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21.12.2016

Manchmal ist schon alles weg

VI: Martin Maleschka dokumentiert gefährdete DDR-Kunst


Kamera statt Spraydose: Nach einer Nacht in der Haftzelle entschied sich der 1982 in Eisenhüttenstadt geborene Martin Maleschka, lieber die Kunst am Bau anderer zu dokumentieren, anstatt seine eigene darauf zu sprühen. Sein Fokus ist die baugebundene Kunst der DDR-Moderne. Rund zehn Jahre später hat der Architekt ein umfangreiches Fotoarchiv von Kunstwerken aus ganz Ostdeutschland angelegt. Viele von ihnen existieren bereits nicht mehr. So wurde das persönliche Hobby eines ehemaligen Street Artists zur Dokumentationsquelle einer gefährdeten Kunstgattung. Neben seiner Präsenz in den Social Media – von flickr über instagram bis facebook – hat Maleschka eine Reihe von Ausstellungen gezeigt. Derzeit stellt er online im „Virtuellen Museum der Toten Orte“ (ViMuDeaP) aus. Ein Architekturführer mit DDR-Kunstwerken erscheint 2017 bei DOMPublishers.

Von Luise Rellensmann


Seit wann fotografierst du Kunst am Bau und warum?

Richtig angefangen mit dem Fotografieren hat es 2005/2006. Früher habe ich Grafitti gesprüht. Mit der Fotografie von Kunst am Bau habe ich es geschafft, mein Interesse an Grafik und Malerei legal zu kanalisieren. Der Fokus auf Kunst am Bau in der DDR ist auch ein sehr persönliches Ding für mich: Zwischen 2003 und 2005 wurde der große Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt abgerissen, in dem ich aufgewachsen bin. In den Höfen des Wohnkomplexes VII waren einfache Motive aus Keramikfließen – ein Schwan, ein Fisch, ein Baume, eine Ente –, die mit dem Abriss einfach verschwanden. Heute ist dort eine grüne Wiese.

Wie arbeitest du?

Erst habe ich begonnen, wahllos zu fotografieren, bin mit dem Rad durch die Städte gefahren, um Architektur zu erkunden. Ich bin zwar in Cottbus verortet, aber inzwischen habe ich den ganzen ehemaligen Osten abgefahren, seit 2011 mit meinem selbstgebauten Fahrrad. Das Suchen und Finden vor Ort ist immer spannend. Mit der Zeit wurde das auch systematischer, in vielen Städten fuhr ich durch das komplette Straßennetz. Bei der Vorrecherche waren auch die Baukatalog-Reihe „Bildende Kunst + Architektur“ und die früher monatlich erschienenen „Architektur der DDR“-Magazine und Architekturführer der verschiedenen Bezirke hilfreich. Unterwegs arbeite ich immer aus der „Hosentaschenperspektive“, beim Fahrradfahren mag ich keinen Rucksack tragen, deshalb arbeite ich bis heute mit einer Kompaktkamera. Um meine Arbeit wirklich systematisch anzugehen, bräuchte ich allerdings einen Mitarbeiter. Es gibt einfach zu viele bedrohte Kunstwerke.

Gegen dieses Verschwinden der Kunstwerke fotografierst du an und hast mittlerweile ein Archiv von vielen tausenden Fotos.

Ja. Über Zeitungsartikel oder Instagram bekomme ich mit, wo Leerstand ist oder ein Abriss ansteht. Je nach akuter Bedrohung, wähle ich die Orte, zu denen ich hinfahre. Manchmal ist schon alles weg. Ich will die Kunst am Bau in ihrem originalen Kontext dokumentieren. Durch den Stadtumbau wird das gesamte Gefüge wie es mal gedacht war auseinandergerissen. Das ist in jeder Stadt spürbar. Wenn Werke nicht mit abgerissen werden, lagern sie später in Depots oder werden an anderer Stelle wieder aufgebaut. Die Wertschätzung für Bauten der Nachkriegsmoderne hat sich zwar allmählich gesteigert, aber die baugebundene Kunst steht der Architektur da noch nach. Es gibt inzwischen vielfach Beispiele, bei denen der Bau erhalten geblieben ist, die Kunst allerdings verdeckt, abgebaut oder kaputt getreten wurde. Oder sie vergammelt und verottet, auch wenn Gebäude weitergenutzt werden.

Was ist das Besondere an der architekturgebundenen Kunst in der DDR?

Kunst am Bau wurde in der DDR staatlich gefördert, schon allein deshalb war sie weiter verbreitet als in Westdeutschland. Es gibt kaum einen Schulbau, der nicht „bekunstet“ ist: Egal, ob einfache freistehende Mauer oder metallische Arbeiten im Innenraum, es gibt immer etwas – solange es nicht weggedämmt, weggestämmt oder wegmodernisiert wurde. Wenn man übers Land streicht, wird das deutlich: In jedem Kulturhaus, jeder Schule, jedem Kindergarten gibt es Kunst am Bau.

Welche Sujets begegnen dir bei deinen fotografischen Erkundungen?

