Zerrspiegel im Wohngebiet
Umbau in Ludwigsburg
Das „für diese Zeit typische, gesichtslose Wohngebiet“ in Ludwigsburg gefiel dem Architekten Bernd Zimmermann (Ludwigsburg) nicht, und so hat er versucht, dieses ehemalige Dreifamilienhaus aus den fünfziger Jahren unsichtbar zu machen. Die äußere Kubatur durfte nicht verändert werden, aber eine Edelstahlhaut, die Wände und Dachflächen gleichermaßen überzieht, „spiegelt außen ihre Umgebung wieder, will durch Entmaterialisierung quasi in ihr untergehen und sich so an das Vorhandene anpassen, ohne sich dabei unterzuordnen“. Die hochglanzpolierten Stahl-Panels sind leicht uneben, sodass sie ihre Umgebung fast zerrspiegelartig zerhacken und zum Flirren bringen.
Im Inneren wurde fast alles entkernt. Die neue Nutzung sollte einem Ehepaar allein zum Wohnen dienen. Lufträume und Galerien, die die einzelnen Geschosse miteinander verbinden, erzeugen die gewünschte offene Wohnstruktur. Bestehende Fensteröffnungen wurden fast vollständig geschlossen und durch neue Fenster unterschiedlichster Größe, Form und Funktion in Wänden und Dach ersetzt.
Ein dreigeschossiger Luftraum im Inneren wird durch ein großes Dachoberlicht belichtet. Im Erdgeschoss lassen sich die beiden dortigen Fassadenelemente im Sommer fast vollständig öffnen, so dass der Wohn- und Essbereich mit dem vorderen und hinteren Garten zur Einheit wird.
Fotos: Valentin Wormbs, Stuttgart
Baunetz Wissen Glas: das Mirror House in Almere
Was einige hier als Ohrfeige für die Nachbarschaft interpretieren ist doch in Wahrheit nur eine Ohrfeige des Bauherrn (oder des Architekten) für den Bauherrn selbst. Wer möchte schon gern die vielfach verzerrte Karikatur seiner Nachbarn sowie seine Eigene(!) tagtäglich auf Dauer auf seiner Hausfassade sehen ? Allein der inszeniert wirkende Gang über die in die Länge gezogenen schwarzen Eingangsstufen auf die spiegelnde Haustür zu wäre mir persönlich einfach nur peinlich (guck ma, Herr xy betritt wieder sein Panoptikum...), aber zum Glück und zum Leid ist jeder Jeck ja anders... In seiner Aufdringlichkeit wirkt dieses objekthafte Wesen doch trotz -oder gerade durch- den immensen Gestaltungswillen des Architekten nicht weniger peinlich als hätte man dort eine Schnörkelvilla "Modell Residenz" aus dem Fertighauskatalog als "Ersatzneubau" in die Lücke gestellt, nur eben anders, leider irgendwie zwanghaft anders. Neben den wirklich schönen Aspekten der Galerie-, Baum-, und sonstigen -Innenraumakrobatik, bleiben die Räume sehr der heute üblichen "Hurra-alles-bündig"-Designabteilung verpflichtet, auf gewisse Weise geleckt und zahnlaborästhetisch. Sitzt dort auch mal jemand mit der Chipstüte vor dem Fernseher ? So mancher postmoderne Wasserkessel der 80-er wirkt weniger künstlich-gestylt... Wie erholsam mutet da doch die Erweiterungsbau-Meldung des Baunetz von MR in Bielefeld an... HABEN DIE DORT IN BIELEFELD ETWA KEINE IDEEN ??
Ein toller, mutiger Entwurf in hoher Ausführungsqualität, der einen ordentlichen Eklat in der Nachbarschaft ausgelöst haben dürfte. Der banalen Umgebung "einen Spiegel vorzuhalten", ist eine erfrischende Idee und ein hübscher architektonischer Seitenhieb. Bei aller Freude und Anerkennung bleibt angesichts der massiven Eingriffe in die Substanz die Frage, ob ein Neubau hier nicht konsequenter und sogar günstiger gewesen wäre? So oder so: Weiter so!