Drei Heilige für die Autostadt
UNS planen Metrostationen in Turin
Erst letzte Woche war Don Bosco in den BauNetz Meldungen zu Gast. Diese Woche gleich wieder – zumindest für scharfe Augen. Eine der geplanten U-Bahnstationen, um die es im Folgenden gehen soll, trägt nämlich unter dem Bogen stolz seinen Namen: San Giovanni Bosco. Kein Wunder beim Blick auf den Ort: Es handelt sich nämlich um Turin, wo innerhalb der nächsten Dekade der erste Abschnitt der Linea 2 der örtlichen Metro fertiggestellt werden soll. Turin ist die Heimatstadt des längst heiliggesprochenen Priesters und Ordensgründers.
Für die Architektur der ersten zehn Stationen der Linie wurden kürzlich Visualisierungen vorgestellt. Diese stammen von UNS (Amsterdam), dem Büro von Ben van Berkel und Caroline Bos, die – zumindest für Jünger des Parametrischen Designs – selbst fast so etwas wie Heiligenstatus haben. Einen zugehörigen internationalen Wettbewerb konnten sie im Team mit Settanta7, Mijksenaar, Frigorosso, 3BA und WSP gewinnen. Den Juryvorsitz hatte Dominique Perrault.
Ihr Entwurf sieht einen Baukasten mit verschiedenen gestalterischen Maßnahmen vor, mit denen die Stationen an ihr Umfeld angepasst werden können. Dem zugrunde legen sie eine „Urban Flow Experience“, die sich aus der Tatsache ableite, dass Turin von fließenden Bewegungen – etwa den Flüssen oder den Fußgänger*innen in den berühmten Arkaden – geprägt sei. Mittels Berücksichtigung dreier identitätsstiftender Ebenen soll daraus Architektur entstehen. Das reicht von der „Network Identity“ über die „System Identity“ bis zur „Station Identity“.
Klingt abstrakt, ist aber durchaus stringent gedacht. Interessant ist, dass UNS schon auf der Ebene der Network Identity bestimmte formale Details vorgeben, die bei aller Vielfalt trotzdem für Kohärenz sorgen sollen – von Schildern und Schriften über Materialien bis hin zu Geometrien. Im Kontrast dazu blickt der zweite Layer primär auf die räumliche Integration der Stationen in ihre jeweilige Umgebung. Und die letzte Ebene definiert, wie der spezifische Kontext einer jeden Station durch Kunst, Außenraumgestaltung und örtliche Referenzen einfließen soll. Die konkrete Entwurfs- und Planungsarbeit dürfte in diesem Sinne also jetzt erst losgehen.
Das Projekt einer zweiten U-Bahnlinie wird in Turin schon seit rund 25 Jahren diskutiert. Die 2006 eröffnete Linea 1 verläuft in Ost-West-Richtung, sodass eine weitere Nahverkehrsachse Richtung Nord-Süd naheliegt. Perspektivisch sollen sich beide Linien am Turiner Hauptbahnhof Porta Nuova kreuzen. S-Bahnen werden ebenfalls in das Netz eingebunden sein. Die Hoffnung ist, dass die Fiat-Stadt Turin damit in Zukunft die Abhängigkeit vom privaten PKW-Verkehr reduzieren kann – zumindest zuhause. Rund 1,8 Milliarden Euro sind bisher für die Umsetzung des Projekts freigegeben. (sb)