Bei Abriss Aufstand!
Stuttgart: Proteste gegen Bahnhofs-Zerstörung
Die Deutsche Bahn hat den Abrisstermin für die beiden Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs (siehe BauNetz-Meldung vom 2. Februar 2010 zum Baubeginn) klammheimlich auf August 2010 vorverlegt, obwohl ein Urheberrechtsverfahren noch anhängig ist – offenbar weil die Bahn in der Ferienzeit weniger bürgerschaftlichen Widerstand erwartet. Dennoch gab es wieder Proteste: Gestern Abend haben mehrere hundert Aktivisten den Nordflügel besetzt und gedroht: „Bei Abriss Aufstand!“
Bereits am Freitag hatte ein kurzfristig anberaumtes Gespräch zwischen dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, und den Initiatoren des Zusammentreffens, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesstiftung Baukultur, Michael Braum, sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, stattgefunden. Es konnte die Abrisspläne nicht verhindern. Beide Stiftungen bleiben bei Ihrem Standpunkt: „Stuttgart 21“ lässt sich auch mit dem Erhalt des Bonatz-Baus realisieren.
„Die Verstümmelung des Stuttgarter Hauptbahnhofs durch den Abriss der Seitenflügel ist ein baukultureller Skandal", betonte Michael Braum von der Bundesstiftung Baukultur. „Hier wird ausschließlich aus der Sorge heraus, den Bauablauf zu verzögern, ein für Deutschland einmaliges, international anerkanntes Ensemble der frühen Moderne unwiderruflich zerstört. Jahre konnte man bislang sorgfältig planen und nunmehr scheint es den Verantwortlichen nicht schnell genug gehen zu können“.
„Stuttgart 21 ist auch möglich, wenn der Hauptbahnhof stehen bleibt. Das ist uns klar, das ist dem Architekten klar und auch Rüdiger Grube. Letztlich fehlt nur der Wille, noch einmal gegenzusteuern. Dieses Nationaldenkmal darf nicht amputiert werden. Wird der Hauptbahnhof gehalten, könnte die Deutsche Bahn einmal wieder positive Schlagzeilen machen. Stuttgart 21 würde besser und günstiger,“ unterstrich Gottfried Kiesow von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
Blog der Nordflügelbesetzer: www.bei-abriss-aufstand.de
das Wirtschaftsministerium (!), ob ein Kulturdenkmal zerstört oder beseitigt, in seinem Erscheinungsbild beeinträchtigt oder aus seiner Umgebung entfernt werden darf. (§ 3 und § 8). Das sagt eigentlich schon alles darüber, was hier letztlich zählt. Gott Mammon ist der oberste Richter über Sein oder Nichtsein. Dafür wird alles aus dem Weg geräumt, was dem entgegensteht. Der Stuttgarter HBF steht als Ganzes unter Denkmalschutz. Egal! Weltweit setzen sich Hunderte renommierte Architekten und Denkmalexperten für den Erhalt des berühmten Bonatzbaus ein. Egal! Zudem wurde die Stadt Stuttgart von der UNESCO 2009 dazu aufgefordert wird, den Hauptbahnhof für die Weltkulturerbeliste anzumelden, um den berühmten Bahnhof, neben dem Fernsehturm das Wahrzeichen der Stadt, vor der Verstümmelung zu retten. Egal! Im Rechtsstreit zwischen der Deutschen Bahn und einem der Erben von Paul Bonatz entschied das Landgericht Stuttgart im Mai 2010, das Erhaltungsinteresse des Urhebers müsse hinter den Modernisierungsinteressen des Eigentümers zurücktreten. Für viele ein politisches Urteil! Herr Dübbers, der Enkel von Paul Bonatz, legte gegen dieses Urteil Revision ein. Darüber wird im Oktober entschieden werden. Egal! Die Deutsche Bahn will die Seitenflügel des Bahnhofs noch im August gegen alle soziale, kulturellen, rechtliche Vernunft abreißen lassen. Und gegen den überwältigenden Bürgerwillen. Wer Wut und Weinen verlernt hat, der kann es hier wieder lernen.