Fotogener Fremdkörper am Berliner Hauptbahnhof
Volldigitalisiertes Bürohaus von 3XN
Gestern eröffnete das Bürohaus cube berlin auf dem südlichen Vorplatz des Hauptbahnhofs. Der aufregend spiegelnde Würfel des Kopenhagener Büros 3XN soll ein smartes und volldigitalisiertes Gebäude sein. Zwei große Ziele verfolgt der Immobilienentwickler CA Immo mit seinem Pilotprojekt: Energieersparnis und interessante digitale Serviceangebote für die Mieter. Die Besichtigung eines Hauses mit 6.000 Sensoren.
Von Gregor Harbusch
Eines steht fest: So viel fotogen zerklüftete Glasfassade wie beim cube berlin von 3XN (Kopenhagen) hat Berlin schon lange nicht mehr gesehen. Und in der Tat freuten sich die Verantwortlichen auf der gestrigen Pressekonferenz sehr, dass Bilder des Hauses bereits kräftig in den sozialen Medien zirkulieren. Doch sofort wurde ergänzt, dass es sich bei der Hülle nicht um eine formale Spielerei handelt. Die gekippten, speziell beschichteten Glasflächen sind die äußere Hülle einer doppelschaligen Fassade, die ein Aufheizen der Innenräume verhindert. Zusammen mit den individuell zu öffnenden Fenstern soll das für ein angenehmes Raumklima auf den zehn Büroetagen sorgen.
Dass die Nutzer*innen natürlich lüften können, sieht man dem kaleidoskopisch spiegelnden Kubus nicht unbedingt an. Dass es sich um kein alltägliches Bürohaus handelt, ist hingegen schnell offensichtlich. Von einem „smarten“ und „volldigitalisierten“ Gebäude sprechen die Verantwortlichen, mit dem man neue Wege gehen möchte. Externe Daten in Kombination mit über 6.000 Sensoren im gesamten Haus sollen es dem Gebäude ermöglichen, aus dem Nutzerverhalten zu lernen und eine ganze Reihe haustechnischer Prozesse zu optimieren.
So kann beispielsweise gezielt beheizt, belüftet und beleuchtet werden, die Mieter*innen können wenig genutzte Raumbereiche identifizieren, das gesamte Zugangssystem funktioniert schlüsselfrei – und wer will, kann seinen Standort im Haus öffentlich machen. Hinzu kommen diverse digitale Angebote, die man den Mieter*innen bietet. Das Ganze fließt im zentralen Server des Hauses zusammen und wird durch die Nutzer*innen über eine eigens entwickelte App auf dem eigenen Smartphone kontrolliert.
Das Bau würde freilich auch ohne all diese Technik funktionieren, wurde auf der Pressekonferenz betont – und in diesem Zusammenhang sind auch die konkreten Zahlen interessant. Von den rund 100 Millionen Euro, die das Haus gekostet hat, wurden drei Prozent in die Digitalisierung gesteckt, davon circa ein Drittel in die Hardware und zwei Drittel in die Software. Es geht also weniger um teure Technik, die hier verbaut wurde, sondern um eine robuste Software, die man permanent weiterentwickeln wird und die durch ihre offenen Schnittstellen auch in Jahrzehnten noch laufen soll. Im Gegensatz dazu sind die funkenden Sensoren, die dem zentralen „brain“ des Hauses die nötigen Informationen liefern, nebensächlich, betonten die Fachleute gestern. Und noch etwas war ihnen wichtig: Die Datenschutzgrundverordnung DSGVO setzt den Aufzeichnungs- und Analysesystemen strenge Schranken.
Für die Bauherrin CA Immo ist cube berlin erklärtermaßen ein Pilotprojekt. Zweierlei erhofft man sich davon: Erstens soll die intelligente und lernende Haustechnik die Betriebskosten perspektivisch stark senken. Zweitens möchte man mit den digitalen Services den künftig mietenden Unternehmen interessante Möglichkeiten bieten, ihre Flächen effizienter zu nutzen und die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter*innen zu erhöhen. Der repräsentative Standort im Herzen der Hauptstadt bietet sich hier besonders an. Das Geschäft mit Büroflächen läuft momentan bestens, das Haus war – natürlich – schon vor der Fertigstellung komplett vermietet. Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Zeitpunkt etwas Neues auszuprobieren, gibt Matthias Schmidt, Geschäftsführer von CA Immo Deutschland, zu bedenken und ergänzt ganz offen: Ob der smarte Superwürfel wirklich hält was er verspricht, wird erst die Zukunft zeigen.
Zur Fassade: Es ist schon ein bißchen schade, daß sich das Gebäude derart tarnt. Als ich neulich auf dem Washingtonplatz stand, hatte ich den Eindruck, da steht ein riesengroßes Nichts.
Es stört an der Stelle aber auch nicht groß, wahrscheinlich würde es nirgends groß stören, da es ja lediglich seine Umgebung spiegelt und seine eigene Form weitgehend auflöst. Wenn alle Gebäude so wären, wäre das zwar irgendwie langweilig, weil die sich alle nur gegenseitig spiegeln würden, aber wegen der Schrägstellung der Fassade würde immerhin kein Unendlichkeitseffekt auftreten, man würde nur, egal wo man hinschaut, immer nur Himmel und Straße sehen. Da die Gebäude ja voll technisiert sind, gäbe es dann bestimmt auch eine Smartphone-App, die einem helfen würde, sie zu finden.
Aber glücklicherweise sind ja nicht alle Gebäude so und als Experiment ist sowas ja mal ganz nett. Schade nur irgendwie, wie gesagt, daß man es kaum sieht, wenn man auf dem Platz steht.
Aber nicht wie am Hauptstadtbahnhof, seltsame ecke das...