen laut Statistischem Bundesamt (Mikrozensus 2022) fast zwei Millionen Wohnungen leer - vor allem in Großstädten!
Dass es vielleicht keine Sozialwohnungen sind, mag sein, aber wir sollte wohl nicht davon sprechen, dass es einen Wohnraummangel gibt. Auch wenn das Wort etwas abgenutzt ist: Es gibt wohl eher eine Verteilungskrise. Und im Übrigen ist der "Markt" kaputt.
Ich lasse das jetzt mal so stehen, ohne politische Diskussionen vom Zaun zu brechen, die in den Kommentarspalten des Internets ohnehin zu nichts führen.
*Alle Zahlen vom statistischen Bundesamt.
Dies zu erkennen ist schwer, könnte aber zu Lösungsansätzen führen.