Biotop Kabine
Vereinstrakt von FAKT im Havelland
Wer meint, eine Umkleidekabine sei lediglich eine funktionale Kammer, in der sich Sportler*innen nur umziehen, irrt – vielmehr handelt es sich um sozial anspruchsvolle Räume. Das junge Berliner Büro FAKT hat dies verstanden und realisierte im vergangenen Jahr einen entsprechenden Holzbau auf dem Fußballgelände der Havelländer Kleinstadt Ketzin.
Dreck muss eine Kabine abkönnen, Frust nach Niederlagen, Jubelstürme auf der Gegenseite oder gar nächtelange Zechgelage. Genauso werden hier – auch im Amateursport – ernsthafte Ansprachen gehalten, Taktiken konzipiert, die Teams rotten sich zusammen. Fans, Eltern, Vereinsälteste und Ehrenämtler wollen auch auf ihre Kosten kommen. All das ist natürlich viel zu viel für einen überschaubaren Bau von rund 430 Quadratmetern Bruttogrundfläche, wie ihn FAKT im Auftrag der Havelstadt nordwestlich von Potsdam konzipierten.
Noch dazu musste es schnell gehen. Eine bereits akquirierte Förderung drohte auszulaufen. Da bot sich eine einfache Holzkonstruktion an. In unter 14 Monaten ging der Bau aus innen sichtig belassenen Brettsperrholzelementen für 1,15 Millionen Euro über die Bühne. Die planerische Zusammenarbeit mit der brandenburgischen Kommune als Bauherrin gestaltete sich vergleichsweise unkompliziert, berichten Jonas Tratz und Martin Tessarz. Sie habe dabei unter anderem als zielgerichtete Mediatorin zwischen den Nutzergruppen fungiert. Neben Fußball wird hier nämlich auch Schulsport und Trockenangeln betrieben.
Natürlich hätte man einen bloßen Kabinentrakt im Sinne eines besseren Containers bauen können. Tratz, Tessarz und Sebastian Kern, der dritte Partner bei FAKT, sahen allerdings die Chance zu einem gestalterisch darüber hinausweisenden Angebot für eine Bauaufgabe, die im ländlichen Raum noch immer ein wichtiger Teil des Alltags ist: Bauten für Sportvereine. Im Grunde gibt es den Kabinentrakt ja dennoch. Er findet sich allerdings eingebettet auf einer großen Betonplattform, die als zentraler Aspekt des Entwurfs gelten darf.
Sie hebt die Holzkonstruktion über den Boden und schützt sie so vor Überschwemmungen der nahen Havel. Vor allem aber kann sie viele der erwähnten sozialen Aufgaben leisten. Zuschauer*innen stehen oder sitzen geschützt unter dem weit auskragenden Dach, noch kurz ein Bierchen nach dem Training auf der Plattformkante. Das Haus ist eigentlich eine große Bank, sagen FAKT dazu. In diesem Sinne dient sie auch als räumliche Erweiterung des Clubraums, der sich vollverglast Richtung Wald orientiert – wo sogar noch eine zusätzliche runde Terrasse im Boden liegt – und durch Falttüren beidseitig geöffnet werden kann. Dass es hier auch mal chaotisch aussehen wird, könne der Raum ertragen, finden die Architekt*innen. Vielleicht hilft die Transparenz ja ein wenig dabei, Ordnung zu halten.
Anders als die Spieltaktik interessiert Fußballer*innen das gestalterische Konzept der geschichteten Holzelemente wahrscheinlich weniger. Insofern kann man an dem Projekt aber auch erkennen, dass konsequent gedachte Ideen der Architekt*innen manchmal an die Realitäten der Nutzer*innen angepasst werden müssen. Ursprünglich sollte der Clubraum nur an den Stirnseiten verglast werden, als Kontrast zum mittigen Durchgang und dem geschlossenen Kabinentrakt, der wiederum nur durch die quer zu den Wandscheiben liegenden Dachbalken belichtet und belüftet wird. Bei Spielen auf dem großen Rasenplatz wären die Ehrenamtlichen am Getränkeausschank im Clubraum so allerdings vom Geschehen ausgeschlossen. Die Architekt*innen fügten also ein kreisrundes Fenster hinzu – vielleicht ein etwas zu naheliegendes Bild. (mh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- FAKT
- Gebäudeenergie:
- Transsolar Klimaengineering
- Ingenieurbüro:
- ifb that + huber
- Bauherrschaft:
- Stadt Ketzin/Havel
- Fläche:
- 430 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 1.150.000 € (KG 300 + 400)
Typologisch sehr ähnlich ist auch die Umkleideanlage von Localarchitecture bei Lausanne.




