Klinker am Kleingarten
Wohnhäuser von Modersohn & Freiesleben in Berlin
Im Berliner Westen, genauer gesagt im Wilmersdorfer Ortsteil Schmargendorf zwischen Kurfürstendamm und Grunewald, entsteht auf einem 4,7 Hektar großen Areal derzeit ein neues Wohnquartier mit 973 Eigentums- und Mietwohnungen. Investor ist die Groth Gruppe, der das Areal gehört. Das Projekt ist kommunalpolitisch umstritten, weil die Bebauung einen Teil des Geländes der Kleingartenkolonie Oeynhausen ersetzt. „Kräuter oder Kräne“ und „Beton oder Bäume“ lauteten die Protest-Slogans. Doch auch ein Bürgerentscheid konnte die Bebauung nicht verhindern – rund 150 Kleingartenparzellen mussten der Planung für das Maximilians Quartier weichen. Ein Teil der Kleingartenanlage konnte erhalten bleiben, weil nun nicht wie ursprünglich vorgesehen dreigeschossig, sondern sechs- bis achtgeschossig gebaut werde darf.
Die städtebauliche Grundform des neuen Quartiers wurde im Rahmen eines Workshopverfahrens ermittelt, zu dem der Investor vier Büros eingeladen hatte. Vier in Nord-Süd-Ausrichtung angeordnete Baufelder wurden festgelegt, wobei die nördlichen beiden dem städtebaulichen Konzept von Hilmer & Sattler und die südlichen beiden dem von léonwohlhage folgen. Bebaut werden die vier Baufelder nach Entwürfen von den vier Berliner Architekturbüros, die zum Workshop eingeladen waren: Baufeld A ganz im Norden wurde von Nöfer Architekten projektiert und wird voraussichtlich bis Herbst 2022 realisiert. Baufeld B, geplant von Hilmer & Sattler, soll im Juni 2021 übergeben werden. Die Häuser in den beiden südlichen Baufeldern C (Mietwohnungen) und D (Eigentumswohnungen) sind bereits fertiggestellt und bezogen. Sie wurden von Modersohn & Freiesleben und léonwohlhage entworfen, wobei beide Büros jeweils zwei Baukörper pro Baufeld beitrugen. Die insgesamt acht Volumen gruppieren sich um zwei offene Höfe.
Die Bauarbeiten der vier von Modersohn & Freiesleben entworfenen Gebäude mit einer Gesamt-Bruttogrundfläche von circa 20.800 Quadratmetern wurden im Mai 2020 beendet. Die insgesamt 232 Wohnungen verteilen sich wie folgt: Haus C3 umfasst 36 Mietwohnungen mit 3–4 Zimmern, Haus C4 90 Mietwohnungen mit 2–3 Zimmern. Haus D 1 nimmt 71 Eigentumswohnungen mit 2–3 Zimmern auf, Haus D 2 35 mit 3–4 Zimmern sowie ein Penthouse. Abgesehen von dem südlichsten Haus mit Hauptzugang zum Hof werden alle Gebäude von der Straße aus erschlossen.
Die beiden Volumen mit Nord-Süd-Ausrichtung verfügen über Eckbalkone und haben an der Nordfassade einen auffälligen mittigen Einschnitt, an der Südfassade gibt es stattdessen zentrale Loggien. Die nach Ost-West orientierten Häuser, die einen großen Teil der 2-Zimmer-Apartments aufnehmen, bieten mit tief in den Baukörper eingeschnittenen Loggien für alle Wohnungen Ausblicke in zwei Richtungen.
