RSS NEWSLETTER

https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Zur_Zukunft_des_Rathauses_im_westfaelischen_Ahlen_5556846.html

07.12.2018

Streit um 70er-Jahre-Komplex

Zur Zukunft des Rathauses im westfälischen Ahlen


Von Stefan Rethfeld

Es müssen 1971 spannende Diskussionen gewesen sein, als die Architekten Brigitte und Christoph Parade (Düsseldorf) vom Rat der Stadt Ahlen beauftragt wurden, ein umfassendes Kulturzentrum für die Stadt zu entwerfen. Neben einem neuen Rathaus sollte es eine Stadthalle sowie ein Zentrum für Erwachsenenbildung und eine Stadtbücherei umfassen. Dem alten Rathaus am Markt von 1906 war die aufstrebende Mittelstadt mit ihren 50.000 Einwohnern in Zeiten der kommunalen Neugliederung im Jahr 1969 entwachsen.

Das künftige Zentrum sollte die alte Stadt in Fußweite ergänzen. Es entstand schließlich am westlichen Altstadtrand entlang der Westenmauer. Gebaut wurde es jedoch mit reduziertem Programm: Rathaus, Stadthalle und Sparkasse. Die Architekten nahmen den kleinen Fluss Werse zum Ausgangspunkt - und bauten über und mit ihm. Wie seinerzeit bei der Stadtgründung wurde mit dem abermaligen Schritt über das Ufer das neue Zentrum manifest. Der Bau entstand in zeittypischer Gestalt: Die Funktionen sind strahlenförmig über einem Dreiecksraster angelegt.

Heute zeigt sich die Gebäudemasse besonders plastisch und mehrfach gestaffelt zur Stadt. Am höchsten ragt aus dem dunklen Glasgebirge der bis zu neungeschossige Verwaltungstrakt des Rathauses (1975-77) hervor. Unscheinbarer fällt der Eingang zur 1982 eingeweihten Stadthalle am Rathausplatz aus. Dafür öffnet sich diese mit ihren Foyer- und Restaurantzonen zur rückwärtigen Wasserseite. Dort überrascht das Gebäude mit Galerien, Treppen und Terrassen am erweiterten Ufer. Das großzügige mehrgeschossige Foyer verbindet Rathaus und Stadthalle und bietet Treffpunkte im Außen- wie Innenbereich. Gerade hier wird der öffentliche Charakter des Gebäudes erlebbar – eines betont modernen Neubaus, der mit der Altstadt und ihren Kirchtürmen korrespondiert. Von den Fluren und aus den Sitzungssälen ergeben sie wiederum eindrucksvolle Blicke auf die Gesamtstadt. Wer das Gebäude besucht, kann es noch mit der farbigen Originalausstattung erleben.

Mittlerweile steht der Rathauskomplex in der Diskussion. Seit Jahren werden erhebliche Baumängel beklagt. Mitarbeiter und Besucher sind unzufrieden mit dem ungepflegten Zustand. Dieser resultiert auch aus einer Unsicherheit der Stadt heraus, wie sie das Gebäude in ihre Stadtentwicklung einbinden soll. Mehrfach prüfte sie verschiedene Strategien des Umgangs. Neben unterschiedlichen Sanierungsvarianten wird auch ein Umzug in ein Ersatzgebäude sowie der Abriss samt Neubau erwogen. 

Gegen den Abriss allerdings spricht seit Sommer 2016 zu Recht ein Gutachten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, das den Gebäudekomplex für denkmalwürdig erklärt. Eine Auffassung, die von der Stadt Ahlen nicht geteilt wird. Nachdem sich Stadt und der Landschaftsverband nicht einigen konnten, wird nun die Oberste Denkmalbehörde in Düsseldorf, das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, den Fall entscheiden müssen. 

Man kann nur hoffen, dass die Entscheidung mit viel Umsicht getroffen wird. Denn der Rathauskomplex, der sich an internationalen Entwicklungen der Zeit orientierte, offenbart seine Raffinessen vor allem in der Nahsicht. Ein grober Bau, wie er von vielen auf den ersten Blick wahrgenommen wird, ist er nicht. Gerade im Detail ist er fein und raffiniert angelegt. Ebenso sollte auch die zukünftige Sanierung ausfallen. Ein herausgeputzer 1970er-Jahre-Komplex könnte belegen, wie offen und plural sich die Stadt versteht: Rückbesinnung als Erneuerung. Abreißen und neu bauen kann jeder.


Zum Thema:

In der Denkmalfrage hat die Initiative Ruhrmoderne e.V. einen aktuellen offenen Brief verfasst. Weitere Informationen: www.ruhrmoderne.de


Dieses Objekt & Umgebung auf BauNetz-Maps anzeigen:
BauNetz-Maps


Kommentare:
Kommentare (2) lesen / Meldung kommentieren

Rathaus Ahlen: Blick von der Altstadt - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Blick von der Altstadt - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Foyer des Rathauses - Blick zum Ratssaal - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Foyer des Rathauses - Blick zum Ratssaal - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Sitzgruppe auf Büroetage mit weitem Ausblick - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Sitzgruppe auf Büroetage mit weitem Ausblick - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Terrassen am neuen Ufer - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Rathaus Ahlen: Terrassen am neuen Ufer - Architekten: Brigitte + Christoph Parade (Düsseldorf), 1974-82 (c) Stefan Rethfeld

Bildergalerie ansehen: 20 Bilder

Alle Meldungen

<

07.12.2018

Schwung in Holz

Messehalle 10 von Wulf Architekten in Stuttgart

07.12.2018

Buchtipp: Ikonen

Einfach komplex. Max Bill und die Architektur der HfG Ulm

>
Baunetz Architekten
Jim Clemes
BauNetz Wissen
Sonnenschutz-Potpourri
BauNetzwoche
Kunsthalle Bielefeld
BauNetz Wissen
Angedockt
Campus Masters
Dabei sein