Bündner Naturmuseum in Chur
Wettbewerb für Instandsetzung und Erweiterung entschieden
Das Bündner Naturmuseum in Chur soll instandgesetzt und erweitert werden. Aus dem Wettbewerb des Kanton Graubünden ging ein Entwurf hervor, der den zurückhaltenden Nachkriegsbau von Bruno Giacometti laut Jury selbstbewusst und logisch weiterentwickelt. Gleichzeitig stellt das Gewinnerteam, die Arge GP Noun Sera, den Bestand aber auch vor manche Herausforderung.
Gesteins-, Pflanzen- und Tierpräparate aus der alpinen Gegend Graubündens sind im Bündner Naturmuseum ausgestellt. Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts existiert die Institution. Ins aktuelle Gebäude zog man 1981. Bis zu 40.000 Menschen besuchen es jährlich. Der Auslobung zufolge ergaben sich zuletzt allerdings Mängel im musealen Betrieb. Zu wenig Platz für konservatorische Aufgaben, Vermittlungsarbeit oder Büros, auch die klimatischen Bedingungen und der UV-Schutz der Ausstellungsräume sowie Energieeffizienz und Erdbebensicherheit seien unzureichend. Aus diesem Grund veranlasste der Kanton einen Wettbewerb, um den Bestand zu optimieren. Mögliche Erweiterungen sollten dabei den „Charakter des Giacometti-Bauwerks bewahren“, gab die Auslobung vor.
Vorgabe in dem zweistufigen, selektiven Verfahren war die Bewerbung als Generalplanungsteam. Aus knapp 50 Einreichungen wählte die Jury unter Vorsitz von Regierungsrätin Carmelia Maissen acht Teams in die zweite Phase. Diese erhielten allesamt eine feste Entschädigung von 20.000 Schweizer Franken, für die Preisgelder standen weitere 40.000 zur Verfügung. Alle Preise im Überblick:
- 1. Preis: Arge GP Noun Sera (Zürich)
- 2. Preis: Christ & Gantenbein (Basel)
- 3. Preis: Vécsey Schmidt Architekten (Basel)
- 4. Preis: GP Kuehn Malvezzi Projects (Berlin)
Interessant an der Wahl des Erstplatzierten: Die Arge der beiden Zürcher Büros Studio Noun und Sera – Studio Esch Rickenbacher Architektur (die 2024 aus Esch Sintzel hervorgingen) gehörte ursprünglich nicht zu den acht ausgewählten Teams. Nachdem sich Gigon Guyer (Zürich) jedoch aus dem Verfahren zurückgezogen hatten, rückte die Arge nach. Glück gehabt, denn letztlich überzeugten sie die Jury mit ihrem Vorschlag, Giacomettis denkmalgeschützten Bau um ein hohes Geschoss aufzustocken und – das unterscheidet sie von sämtlichen Mitbewerbern – den Eingang zu verlegen.
Statt an der nordöstlichen Straßenkreuzung stellen sich die Architekt*innen diesen künftig an der Südostecke vor. Auf Giacomettis dortigen Vorbau mit seiner durchlaufenden Dachverglasung im 45-Grad-Winkel reagieren Noun und Sera wiederum mit einem um 45 Grad gedrehten Baukörper. Formal ist das eine interessante Lösung, weshalb sie der Jury „im Grundriss nachvollziehbar und funktional schlüssig“ erscheint. Etwas fremd wirke dagegen der direkt hinter dem Eingang aufragende Aufzugsschacht. Zugutehält das Preisgericht diesem allerdings, dass er „am Schwachpunkt des Bestandes als Stabilisierungskern fungiert“ und so die Erdbebensicherheit verbessere.
Zu gleichen Teilen als Chance und Herausforderung kann der Einfluss der neuen Eingangssituation auf das Erdgeschoss bewertet werden. Es entstehe „ein großzügiges ‚Foyer public‘, was zu einer Durchmischung der Ausstellungsfläche führt und Anstoß zur Neuinterpretation des derzeitigen Betriebskonzepts des Museums gibt“, so die Jury. Im Vergleich zu den übrigen Preisträgern werden die Besuchenden im Entwurf von Noun und Sera nicht länger direkt zu Giacomettis Wendeltreppe geführt, sondern durch das gesamte Erdgeschoss.
„Um die Identität des Hauses stärker zu wahren“, wünscht sich die Jury eine differenziertere Gestaltung der Außenwirkung. Denn anders als etwa die Dritt- und Viertplatzierten, die den Bestand vor allem unterkellern, stockte das Gewinnerteam deutlich auf. Für die Überarbeitung sind sie angehalten, den Übergang zwischen Neu- und Altbaufassade deutlicher zu machen und ihr vorgeschlagenes Sheddach klarer herauszuarbeiten. So könne ein „zeitgemäßes Museum“ entstehen. Der Bündner Heimatschutz hat derweil Kritik am Entwurf geäußert. Er lasse den Bau zu einem „protzigen Palast“ werden. Vielmehr sind sie der Ansicht, dass die geplanten Erweiterungen auch im benachbarten, derzeit als Eventlokal genutzten Gebäude unterkommen könnten. Der Baustart ist für 2028 geplant. (mh)