30 Jahre später
Zur Lichtinstallation am Berliner Reichstagsgebäude
Im Sommer 1995 verhüllten Christo und Jeanne-Claude für zwei Wochen das Reichstagsgebäude in Berlin. Für viele, die dabei waren, ein Schlüsselerlebnis. Dreißig Jahre später, vom 9. bis 20. Juni 2025, wollte eine auf die Westfassade des Reichstags projizierte Lichtinstallation an das Ereignis und die Atmosphäre von damals erinnern. Ein Resümee.
Von Nikolaus Bernau
Angeblich fünf Millionen Menschen staunten 1995, waren begeistert, ergriffen, schwiegen. Viele kamen eigens dafür nach Berlin: „Das müssen wir sehen.“ Sie hatten Recht. Aber nach genau zwei Wochen war trotz inständiger Bitten der Berlin-Vermarkter Schluss. Da begann das Kunstwerk schon zum Event zu werden, mit Müllbergen, lauten Würstchen- und Souvenirverkäufern.
Initiiert hatte das Projekt damals der US-amerikanische Historiker Michael S. Cullen, der 1964 nach West-Berlin gezogen war und das Kulturleben der Stadt mitprägte. Als die Lichtinstallation am 9. Juni 2025 eröffnet wurde, feierte er vor dem angestrahlten Reichstag seinen 86. Geburtstag. Schon 1971 hatte Cullen eine Postkarte aus Berlin an Christo nach New York geschickt: Das Gebäude böte sich doch für ein Verhüllungsprojekt an. Christo dachte zunächst jedoch eher an die Verhüllung der Berliner Mauer – angesichts des zu dieser Zeit herrschenden Kalten Krieges ein surrealeres Projekt.
Die weiterverfolgte Idee einer Reichstagsverhüllung stieß zunächst auf massive Widerstände. Sie waren zum einen technischer Art: Die Grenze zu Ost-Berlin lag unmittelbar vor den Stufen der Ostseite des Gebäudes, was jede Bauarbeit zum diplomatischen Balanceakt gemacht hätte. Wichtiger aber waren politische Vorbehalte: Der Bundestag als Hausherr fürchtete um die Symbolkraft eines „verpackten“ Parlamentsgebäudes und sah die Würde des Hauses in Gefahr.
Erst mit dem Mauerfall am 9. November 1989 kam neue Fahrt in das Projekt. Nach dem Umzugsbeschluss des Bundestags war schnell klar, dass der in den 1960er Jahren nach Plänen von Paul Baumgarten wiederaufgebaute Reichstag neuerlich umgebaut werden musste. Das Haus bot viel zu wenig Nutzfläche für ein Arbeitsparlament. 1994 gewann Norman Foster den ausgelobten Architekturwettbewerb. Im gleichen Jahr stimmte der Bundestag für das Verhüllungsprojekt von Christo und Jeanne-Claude – nach vehementer Fürsprache der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Rita Süßmuth.
Die ein Jahr später realisierte Kunstaktion markierte in mehrfacher Hinsicht eine Zeitenwende: vom Reichstagsgebäude als Symbol der gescheiterten Weimarer Republik als erster parlamentarischer Demokratie in Deutschland hin zum Symbol für einen Neubeginn als wiedervereinigte Bundesrepublik, von der gut vierzig Jahre lang in West- und Ostteil getrennten Stadt hin zu einem neuen Berlin als Hauptstadt dieser Republik, vom Kalten Krieg hin zum erhofften ewigen Frieden.
All dies kann eine Lichtinstallation selbstverständlich nicht wieder aufrufen. Obwohl die in Abständen von zwanzig Minuten wiederholte Show großartig wirkte – jedenfalls bei voller Dunkelheit. Erst waren nur Lichtstreifen auf der Fassade zu sehen, dann rollten ganze Lichtbahnen tsunamiartig über die Wand wie Stoffwellen. Mal wurde es Morgenrot, mal Mittagsgelb, mal Abendorangerosa. Dann fiel alles in sich zusammen. Kurze Dunkelpause, bevor die 24 Hochleistungsprojektoren erneut loslegten.
Bei Christo und Jeanne-Claude waren jedoch gerade das langsame Ver- und Enthüllen, ja überhaupt der Faktor Zeit wichtiger Teil des Kunsterlebnisses. Man saß auf der Wiese vor dem Reichstag, auf der zu dieser Zeit noch Fußball gespielt wurde, und sah zu, wie scheinbar nichts geschah. Und dann verschwand das Gebäude regelrecht, wurde zur gleißend schimmernden Skulptur. Nur vage waren die groben Formen der Türme und Giebel zu erahnen – Fosters Kuppel gab es damals noch nicht.
Das Künstlerpaar hatte sich mit der Verhüllung vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 bewusst die längsten Tage des Jahres ausgesucht. Die Lichtinstallation 2025 war umgekehrt mit den kürzesten Nächten konfrontiert. Geradezu pingelig detailliert zeichnete sie die Formen der Fassade nach. Sogar die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ war genau zu erkennen. Und über allem schwebte die hell erleuchtete Kuppel.
Zu erleben war also das exakte konzeptionelle Gegenteil von dem, was Christo und Jeanne-Claude einst schufen: Mit ihrer Verhüllung verwandelten sie den Bau in all seiner Monumentalität in eine elegante Abstraktion aus Raum, Licht und Zeit. Die Projektion dieser Verhüllung hingegen ließ die Wucht des Gebäudes noch deutlicher hervortreten, enthüllte sie sozusagen, fern jeder Eleganz.
War 95 als frischgebackener Absolvent auch da und hingerissen. Und wenn diese entspannte Stimmung sich gerade wieder einstellt, ist das den Aufwand allemal wert. Brauchen wir doch gerade jetzt alle mal, nicht?
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Eure Misogynie braucht dagegen kein Mensch!
Was aber wichtig war: eine demokratische Entscheidung - und die Debatte über die Verhüllung war eine der Sternstunden des Bundestages zur Frage einer bundesdeutschen Identität. Das wurde auch im Ausland erstaunt wahrgenommen.
Und auch damals musste man deutsche kleingeistige Provinzialität überwinden. Genau die gleichen dummen Meinungen, die hier im Forum leider auch immer wieder hochkommen: "alles Scheiße und was soll denn das?"
Heutzutage an solch einen vereinenden Moment zu erinnern und den Geist von 1995 noch mal wiederzubeleben ist wichtiger denn je!
in schönen erinnerungen lächelt die vergangenheit zurück.
auch ich war als student 1995 fast jeden abend bis zum sonnenuntergang am verhüllten reichstag. zuerst mit viel skepsis gegenüber dieser monument-inszenierung, dann aber von der schönheit und der kollektiven begeisterung mitgerissen.
die aktuelle, sehr flüchtige projektion hat vielen menschen diese gefühle u. gedanken zurückgebracht. dafür kann man dankbar sein.
Nicht von der Projektion, sondern von den Menschen, die da waren, von der lauen Sommernacht und von der Stimmung untereinander. Dieser Ort war belebt; die ganze Gegend um den Reichstag. Menschan haben auf der Wiese gepicknickt. Der Tiergarten war voll. An der Spreepromenade vor der Kantine des Paul-Löbe-Hauses habe ich Tango getanzt und bin mit sehr netten Fremden ins Gespräch gekommen...
Vielleicht geht es hier (und ggf. auch damals) nicht um das Kunstwerk an sich, sondern darum, was es mit den Menschen macht, die es betrachten und wie der Ort dadurch transformiert wird.