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15.02.2021

Effizienz statt Erbe

Wettbewerb für neues Stadthaus in Ahlen entschieden


Mit seinem visonären Rathauskomplex von Brigitte und Christoph Parade aus den 1970er Jahren ist Ahlen international bekannt geworden. Lange kämpften Denkmalpfleger, Architekten und engagierte Bürger für dessen Sanierung. Doch ein Machtwort aus dem Ministerium ebnete den Weg für die Abrisspläne. Der nun entschiedene Wettbewerb für einen scheinbar effizienteren Ersatzbau ignoriert alle Debatten um baukulturelle Identität und kommunale Verantwortung in Bezug auf den Klimaschutz.

Von Stefan Rethfeld


Die Stadt Ahlen plant einen neuen Bürgercampus, und man könnte sogleich vom jüngst entschiedenen Wettbewerb berichten. Doch baukulturell ist die Vorgeschichte interessanter als das Ergebnis. Denn dort, wo sich die Ahlener künftig versammeln sollen, können sie es bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert: Im bestehenden Kultur- und Verwaltungszentrum aus den 1970er-Jahren. Dieses soll für die Neuplanung abgerissen werden. Der Vorgang hat bereits bundesweit für Aufsehen gesorgt.

Als der Rathauskomplex von Brigitte und Christoph Parade (Düsseldorf) nach einem Wettbewerb ab 1971 entstand, galt dieser in seiner offenen Gestalt und seiner funktionalen Mischung als vorbildlich und wurde international wahrgenommen. 1977 wurde das Rathaus eröffnet, 1982 die damit verbundene Stadthalle. Mit seinen großen Foyer- und Galerienebenen, wandelbaren Veranstaltungszonen, flexiblen Bürogrundrissen und Außenterrassen zum benachbarten Fluss war das Gebäude seiner Zeit weit voraus. Nur 250 Meter vom historischen Marktplatz entfernt, verstand sich diese plastisch bewegte Großfigur als moderne Gegenthese zur kleinteiligen Altstadt. Viele Jahre bewährte es sich in seiner Funktion – und doch haderte die Stadt mit einer nachhaltigen Pflege. Ein Sanierungsstau entstand, sodass kritische Stimmen zunahmen. Bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten hätte eine nachhaltige Lösung gefunden werden können: Putzen und Benutzen. Auch ein Weiterbauen wäre möglich gewesen, wie es dem Geist dieses flexiblen Strukturbaus eingeschrieben ist.

Schließlich bescheinigte 2016 auch das LWL-Denkmalpflegeamt dem Komplex aus Rathaus und Stadthalle einen schutzwürdigen Status. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Stadtverwaltung schon längst innerlich von ihrem eigenen Wahrzeichen verabschiedet und weigerte sich, den sanierungsbedürftigen Großbau in die Denkmalliste aufzunehmen. Vielmehr sollte nun ein Neubau her. Zwangsläufig konnte kein Benehmen hergestellt werden, so dass, wie in solchen Fällen in NRW üblich, der Landschaftsverband das Ministerium als Oberste Denkmalbehörde um Vermittlung und Entscheidung bat. Die zuständige Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, Ina Scharrenbach, entschied im März 2019 nach kurzer Prüfung persönlich den Fall. Sie lehnte eine Unterschutzstellung ab, verwies vorwiegend auf bauphysikalische Gründe, die den Mehraufwand einer Sanierung nicht rechtfertigen würden – und ermöglichte damit den Abriss.

Über ihr Votum zeigte sich die Fachwelt erstaunt, wird doch das Faktum der „Grauen Energie“ in vielen Vorworten ausführlich beschrieben. Auch erschien nur kurz zuvor im Europäischen Jahr des Kulturerbes 2018 mit der „Davos Deklaration“ ein Dokument, das in ganz Europa neue baukulturelle Standards in Sachen regionaler Identitäten, Traditionen und Nachhaltigkeit setzen sollte: Indem es den Wert der historischen Dimension der gebauten Umwelt anerkennt. Die Ruhrmoderne übergab dem Bürgermeister von Ahlen einen offenen Brief zum Erhalt des Rathauskomplexes, und es gründeten sich gleich mehrere Initiativen in Ahlen. Sie erreichten schließlich einen Bürgerentscheid zur Rathaus-Frage, doch eine knappe Mehrheit der Stimmberechtigten votierte gegen den Erhalt und somit für eine von der Stadt vorbereitete Neubauplanung.

Entstehen soll ein Bürgercampus, flankiert von zwei eigenständigen Neubauten: einem „Stadthaus“ und einem „Bürgerforum“. Scheinbar geläutert von einem Zuviel an wandelbarer Architektur der 1970er-Jahre soll es als reiner Funktionsbau entstehen. Der von der Bielefelder DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft betreute Realisierungswettbewerb für ein neues Stadthaus wurde jüngst entschieden. Unter den 15 eingereichten Beiträgen entschied die Jury unter Vorsitz von Volker Droste (Oldenburg) wie folgt:

Vom mit Abstand platzierten Siegerentwurf von Gerber Architekten zeigte sich die Jury besonders beeindruckt: Die Anordnung und Proportion seiner zwei verschränkten, strengen Gebäuderiegel und die Freiflächen sei zu allen Seiten gelungen. Auch lobte sie die feingegliederte Fassade aus Werkstein mit Natursteinzuschlag, die eine wirtschaftliche Bauweise erwarten ließe. Der Neubau würde in jeder Hinsicht städtebaulich-architektonisch und funktional überzeugen. Das neue Stadthaus könne dadurch nachhaltig ein soziales Miteinander fördern und stärken.

In den vielen Berechnungen, die im Vorfeld der Wettbewerbsentscheidung angefertigt wurden, tauchen bemerkenswerter Weise zwei Werte kaum auf: die der kulturellen und die der ökologischen Nachhaltigkeit. Neben Bau-, Nutz- und Betriebskosten lassen sich eben diese auch nicht exakt fassen. Angesichts der Knappheit an baustofflichen wie finanziellen Mitteln sollte sowohl die graue Energie wie auch die gelebte Geschichte eines Gebäudes eine wichtige Ressource darstellen. Viele realisierte Beispiele belegen, wie lohnend dieser Weg einer neu verstandenen „Umbaukultur“ sein kann. Insbesondere die Großbauten der 1960er und 1970er-Jahre bieten hier ein großes Potenzial.

Doch anstatt ein Umbau-Erbe anzutreten, vertut Ahlen eine einmalige Chance. Nicht nur hält sie am Abriss des visionären Rathauskomplexes fest, sondern möchte ihn auch architektonisch mit einer strengen Gegenthese hinter sich lassen. Hier das gewagte Raumexperiment der 1970er-Jahre, dort die reine Funktionslösung, die einer Architektur der Effizienz das Wort redet. Diese kulturelle Differenz wird der Stadt künftig eingeschrieben sein – ausgerechnet bei ihrem Bürgerforum.


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Gerber Architekten


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1. Rang: Gerber Architekten (Dortmund)

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ein 3. Rang: RKW Architektur + Rhode Kellermann Wawrowsky mit nts Ingenieurgesellschaft (beide Münster)

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ein 3. Rang: Code Unique Architekten mit RSP Freiraum (beide Dresden)

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Das bestehende Kultur- und Verwaltungszentrum von Brigitte und Christoph Parade (Düsseldorf) aus den Jahren 1974 - 82 soll abgerissen werden.

Das bestehende Kultur- und Verwaltungszentrum von Brigitte und Christoph Parade (Düsseldorf) aus den Jahren 1974 - 82 soll abgerissen werden.

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