Neues aus dem Knastquartier
Wohnhochhaus in Amsterdam von OMA
Ehrlich, streng und hart gerastert – so zeigen sich die bisher realisierten Wohnhochhäuser im Amsterdamer Entwicklungsgebiet Bajes Kwartier. Vermutlich hat das auch mit der Geschichte des 7,5 Hektar großen Areals im Südosten der Stadt zu tun. Denn von 1978 bis 2016 stand hier ein großes Gefängnis, das zwar progressive Ansätze verfolgte, aber mit seinen sechs weitgehend identischen 17-Geschossern, in denen die Gefangenen in WG-artigen Einheiten untergebracht waren, immer auch umstritten war.
Ein Jahr nachdem das Gefängnis mit dem Spitznamen Bijlmerbajes (bajes ist der umgangssprachliche niederländische Begriff für „Knast“) geschlossen worden war, legten OMA (Rotterdam) einen Masterplan vor. 1.350 Wohnungen sollen hier im Auftrag des Investors AM Real Estate entstehen, davon ein Drittel als sozialer Wohnungsbau. OMA ist für drei Wohnbauten im Quartier verantwortlich. The Jay haben wir im März letzten Jahres gebracht. Kürzlich wurde nun mit The Martin das zweite Haus fertig. Das dritte namens The Cardinal ist für 2030 projektiert.
The Martin ist wiederum eines von vier relativ ähnlich gestalteten Wohnhochhäusern im sogenannten Central District des Quartiers, für die unterschiedliche Büros verantwortlich zeichnen – darunter Atelier Kempe Thill, deren Haus De Vrijheid als einziges der vier Gebäude sozialen Mietwohnungsbau bietet. The Martin ist demgegenüber klassischer Eigentumswohnungsbau. 103 Wohneinheiten bietet der 16-Geschosser – von der 2-Zimmer-Wohnung mit circa 50 Quadratmetern bis zur 4-Zimmer-Wohnung bis maximal 140 Quadratmetern Wohnfläche. Im Erdgeschoss gibt es Einzelhandelsflächen.
Die Form des Baukörpers ergibt sich aus dem Verschneiden von vier Kuben. Innen strukturieren zwei hohe, begrünte Atrien das Haus und seine Erschließung. Auffällig sind die großzügigen, umlaufenden Loggien. OMA setzten hier auf die für das Büro typischen Aluminiumprofile und Glasbrüstungen. Vergleichbar großzügige Freisitze bieten auch die benachbarten Wohnhochhäuser. So streng und gleichförmig das alles auf den ersten Blick wirken mag, so sehr liegt hier doch ein gewisses Potenzial, das perspektivisch für Aneignung und Lebendigkeit sorgen könnte – insbesondere wenn man die relativ hohe städtebauliche Dichte an dieser zentralen Stelle des Quartiers mit bedenkt.
Der finale Ausbau liegt – wie bei solchen Projekten in den Niederlanden üblich – bei den zukünftigen Eigentümer*innen. Dementsprechend haben OMA keine Fotos der Wohneinheiten veröffentlicht. Beim Blick auf die teilweise recht kleinteilig verschachtelten Grundrisse fragt man sich freilich, ob der ein oder andere nochmal an die nichttragenden Wände rangehen wird. (gh)
In der Bildstrecke zu The Jay finden sich auch Fotos aus dem Dezember 2017, als unser Autor die leerstehenden und zwischengenutzten Bestandsbauten des Gefängnisses besuchte, bevor diese weitgehend abgerissen wurden.