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14.01.2026

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Buchtipp: Abrechnung mit einer Legende

Wir Günther Domenig


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Günther Domenig (1934–2012) gehört zweifelsfrei zu den wichtigsten Architekten Österreichs im 20. Jahrhundert. Radikal und scheinbar kompromisslos werden in Domenigs vielfältigem Werk verschiedene baukulturelle Strömungen der Nachkriegsmoderne sichtbar – vom Strukturalismus, Metabolismus und Brutalismus bis zum Dekonstruktivismus. Dabei blieb seine Architektursprache aber individuell und originell. Vom Gemeindezentrum Oberwart (mit Eilfried Huth, 1969) über die fantastische Wolkenstadt Ragnitz (mit Huth, 1969), die wegweisende Metall-Faltfassade der Sparkasse in Wien-Favoriten (1979) bis zum fulminanten Umbau eines alten Hochofens zum Ausstellungszentrum in Hüttenberg (1995).

Domenig war keine einfache Persönlichkeit und bediente zeit seines Lebens lieber den Ruf des genialen Eigenbrötlers, der keinem Konflikt aus dem Wege ging. Genau dort setzt das Buch Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende von Wolfdieter Dreibholz und Michael Zinganel an. Dem Mythos vom „kompromisslosen, geradezu besessenen Einzelkämpfer“ und dem „einsamen, unangepassten, männlichen Genie“, schreibt Zinganel in seinem einleitenden Essay, möchte man eine andere Erzählung entgegensetzen.

Zinganel schreibt weiter, er wolle Domenigs „herausragendes Talent, komplexe skulpturale Architekturen zu erfinden, seine Obsession zur totalen Raumbeherrschung, seine Kampfkraft, diese Ideen durchzusetzen“ nicht infrage stellen – und man ahnt bereits, dass seine nachfolgende Kritik umso drastischer ausfällt. Insgesamt zeichnet der Text ein Bild von Domenig als manischem, irgendwie schrulligen Choleriker, der zu langfristiger Zusammenarbeit nie fähig war – schon gar nicht auf Augenhöhe. Stattdessen habe er immer neue Bürokonstellationen ausprobieren müssen und die „Sehnsucht seiner Generation“ nach dem unangepassten Rebellen bedient, der gleichzeitig, wenn nötig, gegenüber Politikern oder Auftraggebern „äußerst anpassungsfähig“ sein konnte. 

Der Text liest sich passagenweise wie eine Abrechnung. Mitarbeitern – fast ausschließlich Männer – verweigerte Domenig die Anerkennung und manchmal auch das Honorar. Die vielen Trennungen wurden oft von Konflikten und persönlichen Kränkungen begleitet. Mitarbeiter, die er verschliss, ersetzte er durch immer neue Studenten aus seinen Kursen an der TU Graz. Zinganel spricht von „Kollateralschäden“. Mit der strengen Mutter Gisela Domenig, einer tief überzeugten Faschistin, habe er sich zeit seines Lebens auseinandergesetzt – nicht zuletzt in seinem eigenen Steinhaus am Ossiacher See auf geerbtem Grund und dem geradezu brutalen Umbau der NSDAP-Kongresshalle in Nürnberg zum Dokumentationszentrum (2001). Mit Frauen als Kolleginnen habe Domenig lange Probleme gehabt, dafür seiner Alkohol- und Nikotinsucht gefrönt, der er schließlich erlegen sei. Domenigs schwieriger Charakter sei zu dessen Lebzeiten in Laudationes und Artikeln zwar gelegentlich thematisiert worden, aber das „Verstörende“ sei dabei ins Positive gewendet worden, so Zinganel. 

Daher also die Grundthese dieser „Korrekturen“: Dem Einzelkämpfer soll ein „Wir“ zur Seite gestellt werden. Jetzt wird das Buch interessant. Denn in die chronologische Kurzvorstellung von Domenigs vielen fantastischen Projekten werden 52 Kurzporträts von Personen eingefügt, die auf unterschiedliche Weise am Zustandekommen und Gelingen der Projekte beteiligt waren. Das beginnt bei der  Mutter und führt über etliche bekannte Protagonisten wie Eilfried Huth, Walter Förderer, Christian Hunziker, Walter Pichler, Hermann Eisenköck, Jürgen Joedicke oder Peter Noever zu vielen unbekannteren, deren Beiträge zu Domenigs vielschichtigem Werk kaum weniger wichtig waren. Vorgestellt werden Büropartner, Auftraggeber, Journalistinnen, Kuratoren, Politiker, Mäzene und Künstler. Schön, dass auch Handwerksbetriebe wie Metallbau Treiber oder Lenhardt und Heidenbauer Erwähnung finden, deren unermüdlicher Modellbau unter kontinuierlichen Korrekturen Domenigs die Realisierung der komplexen Geometrien der Humanic-Filialen oder von Domenigs wundersamer Stahlskulptur „Nix-Nuz-Nix“ überhaupt erst möglich machte – lange, bevor Computer zu Gehilfen einer solchen Architektursprache wurden.

Vor allem aber werden ehemalige Mitarbeiter vorgestellt, wie etwa Volker Giencke, Andreas Gruber, Peter Hellweger oder Gerhard Wallner. Zu jedem wird die Rolle im Büro, der Beitrag zum jeweiligen Projekt sowie die meist folgenden Auseinandersetzungen mit Domenig kurz und präzise geschildert. Ihre Beiträge werden in diesem Buch wohl erstmals zusammenhängend gewürdigt. Auch die beiden Herausgeber kommen hier übrigens vor: Zinganel selbst arbeitete kurz als Architekt bei Domenig, sein Bruder Peter hingegen war über zehn Jahre dort tätig. Dreibholz wiederum war von 1978 bis 1996 in der Landesbaudirektion für das Bauwesen in der Steiermark zuständig und gilt als „Vater“ der Grazer Schule und ein wichtiger, kontinuierlicher Förderer von Domenigs Karriere. 

Von allen persönlichen Animositäten aber einmal abgesehen: Die Porträts sind kurz und kenntnisreich, zudem unterhaltsam geschrieben. Sie ergänzen die sehr knappen Projektvorstellungen auf geniale Weise. In der Summe entsteht aus der Verbindung von Mensch und Projekt nicht nur ein neuer Blickwinkel auf das außergewöhnliche Schaffen Domenigs, sondern darüber hinaus eine filigrane Kulturgeschichte Österreichs, in der die vielschichtigen Netzwerke, aus denen jedwede Architektur entsteht, sichtbar werden. Nicht die Korrektur der Legende, sondern dieses Anslichtholen der vielen Beteiligten, das ist die wahre Leistung dieses lesenswerten Buches. 

Text: Florian Heilmeyer


Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende
Wolfdieter Dreibholz und Michael Zinganel (Hg.)
240 Seiten
Park Books, Zürich 2025
ISBN 978-3-03860-454-9
38 Euro

Das Buch ist auch auf Englisch erhältlich.


Zum Thema:

Unsere BauNetz WOCHE „Der vergessene Dekonstruktivist“ im Jahr 2022 erschien begleitend zu einer großen Ausstellung in und um Klagenfurt, die anlässlich des zehnten Todestages Domenigs stattfand.


 
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Pavillon in der Olympia-Schwimmhalle München in 1970−1972. Entwurf: Günther Domenig und Eilfried Huth

Pavillon in der Olympia-Schwimmhalle München in 1970−1972. Entwurf: Günther Domenig und Eilfried Huth

Modellbau zum Wettbewerb Ballhausplatz. Foto von 1976: Hubert Hermann, Christine Kapsreiter, Günther Domenig, Gabriel Budas

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