Kinetischer Symbolraum für Babyn Jar
Synagoge in Kiew von Manuel Herz Architekten
Lange erinnerte in dem waldartigen Gelände der Schlucht Babyn Jar im Nordosten Kiews nur wenig daran, dass sich dort vor 80 Jahren ein von der deutschen Wehrmacht verantwortetes Massaker abspielte. Mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden dort innerhalb von zwei Tagen erschossen. Auch Zehntausende sowjetische Kriegsgefangene, Kommunist*innen, Roma und Patient*innen einer nahe gelegenen psychiatrischen Klinik wurden zwischen 1941 und 1943 hier ermordet.
Die Babyn Yar Holocaust Memorial Foundation plant nun auf dem heute als Park genutzten Areal die Realisierung einer Reihe kleinerer und größerer Bauten, um an die Geschichte des Ortes zu erinnern. 2019 wurde ein Wettbewerb für eine Gedenkstätte entschieden, im Frühjahr 2021 eine Synagoge fertiggestellt.
Entworfen wurde die Synagoge in Babyn Jar vom Basler Büro Manuel Herz Architekten, das auch den 2010 eingeweihten Synagogenbau in Mainz verantwortete. Während Herz dort auf einen scharfkantig-monumentalen, in dunklen Tönen gehaltenen Baukörper setzte, zog er in Babyn Jar einen performativen, geradezu spielerisch-leichten Ansatz vor: „Ich wollte ein Projekt schaffen, das eine transformative Dimension hat und ein neues Ritual an diesem Ort etabliert“, schreibt er. Ideengeber für die außergewöhnliche Form des Neubaus war die religiöse Praxis des Judentums, in der das gemeinsame Lesen des Gebetsbuches eine zentrale Rolle spielt. Eine weitere Inspirationsquelle waren sogenannte Pop-up-Bücher, die sich beim Aufklappen zu einer dreidimensionalen kleinen Welt entfalten.
Ähnlich wie bei ihrem ungewöhnlichen Wohnhaus in Zürich-Seefeld planten die Architekt*innen die Synagoge als kinetische Architektur. Das aus einer holzverkleideten Stahlkonstruktion gefertigte Volumen mit circa acht Metern Breite und elf Metern Höhe lässt sich öffnen und schließen wie ein Buch. Möglich wird das durch eine bewegliche Wand, die mittels einer Kurbel und einer halbkreisförmigen Schiene von Hand ausgefahren werden kann. Wie von Zauberhand schieben sich dabei eine Leseplattform, Bänke und ein Balkon in den entstehenden Raum. Wände und Decke dieses bühnenartigen Kabinetts sind mit farbenfrohen Malereien und Segenssprüchen geschmückt – eine Referenz an die prachtvollen Innenräume der vielen historischen, längst zerstörten Synagogen der Westukraine.
Der inmitten von Bäumen stehende Bau ruht auf einer Holzplattform, deren größter Teil leicht über dem Boden zu schweben scheint. Flankiert wird die Synagoge von einem kleinen Seminargebäude aus Beton. Gebaut wurde mit Holz von über hundertjährigen Eichen aus der ganzen Ukraine. Zum einen stelle dies eine symbolische Verbindung zwischen der Zeit vor dem Massaker und der Gegenwart her, erklärt Herz. Zum anderen verleihe dies der Synagoge eine gewisse Fragilität, die eine besondere Zuwendung und Pflege erfordere – ganz so wie das Erinnern an diesem besonderen Ort. (da)
Fotos: Iwan Baan
Der Bau steht auch im Mittelpunkt einer Publikation von Robert Jan van Pelt, Mark Podwal und Manuel Herz, die im Dezember im Zürcher Verlag Park Books unter dem Titel How Beautiful Are Your Dwelling Places, Jacob: An Atlas of Jewish Space and a Synagogue for Babyn Yar erscheinen wird.
Man braucht Herz bestimmt keine Geschichtsstunden erteilen. Es ist ein religiöser Ort. Andenken und Erinnerungskultur ist nicht nur in Horror erlebbar, sondern auch in der Hoffnung auf etwas anderes im Leben und danach, in der Zuversicht, die aus Religion geschöpft weden kann, die hier einen Ort bekommen hat: Ein Ort mit einem Bauwerk dafür, das wundervoll, zauberhaft, magnifique gestaltet worden ist.
Standsicherheit ein Kinderspiel? Wundervoll. Der Zweck verschlägt einem den Atem, auch die Ausführung wundervoll gelungen. Venustas ist tatsächlich hier ein Thema, wunderschön. Wenn ich solche Bauten sehe, dann weiß ich wieder, wozu es gute Architekten braucht.
Allerdings sehe aber nicht, dass hier der horror und das leid der ermordeten konterkarriert wird. Vielmehr ist dieser ort in meinen augen ein geradezu trotziges zeichen des übelebens. Dass es eben unsere groß- und urgroßeltern nicht geschafft haben, das jüdische leben in europa auszulöschen.
Doch hätte Manuel Herz das Buch kaum realisieren können, wen die jüdischen Verbände das nicht gutheißen würden - sind sie doch letztlich die entscheidende Instanz bei solchen Denkmälern. Gerade hier sind Kinetik und Farbigkeit thematisch bestechend. Denn sie sind die Loslösung vom trauernden reinen Denkmal, hin zu einer Metapher von dem, was einmal war und hätte weiter sein können. Doch das Buch wurde geschlossen. Gleichzeitig ist dieser Bau ein positives Zeichen für den Facettenreichtum der jüdischen Gemeinden - irritierend schön!
Absolut ehrlich und eine tolle Abbildung. Ganz stark!