Lernen am Marschland
Thomas Kröger Architekten und ZRS Architekten Ingenieure in Hamburg
Ein Schulbau, der nicht sofort als solcher zu erkennen ist: Das neue Ensemble der Stadtteilschule Kirchwerder irritiert. Und das im besten Sinne. Vielleicht liegt das ein Stück weit auch an den stimmungsvollen Fotos, die den Volumen einen fast musealen Charakter verleihen. Entworfen von der ARGE Thomas Kröger Architekten und ZRS Architekten Ingenieure (beide Berlin), stehen die Gebäude direkt an der Marschlandschaft von Kirchwerder, einem ländlich geprägten Stadtteil im Süden Hamburgs. Selbstbewusst, aber ohne die Ruhe des Ortes zu stören.
Ausgelobt wurde der nicht-offene Wettbewerb 2017 vom Landesbetrieb SBH Schulbau Hamburg. Als wir das Wettbewerbsergebnis publizierten, wurde der prämierte Entwurf von unseren Kommentator*innen viel gelobt und diskutiert. Auslöser für den Neubau war der starke Zuwachs an Schüler*innen. Die Grundschule der Stadtteilschule Kirchwerder verbleibt am bisherigen Standort, die Jahrgänge 5 bis 13 sind in den Neubau gezogen.
Auf dem 3,2 Hektar großen Gelände gruppieren sich drei Bauten mit insgesamt 14.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche: zwei Schulhäuser und eine Dreifeldsporthalle. Die beiden Schulriegel zeigen sich alles andere als generisch. Ihre Formensprache ist ungewöhnlich für den deutschen Bildungsbau und zeigt sich ortsbezogen. Großvolumige, giebelständige Langhäuser, wie man sie in der Region noch finden kann, dienten als Referenz. Die Umsetzung bleibt jedoch keine bloße Reminiszenz. Die beiden Gebäude öffnen sich trichterförmig in Richtung Marschland auf und fassen einen Schulhof.
Auch die Fassadengestaltung spielt mit dem Lokalen. Schuppenartig überlappende Ziegel, horizontal geschichtet, erinnern an traditionelle Mauerwerksfassaden. Durchbrochen wird das Raster von bandartig positionierten, großformatigen Fensteröffnungen – teils trapezförmig, teils dreieckig –, die den Baukörpern eine gewisse expressive Geste verleihen. Die Tragstruktur der Riegel besteht aus Ortbeton, ergänzt durch Stahlbetonkerne in den Erschließungszonen.
Bis zu 1.200 Schüler*innen werden hier von rund 110 Lehrkräften unterrichtet. Neben den regulären Unterrichtsräumen bietet der Neubau eine Aula für 300 Personen, eine Mensa und eine Mediathek. Konzipiert ist die Schule als Clusterschule. Klassenverbände und Fachräume gruppieren sich jeweils um zentrale Gemeinschaftsbereiche, die hier „Dorfplätze“ genannt werden. Deren Wände sind mit schwarzem Tafellack gestrichen, was kreative Aneignung ermöglichen soll.
Hinter den Riegeln liegt ein Sportplatz mit Dreifeldsporthalle. Sie nimmt sich formal deutlich zurück: flaches Satteldach, Mischkonstruktion aus Holztafelelementen und Mauerwerk, weit gespannte Holzbinder. Laut Architekt*innen ist die Halle bewusst als zurückhaltender Nebendarsteller konzipiert, in Anlehnung an landwirtschaftliche Funktionsbauten der Umgebung.
Rund 70 Millionen Euro hat die Hansestadt laut Presseberichten investiert. Eine Summe, die deutlich macht, dass der Leitsatz der Hamburger Bildungspolitik – „Gute Räume für gute Bildung“ – hier ernst genommen wurde. (gk)
Fotos: Thomas Heimann, Anders Sune Berg, Hannes Heitmüller
- Bauherrschaft:
- SBH Schulbau Hamburg
- Grundstücksgröße:
- 3,2 ha
- BGF:
- Schulgebäude ca. 12.000 m2 | Dreifeldsporthalle ca. 2.000 m2
- Fläche:
- 8.400 m² NUF
Eike Roswag-Klinge von ZRS Architekten Ingenieure ist seit vergangener Woche Präsident der Architektenkammer Berlin. Wir haben dem neuen Vorstand fünf Fragen gestellt.
ein bisschen selbstverliebt die bildauswahl. geschenkt, bei der schönen fassade. aber eine schule ist EINE schule. EIN sozialer und kommunikativer organismus. da ist die teilung in 2 autonome körper zunächst erstaunlich. wie ist das (auf-)gelöst? wie ist das programm räumlich verteilt? der zwischenraum wird im text beschrieben, aber auf keinem der 30 fotos gezeigt ... gibt es dafür einen grund? 70 millionen - wenn es stimmt - sind nicht in ordnung. qualität ist wichtig - gerade im schulbau. aber qualität gibt es erstens für weniger geld. und zweitens mit weniger platzverbrauch. und drittens müsste es für jede schule in der republik gleich viel geld geben. tut es nicht. wenn man kurz recherchiert findet man einen anteil der schüler*innen mit schmigrationshintergrund von knapp 15 %. landesweit sind es in HH 45 %. noch fragen? fazit: wunderschön. aber gesellschaftlich fragwürdig diese hanesatische elitenbildung. aber schönheit rules ... instagrammable - comme il faut
die turnhalle fällt ja doch sehr vom rest ab! wobei...in berlin machen sie so die grossen museen ;-)
von innen stört mich weniger der flurschulen-typus (der durch die städtebauliche form bereits gesetzt ist) als vor allem die vielfach wenig kreative und im detail stellenweise eher schwache umsetzung. hier zeigt sich, dass auch ein meister - für den man einen herrn kröger durchaus halten kann - mit dem boden der tatsachen (des öffentlichen bauens) durchaus zu kämpfen hat - und hier vielfach nicht gewinnen konnte. eine öffentliche schule ist eben kein schickes haus in der uckermark und auch kein cooles office-center in der hauptstadt. leider werden die nutzer das haus hauptsächlich von innen sehen. wie so oft, werden die klassenräume, in denen die nutzer sich die meiste zeit aufhalten, nicht einmal richtig gezeigt. und die turnhalle - naja. aus der im wettbewerb noch in der formensprache der schulgebäude gestalteten halle wurde ein simpler zweckbau; nicht schlecht, aber ein besonderer gestalterischer ansatz ist nicht mehr erkennbar. die halle könnte genauso gut von einem kostengünstigen fertighallenanbieter stammen. insgesamt muss man sich schon fragen, ob der fokus auf die extrem hochwertige ausführung der gebäudehülle der beiden "schiffe" hier unterm strich wirklich der richtige weg war.
Ich würde nicht mal sagen, dass Farbe fehlt - die kommt ja in Kindereinrichtungen bekanntlich dann mit der Nutzung. Es fehlt in den Innenräumen einfach an Material. Die Flure sind eine Betonorgie, was nicht nur in Hinblick auf Nachhaltigkeit befremdlich ist, sondern auch in Bezug zur Allegorie auf Schiffe etc.. Der Speisesaal ist grausig, die Betonsitzstufen im Flur und auch der gelochte Trockenbau wirken billig, der Linoleumboden ist zahnsteinfarbig. Evtl. musste innen beim Budget gespart werden?