Wie die Architekt*innen erläutern, haben alle Fassaden Fernwirkung, offenbaren aber aus der Nähe betrachtet feine Details. Gemeint sind unter anderem die unterschiedlichen Farbnuancen: Die Laibungen der Fenster und Stürze werden durch schwarze beziehungsweise blaugraue, glasierte Riemchen akzentuiert, während der Rest der Fassade in hellem, rauem Klinker ausgeführt ist. Zudem ist die Richtung der Klinkerverbände gegeneinander verdreht und es bildet sich optisch eine Art Gewebe, das sich über die Fassaden legt. (tp)
Fotos: Sebastian Schels
Wie sagt Ernst Hubeli doch in "Die neue Krise der Städte: Zur Wohnungsfrage im 21. Jahrhundert": es wird in erster Linie das gebaut, wonach am wenigsten Bedarf herrscht: relativ unflexible Grundrisse etc. pp. Die langen Planungs- und Genehmigungszeiten schützen zwar vor dem Bersten von Blasen, weil am Bedarf vorbei geplant wird bzw. das Gros sich die Hütten kaum leisten kann. Aber: die wenigsten Architekten haben das Thema der Bodenfrage auf dem Schirm, wie auch Florian Hertweck in "Architektur auf gemeinsamem Boden, Modelle, Positionen, Diskussionen" sagt. Mit dieser Frage steht und fällt aber alles. Und steht oder gefällt eben nicht. Auch hier. Zuletzt war die Architektenschaft ja sehr verwöhnt. Volle Auftragsbücher und so. Mal sehen, wie's weitergeht. Mit der Bodenfrage und anderen Themen, die durchaus den Gesetzen der Entropie und anderen Grenzziehungen unterworfen sind. Schönes Wochenende allen hier.
Die Gebäude haben meiner Meinung nach Charme und gute Details, auch die Wohnungen sind sinnvoll geschnitten. Und endlich mal angemessen hoch gebaut..
Der Architekt befindet sich im fortwährend in einem Spannungsfeld aus den Wünschen des Bauherrn, den Rahmenbedingungen der Politik, den aktuellen Fertigungsmöglichkeiten, den anerkannten technischen Regeln des Bauens, den Fähigeiten & der Motivation der Fachplaner, den Wünschen der Anwohner & zukünftigen Nutzer, der architektonischen Qualität, den finanziellen Mitteln, der Qualität der ausführenden Firmen, des Naturschutzes, der Denkmalpflege, des Stadbauamtes, der Verkehrsplanung... Erfreulicherweise gib es seit kurzem, auch von politischer Seite, Bestrebungen den Architekten eine ökologische Bauweise (auch in größeren Maßstäben) zu ermöglichen. Zum Zeitpunkt des Planungsbeginns (vergessen Sie nicht, dass sie hier ein fertiggestelltes Gebäude beurteilen) waren diese Rahmenbedingungen vermutlich schichtweg noch nicht gegeben. Ökologische Überlegungen müssen außerdem nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sein. Ein Gebäude aus beständigen Materialien, welches über eine lange Nutzungsdauer hin nicht saniert werden muss, spart während dieser Zeit Energie und Ressourcen. Eine kompakte, großvolumige Bauform, ermöglich es, dass weniger Flächen versiegelt werden usw. Ein mit Holzlatten verkleidetes Stadthaus von vor 10 Jahren mag ökologisch daherkommen, kaschiert meist jedoch die gleiche mineralische Dämmung auf einer Kalksandstein Wand. Hoffen wir, dass es den Architekten in der nahen Zukunft ermöglicht wird ihre moralischen Verpflichtungen besser erfüllen zu können, so dass sie nicht mehr die Rolle des Buhmannes einnehmen müssen, in welcher sie in Ihren Augen stecken.
Wegen einem neuen Wohnquartier muss natürlicher Lebensraum weichen und vier große berliner Architekturbüros die im Vorfeld zu einem städtebaulichen Workshop geladen werden, schaffen es nicht, den Investor von klimaneutralem Bauen mit einem nachhaltigen Energieversorgungskonzept zu überzeugen?! Welches sich in solch einem Quartier geradezu anbietet! Oder wurde das in diesem Artikel nur nicht erwähnt? Was ist hier schief gelaufen? Sind die Berliner Architekturbüros wirklich von den Investoren so abhängig, das Sie alles Planen müssen was gewünscht wird, ist man bereits so aufgeblasen und hinterfragt nichtmehr? Oder hat man sich mit der Buhmann- Rolle abgefunden und versucht einfach nur noch abzuschöpfen was geht? Wenn schon in so einem Maßstab neu gebaut wird, sollte es unsere Pflicht sein, für eine nachhaltige und klimaschonende Bauweise einzustehen! Das sind wir als Architekten den Anwohnern/ Nachbarn/ unseren Mitmenschen schuldig. Unsere Aufgabe ist auch eine nicht nur dem direkten Nutzer verpflichtende!