Nichttragendes Chrom
Umbau eines Einfamilienhauses bei Leipzig von Meier Unger
Anfang der 1930er Jahre entstand in einem Vorort von Leipzig ein Bauwerk, das man ob seiner Form vielleicht eher etwas früher datieren würde. Nicht zuletzt dank seines charakteristischen Mansarddaches lässt das sogenannte Haus am Oberholz nämlich an die Reformarchitektur um 1900 denken. So charmant der Zweigeschosser von außen wirkt, so sehr fehlte es jedoch im Inneren an jener wohnlichen Offenheit, wie man sie heute erwartet. Meier Unger Architekten machten sich darum im Auftrag einer privaten Bauherrschaft an eine behutsame Transformation. Trotzdem ist die typische Spannung zwischen historischer Fortschreibung und mutiger Form zu erkennen, wie man es von den Projekten des Leipziger Büros kennt.
Im ersten Obergeschoss und im Bereich des Dachbodens machten die Architekt*innen wenig. Neben der farbigen Gestaltung ging es hier vor allem um den Einbau eines neuen Bades. Tiefgreifender ist die Veränderung im Erdgeschoss, wo der Grundriss neu organisiert wurde. Eine Tür zur Küche wurde zugemauert, dafür aber zwei neue, breite Öffnungen geschaffen, sodass Treppenhaus, Wohn- und Essbereich sowie Küche eine Einheit bilden. Die Treppe wird dadurch im Wohnalltag räumlich erfahrbar, der großzügige untere Teil sogar zum möglichen Sitzelement. Bemerkenswert ist der Verzicht auf eine Absturzsicherung, was von der Bauherrschaft in dieser Form gewünscht wurde.
Noch bemerkenswerter ist das große Kreiselement, das das Fenster auf Höhe des Wendepodests verdeckt. In der Straßenfassade macht die Öffnung kompositorisch Sinn, erklärt Lena Unger. Doch von innen betrachtet saß sie letztlich schon immer falsch. Insbesondere habe sich der Blick nach außen beim Hinabsteigen der Treppe nicht gut angefühlt, ergänzt sie. Eine lackierte Holzplatte samt Magnethaltern löste das Problem. Das Kreismotiv taucht auch an anderen Stellen des Umbauprojekts auf – etwa als schwarz lackierter Deckenspiegel im Essbereich oder am oberen Abschluss der Treppe.
Deutlich verbessert wurde auch die Öffnung des Wohnbereichs zum Garten, dessen Auftakt eine eindrucksvolle Terrassenanlage bildet. Neben die originale Terrassentür der Küche setzten Meier Unger eine große, quadratische Festverglasung, deren tiefes Fensterbrett innen zum Sitzen einlädt. Die schwarz lackierte Stütze daneben ist die Ummantelung einer historischen Stahlstütze, die einst in der Wand versteckt lag. Hier wie auch an der Schiebetür setzten die Architekt*innen Holzschwellen in den Boden ein, darüber hinaus kam Estrich zum Einsatz.
Eine Stütze von ähnlichem Format findet sich auch in der Loggia der Gartenfassade. Doch aufgepasst, hier gab es nichts Historisches zu ummanteln! Vielmehr sind das Chromblech und das quadratische Kapitel reine Dekoration, betonen die Architekt*innen, da sie von den Proportionen der Loggia nicht überzeugt waren. Zusammen mit dem neuen Fenster und der schmalen Markise ergibt sich eine Fassade, die mit subtilem Augenzwinkern zwischen Vergangenheit und Gegenwart changiert. (gh)
- Fertigstellung:
- November 2023
- Architektur (LP 1–8):
- Meier Unger Architekten
- Tragwerksplanung:
- Büro für Baustatik Förtsch
- Bauherrschaft:
- privat
- Fläche:
- 290 m² Bruttogrundfläche




