Im Sinne Rameaus
Umbau für eine Hochschule in Lille von Atelier 9.81
Das Palais Rameau im nordfranzösischen Lille wurde 1878 nicht etwa als Residenz für den Adel errichtet – stattdessen sollte es der Bevölkerung als repräsentatives Gewächshaus und Galerie für Gartenschauen dienen. Nachdem es im 20. Jahrhundert diverse Zwischennutzungen durchlebte (unter anderem als Konzerthaus, Messepalast, als Gerichts- und Festsaal und zeitweise auch als Haus für Kriegsgefangene), fand die Stadt vor einigen Jahren mit einer privaten Hochschule eine neue Eigentümerin. Deren jüngste Umnutzung rückt das Palais fortan wieder etwas näher an seinen ursprünglichen Zweck.
Aber der Reihe nach: Auch bei der nun erfolgten Umwidmung des Palais für die Ingenieurshochschule Junia handelt es sich um eine Art Zwischennutzung. So vergab die Stadt das denkmalgeschützte Haus 2021 vorerst nur über einen Erbpachtvertrag mit einer Laufzeit von 25 Jahren. Der Hochschule wurde gestattet, die Räume für eigene Zwecke zu nutzen, doch sollten sämtliche Eingriffe leicht rückbaubar sein und sich lediglich auf das Innere beschränken. Für den Umbau beauftragte man Atelier 9.81 aus Lille, die denkmalpflegerischen Arbeiten betreuten Perrot & Richard aus Paris.
Mit der Gliederung in Portal, Haupt- und Querschiff erinnert der Bestand typologisch an eine Basilika. Doch finden sich mit einem gusseisernen Gewächshaus, palmenartigen Applikationen und den ehemaligen Zwiebeldächern nicht nur dekorative Spielereien, sondern auch Anleihen an den damals in Südeuropa aufkeimenden maurischen Stil. Den Entwurf für das stattliche Haus lieferten im 19. Jahrhundert die Architekten Auguste Mourcou und Henri Contamine. Namensgeber ist Charles Rameau, damaliger Präsident des lokalen Gartenbauvereins – er hinterließ der Stadt rund 300.000 Francs mit dem Wunsch, ein Gebäude für „Blumen- und Obstausstellungen“ errichten zu lassen.
Die private, aber gemeinnützige Bildungseinrichtung Junia betreibt mehrere Ingenieurshochschulen in Frankreich und möchte das Palais künftig als Forschungszentrum positionieren. Im Speziellen residiert hier nun die Fakultät ISA Lille, die hauptsächlich im Bereich Agrarwirtschaft forscht und lehrt. Neben zusätzlichen Flächen für ihren nahe gelegenen Campus sah Junia in der Bauaufgabe die Chance, ein Statement in puncto Zirkularität zu setzen. Entstehen sollte demnach eine „Konstruktion, die von Nachhaltigkeit zeugt und als Vorzeigeprojekt für urbane Landwirtschaft dient.“
Das Team von Atelier 9.81 ergänzte den Innenraum um typisierte Raummodule: Ein Pfosten-Riegel-Werk aus verleimtem Pappelholz formuliert innerhalb der bestehenden Tragstruktur Führungsschienen und Auflager für die teils verglasten, teils aus Gipsfaser bestehenden Trennwände. Sämtliche Büros, Seminarräume und Forschungsstationen kommen in den Seitenschiffen unter, wodurch die zentrale Halle frei bleibt und weiterhin für Ausstellungen genutzt werden kann. Dem Gewächshaus fiel mit der Umwidmung – ganz im Sinne Rameaus – wieder seine ursprüngliche Nutzung zu. Damit kehren die Pflanzen endlich zurück ins Palais. (tg)
- Fertigstellung:
- Oktober 2024
- Architektur:
- Atelier 9.81
- Projektteam:
- Geoffrey Galand, Cédric Michel, Valentin Carpentier, Anne Evrard, Jossselin Bracq, Alice Cladet
- Fertigstellung Bestand:
- 1878
- Architektur Bestand:
- Auguste Mourcou, Henri Contamine
- Denkmalpflege:
- Perrot & Richard, Elyne Olivier
- Ingenieursplanung:
- Verdi Ingenierie, Elan, P2L, Lateral Thinking Factory
- Bauherrschaft:
- JUNIA
- Fläche:
- 4.090 m² Bruttogrundfläche
Die restauratorischen Arbeiten am Palais Rameau hielten sich in überschaubaren Grenzen, da das Gebäude bereits 2004 im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt eine Auffrischung erhielt.