Die Inhalte der Kunstwerke sind oft ideologisch und politisch behaftet und vielfach gleich: der Staat, die glückliche Familie, der Aufbau – häufig mit einem großen Kran und einer daran hängende Platte dargestellt – , der Lebensbaum – für Wachstum – oder die Friedenstaube. Die Kunst in der DDR hatte einen Bildungsauftrag. An Schulbauten wurde thematisch mit entsprechenden schulischen Motiven gearbeitet – die „Freundschaft der Völker“ war ein beliebtes Motiv. Kindergärten wurden häufig mit Motiven aus Flora und Fauna bekunstet. In der Stadt Schwedt, die Sitz des Petrolchemisches Kombinats war, finden sich vielfach Reagenzgläser, in Freiberg in Sachsen gibt es viele Bergbaumotive. Freistehende Mauern aus Struktursteinen zählen auch zur Kunst am Bau. Ich sehe immer wieder neue Betonstruktursteine auch auf dem Land. Neulich in Jänschwalde habe ich eine Mauer vor einem Haus fotografiert, die der Anwohner über einen Zeitraum von mehreren Wochen selbst aus Beton gegegossen hatte.

Wie steht es abseits solcher selbstverwirklichter Werke mit den Künstlern und ihrer Würdigung?
Die Künstler, die in den 60er und 70er Jahren gearbeitet haben, sind mittlerweile über 80. In Dresden gab es die „Produktionsgenossenschaft Kunst am Bau“. Zu den Künstlern dieses Kollektivs zählten Rudolf Sitte und Friedrich Kracht, der auch viel mit Karl-Heinz Adler kooperiert hat. Letzterer hatte gerade in der Galerie „Eigen + Art“ eine Ausstellung. Walter Womacka war ein bekannter Künstler, ein großes Wandbild von ihm aus dem Palast der Republik wird heute im Depot des Deutschen Historischen Museums bewahrt. Dafür wurde sein Wandbild am Außenministerium der DDR 1991 mit abgerissen. Das ist sehr traurig.

Walter Womacka war ein Staatskünstler, der bis kurz vor seinem Tod den Bau der Mauer verteidigt hat. Spielen diese ideologischen und politischen Hintergründe für dich eine Rolle?

Ideologie ist für mich nicht relevant. Das hängt mit meinem Alter zusammen. Als die Mauer fiel, war ich sieben. Ich bin da wirklich unbekümmert, speziell, was die Kunst betrifft – egal aus welcher Epoche sie stammt. Das Ministerium für Staatssicherheit empfinde ich als magisch anziehend. Meine Eltern würden da nie einen Fuß reinsetzen.

Gibt es bestimmte Protagonisten, die dich besonders faszinieren?

Ja, da gibt es mehrere, ich kenne sowieso eher die Kunstwerke und ihre Macher und weniger die Architekten der dazugehörigen Bauten. Generell faszinieren mich Beton und Struktur wie bei Hubert Schiefelbein. Seinen vielfältigen, skulpturalen Betonwänden begegnet man vor allem in Thüringen. Bei Wandbildern gefallen mir die Arbeiten von Josep Renau in Zusammenarbeit mit Lothar Scholz besonders, etwa die bekannten Treppenhaus-Wandbilder am Internatsgebäude des Bildungszentrums in Halle-Neustadt und das Wandbild „Die friedliche Nutzung der Atomenergie“ in Halle/Saale. Manchmal ist es die Technik, die mich fasziniert, manchmal die Klarheit der Struktur und manchmal der Detailreichtum.

Verfolgst du eine Art Mission mit deinen Bildern?

In erster Linie baue ich mir mein eigenes Archiv auf, um in naher Zukunft ein virtuelles Museum der baugebundenen Kunst der ehemaligen DDR zu errichten. Auch wenn nicht alle Kunstwerke in ihrer Ausführung und Gestaltung künstlerisch gleich wertvoll sind, haben sie eine kulturelle Bedeutung. Sie sind Teil der DDR-Geschichte und sollten nicht so einfach ausgelöscht werden. Der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft mit ihren Bauten und ihrer Kunst kann nicht einfach weggedacht bzw. weggerissen werden. Ich zeige eine andere Perspektive auf diesen Teil unsere gemeinsamen Geschichte, der viel zu sehr in Vergessenheit geraten ist. Die Besucher meiner Ausstellungen sind jedesmal überrascht, wie bunt die DDR doch eigentlich war. Mit meiner Arbeit will ich meine Begeisterung für diese vielfach unbeachtete, baugebundene Kunst der DDR weitergeben und dazu anregen, sie wiederzuentdecken.


Zum Thema:

Die aktuelle Online-Ausstellung von Martin Maleschka ist unter www.vimudeap.info digital zu besichtigen, sein Fotoarchiv lässt sich unter www.instagram.com und unter www.flickr.com einsehen.


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EISENHÜTTENSTADT: Walter Womackas „Gemeinschaftsarbeit sozialistischer Länder“ oder „Produktion im Frieden“ oder „Deutsch-polnisch-sowjetische Freundschaft“ von 1967 am ehemaligen „Kaufhaus Magnet” trägt viele Namen.

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DRESDEN: Im Zuge des Abbruchs des sogenannten Gebäudekomplexes „Atrium 1“ konnte nur ein Bruchteil der von Günter Gera und Gerhard Papstein 1969 entworfenen Buntglasfenster gesichert werden.

DRESDEN: Im Zuge des Abbruchs des sogenannten Gebäudekomplexes „Atrium 1“ konnte nur ein Bruchteil der von Günter Gera und Gerhard Papstein 1969 entworfenen Buntglasfenster gesichert werden.

COTTBUS: Horst Rings „Stadt, Land, Fluss“ in einem 2011 abgebrochenem Schulbau im Cottbusser Stadtteil Neu-Schmellwitz.

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