Vier plus drei
Wohnhaus in Wien aufgestockt
Alt- und Neubauten stehen in der Regel nebeneinander. In der Margaretenstraße in Wien findet man sie auch übereinander gestapelt: Auf einen viergeschossigen Wohnbau aus der Gründerzeit hat das Büro Josef Weichenberger architects + Partner (Wien) einen dreigeschossigen Neubau aufgesetzt. Ende des letzten Jahres wurde die Aufstockung fertig gestellt und an den Bauherrn übergeben.
„Aus konvergierenden Linien der Straßenfluchten, die an der Kreuzung Operngasse/Margaretenstraße zusammentreffen, entstand ein komplexes, geometrisches Bezugsgerüst, in das die Dachaufstockung eingewoben wird“, erläutern die Architekten ihren Entwurf. „In diesem Gerüst aus Bezugslinien entwickelt sich die Dachaufstockung als ein mäandrierendes Band, das schließlich in das bestehende Dachgesims mündet, und den Neubau mit dem Bestand verschmelzen lässt.
Bauplastik, Glasfronten und Terrassen spiegeln die städtebauliche Situation wider, und spielen mit den verschiedenen Sichtbezügen der Straßenfluchten und der Wiener Dachlandschaft. Wie der Baukörper selbst, entwickeln sich auch die Grundrisse der vier Wohnungen (davon eine Maisonette) aus den Richtungen der Stadtstruktur, zu der sie sich mit raumhohen Fenstern öffnen.“
Fotos: Erika Mayer, Salzburg
Weniger ist weniger....
Der Respekt vor den Dingen zeigt sich aus meiner Sicht deutlich in dem sorgsamen Umgang mit dem Bestand unter, so wie es scheint, größtmöglicher Beibehaltung der historischen Elemente. Der Aufbau nimmt die Höhen der umgebenden, offensichtlich auch eher älteren, Gebäude auf und ergänzt somit einen Bestand, der eben nicht in mit seiner Umgebung ein homogenes Ensemble bildete. Der Vorwurf der Unmaßstäblichkeit ist somit eher an die Stadtplanung des vergangenen Jahrhunderts zu richten. Der Ruf nach dem bedingungslosen Konservieren des Altbestandes geht aus meiner Sicht vollkommen an den Bedürfnissen einer, zum Glück wie ich meine, sich weiterentwickelnden Stadtlandschaft vorbei. Stülpen wir eine Glasglocke über jede Altstadt und besiedeln den Stadtrand mit monofunktionalen Wohnbauten? Eine Stadt hat des Recht sich weiterzuentwickeln, ebenso wie ihre Bauwerke und die in ihr lebenden Menschen. Die vorgestellte Aufstockung kann in meinen Augen als eines der gelungenen Beispiele gelten, die historische Elemente eben nicht negiert, sondern in ihrer ursprünglichen Stärke wieder unterstreicht und durch eine zeitgemäße Formensprache ergänzt. Zum zweiten Kommentar wäre noch anzumerken, dass das Artaria- Haus mittlerweile in jedem Architekturführer zu finden ist und als baugeschichtlich wertvoll eingestuft wird.
Aber mal im ernst, muss es immer eine Synthese aus alt und neu sein? Völlig selbstverständlich akzeptieren - ja schätzen - wir dass in geschlossener Stadtbebauung kontrastreiche, widersprüchliche, zeitverschiedene Gebäude fugenlos aneinander stehen. Hier passiert dies in der Vertikalen, und evoziert Gedankenspiele a la: was wäre wenn Städte in der Höhe gefügt wären wie sie es in der Fläche sind? Ich finde das ausgesprochen interessant, und im vorliegenden Beispiel auch gelungen. Dreidimensionale Stadt kann durchaus etwas reichaltigerers bedeuten als nur die Topographie wechselnder Turmhöhen. Insofern versteckt sich in dieser Aufstockung ein Versprechen.