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17.05.2019

Schwimmen in der Ursuppe

Zur Hauptausstellung der Kunstbiennale in Venedig


Ein chinesischer Fluch, der sich bei näherem Hinsehen als Fälschung einer britischen Politdynastie erweist: Mit „May You Live In Interesting Times“, dem Motto der diesjährigen Biennale-Hauptausstellung, liegt Kurator Ralph Rugoff schon mal goldrichtig. Vor Ort ist die Lage allerding etwas unübersichtlicher, wie unser Besuch in Venedig zeigt.

Von Stephan Becker und Linda Kuhn


Die Räume im Arsenale und im zentralen Pavillon sind extrem dicht bespielt, die künstlerischen Arbeiten überlagern, ja berühren sich fast, es macht gerne „Bang!“ und doch treten die Kunstwerke nur selten in einen Dialog. Dazu passt, dass es selbst an diesen kühlen ersten Tagen der Biennale an vielen Stellen merkwürdig stickig ist. Liegt das an der Abwärme der vielen Elektronik und den frisch verlegten Teppichen der zahllosen Videoräume? Die knallbunte Ästhetik der Kunst – viele Werke sind recht materialaffin – tut ihr übriges, der erste Eindruck von Ralph Rugoffs Hauptausstellung ist ganz klar: Was für ein Durcheinander! Kämen einem nun Blöcke aus Plastikmüll in den Sinn, wie sie in Recyclingwerken aus bunten Verpackungen gepresst werden, wäre das nicht ganz falsch – so eng und unterschiedslos ist hier alles gefügt.

Ralph Rugoff, im richtigen Leben Direktor der Londoner Hayward Gallery, ficht dies nicht an. Von Anfang an war klar, dass er auf jedes inhaltlich ordnende Konzept verzichten möchte, anders als beispielsweise die formalistischere Christine Macel mit ihrer strengeren Gliederung vor zwei Jahren. Der Ausspruch, man möge in interessanten Zeiten leben, der vermutlich auf die Chamberlain-Familie zurückgeht, ist denn vor allem als lakonischer Hinweis zu verstehen, dass sich die hier gezeigte Kunst mit dem Chaos der Gegenwart beschäftigt. Ein leicht bedrohlicher Grundton verwundert daher nicht, von Kaari Upsons Familiengrusel im Puppenhaus über Alexandra Birckens zersägte Motorräder und fliehende Latexkörper und Hito Steyerls Installation zwischen Klimawandel und Waffenproduktion bis hin zu Sun Yuan und Peng Yus Roboter, der eine blutähnliche Flüssigkeit wischt – um schließlich Espresso trinkend vor Christoph Büchels vieldiskutiertem, laut Catrin Lorch alles negierendem Schiffswrack zu stehen, das als riesiger leerer Sarg am Ende doch vor allem voyeuristische Sensationskunst ist.

Löwen für
Säulenarrangements und Videokunst

Die Jury unter Vorsitz von Stephanie Rosenthal, früher unter Rugoff in London tätig und jetzt Leiterin des Berliner Gropius-Baus, trägt diesen kritischen Blick auf die Gegenwart durchaus mit. Der Goldene Löwe für den besten Ausstellungsbeitrag geht an Arthur Jafa, dessen „The White Album“ im Zentralpavillon mit meisterhafter Präzision den medial vermittelten Alltagsrassismus analysiert. Und die besondere Erwähnung für Teresa Margolles, die unter anderem mit einer stacheldrahtbewehrten Mauer präsent ist, würdigt ihren Blick auf die Auswirkungen des Drogenhandels in ihrer Heimat Mexiko.

Mit dem silbernen Nachwuchs-Löwen für Haris Epaminonda und einer weiteren besonderen Erwähnung für Otobong Nkanga wird zugleich aber auch ein anderer Akzent gesetzt. Bei ihren leisen Installationen zu Geschichte und Erinnerung oder postkolonialer Körperlichkeit und Spiritualität kommen vielschichtigere Sichtweisen zum Tragen als nur der Blick auf die heutigen Zustände. Beim Lebenswerk-Löwen für Jimmie Durham, von Rugoff selbst vergeben, gilt dies ohnehin. Hinzu kommen Arbeiten wie Kahlil Josephs BLKNWS oder die im Arsenale sehr präsenten Selbstportraits von Zanele Muholi, die ein starkes Selbstverständnis jenseits von westlich-weißer Normativität entwerfen.

