Der Zukunft entgegen
Zum Tod von Helmut Jahn
Denkt man an Helmut Jahn, so schießen womöglich zahlreiche Türme vor dem inneren Auge in die Höhe: Ob Frankfurter Messeturm, Berliner Bahntower, Münchner Highlight Towers oder der Testturm von ThyssenKrupp in Rottweil – der „Turmvater Jahn“ prägte in Deutschland vor allem das Bauen in der Vertikalen. Am Samstag, den 8. Mai 2021 verstarb Jahn im Alter von 81 Jahren nach einem Fahrradunfall in Campton Hills, einem Vorort im Westen von Chicago im US-Bundesstaat Illinois.
Helmut Jahns Biografie liest sich wie die Erfüllung des American Dream in Architektenmanier: Er wuchs im fränkischen Zirndorf auf und ging nach seinem Diplom an der TU München 1966 nach Chicago, wo er bei Mies van der Rohe weiterstudierte. 1967 begann er im Chicagoer Architekturbüro C.F. Murphy. Dort wurde er schließlich Teilhaber und übernahm 1981 das Büro ganz. Jahn war stark inspiriert von Mies, sprach sich jedoch Ende der 1970er Jahre gegen eine allzu doktrinäre Auslegung der modernen Ideen aus. In den folgenden Jahrzehnten verfolgte er eine Mischung aus Hightech und Postmoderne. Prägend für Jahns oft gläserne Architektur ist vor allem der strukturelle Expressionismus, der das Tragwerk als Gestaltungsmerkmal einsetzt und bewusst nach außen kehrt.
Mitte der Achtziger Jahre bemühten sich Bauherren, den Wahl-Amerikaner vermehrt für Projekte in Deutschland zu gewinnen. Heute unterhält das Büro, das seit 2012 nur noch seinen Namen im Titel trägt, neben dem Hauptsitz in Chicago Niederlassungen in Berlin und Shanghai. Jahn lehrte an der University of Illinois und war als Professor unter anderem in Harvard, Yale und am IIT tätig. In Amerika bekannt wurde Jahn durch zahlreiche Großprojekte, die er noch unter Charles Murphy bearbeitete, wie beispielsweise das brutalistische J. Edgar Hoover Building, dem Sitz des FBI in der Hauptstadt Washington.
Zu Jahns wichtigsten ebenso wie umstrittensten Entwürfen gehört das seit Jahren vom Abriss bedrohte State of Illinois Center, das heute James R. Thompson Center heißt und das auch Vorbild für sein Berliner Sony Center war. Viel diskutiert bleiben außerdem seine deutschen Hochhausbauten in München oder Bonn, wo sie die Stadtsilhouetten bis heute stark prägen. Der Architekt, dessen Motto „Die Zukunft hat immer Recht“ lautete, wurde vielfach als ein sympathischer und gut gelaunter Mensch beschrieben. Seinen Optimismus und Glauben an die Zukunft konnte sich Helmut Jahn bis ins hohe Alter bewahren. (dsm)
Einer der noch an das Leben (im positiven Sinne) glaubte und nicht an den heute gefrönten Nihilismus (wir müssen dies, wir müssen das, wir dürfen dies und das nicht mehr, wir haben bewusst darauf verzichtet, etc.). Einer der noch wusste, dass "weniger nicht mehr, sondern einfach nur weniger" ist. Das heutige allzu zeitgemäße wird vergehen, ihre Idee wird wieder entdeckt werden. Wie war das nochmal "don't talk, buildt!" Danke!
und obwohl er ein sehr kleiner mann war, war er omnipräsent ohne aufdringlich oder arrogant zu wirken. das mit den porsches ist tatsächlich wahr und ich finde diese attüde im gesamtkontext eher sympathisch. seine skizzen, die zum projekt auflagen waren immer sehr präzise und für einen jungen architekten beeindruckend weil sie immer auch das detail wiedergaben. und in münchen sind die twintowers von jahn wesentlich prägnanter als beispielsweise der o2 tower von ingenhoven. ich finde helmut jahn hat seinen platz in der architekturgeschichte absolut verdient.
Dass er auf dem Fahrrad zu Tode kam, ist ein weiterer Beleg für seinen permanenten Bewegungsdrang, der sich auch in seiner Rennsegelyacht und dem giftgrünen 911er, der jeweils in jeder Stadt, wo er ein Büro besaß, auf ihn wartete, zeigte.