Zur Architektur: Vielseitigkeit mit Funiersperrholz

Wieviel komplexer und beziehungsreicher auch Rugoffs Ausstellung selbst ist, wird allerdings erst auf den zweiten Blick deutlich. Da wäre zum einen seine Entscheidung, nur knapp 80 Künstler*innen einzuladen, diese aber – mit jeweils sehr unterschiedlichen Arbeiten – sowohl im Arsenale als auch im Zentralpavillon zu zeigen. Prototypisch gelingt dies bei der New Yorkerin Nicole Eisenman, die sowohl als Malerin wie auch als Bildhauerin glänzt. Aber auch viele andere Künstler*innen wie Ed Atkins oder Lara Favaretto nutzen diese Chance, aus der vom Mark oft erzwungenen Eindeutigkeit auszubrechen. Inhaltlich wie formal gerät dadurch vieles in Bewegung.

Aus kuratorischer Sicht ergibt sich aus Rugoffs Ansatz außerdem noch ein zweiter Vorteil: In einem ökonomischen Umfeld, in dem die großen Galerien wesentliche Teile der Biennale vorfinanzieren und dann gerne für ihre Künstler*innen viel Platz beanspruchen, erlaubt die Doppelung mehr räumliche Flexibilität: Ein eigener Raum hier, dafür dort nur eine einzelne Arbeit, das macht die Ausstellung insgesamt abwechslungsreicher und weniger messehaft. Insbesondere im Arsenale gibt außerdem die gelungene Ausstellungsarchitektur von Delvendahl Martin Architects (London) Struktur. Größtenteils aus Funiersperrholz gefertigt, verleiht sie dem Backsteinbau eine warme, provisorische Materialität, während räumlich die teils sehr eigenständigen Einbauten der ermüdenden Linearität des Gebäudes entgegenwirken.

Der provisorische Charakter der Architektur hilft außerdem der in diesem Jahr stark vertretenen Malerei, die auf weißen Trockenbauwänden sonst allzu leicht nach Kunstmesse hätte aussehen können. Zusammen mit der dichten Hängung der Arbeiten erzeugt das Holz zudem eine fast schon backstagehafte Atmosphäre, und ganz falsch ist das ja nicht. Vielleicht muss man nämlich Rugoffs manchmal etwas respektlose Anordnungen schlicht als eine neue Medialität der Ausstellung im Instagram-Zeitalter sehen, wie Kolja Reichert in der FAZ anmerkt: Die physische Ausstellung als Produktionsort jener Bilder, die im Stream dann eh zusammengerührt werden.

Zurückhaltung im Zentralpavillon

Der schönste Raum der diesjährigen Biennale, darüber bestand zur Eröffnung eine gewisse Einigkeit, ist aber – im Kontrast zu solchen Überlegungen – das Oktagon im zentralen Pavillon. Dort haben sich Delvendahl Martin mehr Zurückhaltung verordnet, indem sie die architektonischen Spuren der letzten Jahrzehnte sichtbar belassen. Die Installation von Danh Vo mit Bildern unter anderem seines früheren Professors Peter Bonde, die im Halbdunkel auf Cyprien Gaillard und Yu Ji trifft, entwickelt in diesem Raum eine unglaubliche Kraft.

Wie bei jedem Großkunstevent gilt auch bei der Biennale, dass einige wenige solcher außergewöhnlichen Momente eine Ausstellung tragen können, und dies ist bei „Interesting Times“ allemal der Fall. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, und zwar, dass Rugoff schon auf struktureller Ebene – etwa hinsichtlich der ausgewogenen Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern oder durch die konsequente Einbeziehung nichteurozentrischer Sichtweisen – derart vieles richtig macht, dass man das konkrete Durcheinander vor Ort auch in einem anderen Licht sehen kann: Rugoff gelingt in Venedig eine Art Ursuppe der Gegenwart, aus der in den nächsten Jahren neue Beziehungen und Positionen erwachsen können.

Fotos: Andrea Avezzù, Francesco Galli, Italo Rondinella, Delvendahl Martin Architects


Zum Thema:

Die Kunstbiennale in Venedig läuft noch bis zum 24. November 2019. Zum diesjährigen deutschen Beitrag „Ankersentrum“ ist bereits am Dienstag ein Artikel erschienen.

www.labiennale.org


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Ralph Rugoff, Kurator der diesjährigen Hauptausstellung „May You Live In Interesting Times“.

Ralph Rugoff, Kurator der diesjährigen Hauptausstellung „May You Live In Interesting Times“.

Jury-Präsidentin Stephanie Rosenthal, die in Berlin den Martin-Gropius-Bau leitet.

Jury-Präsidentin Stephanie Rosenthal, die in Berlin den Martin-Gropius-Bau leitet.

Den Auftakt im Arsenale macht George Condo mit „Double Elvis“.

Den Auftakt im Arsenale macht George Condo mit „Double Elvis“.

Zanele Muholi ist mit ihren inszenierenden Selbstportraits an vielen Stellen präsent.

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