Künstliche Weide für Lichtenfels
Stadthaus von Peter Haimerl Architektur
Archiv der Zukunft? Ein Baum aus Metall? Eine Glasfassade mitten auf dem historischen Stadtplatz? Der am 15. Juli in der bayerischen Kreisstadt Lichtenfels eröffnete Neubau entstand nach Plänen des Münchner Büros Peter Haimerl . Architektur. Mit seinem Entwurf eines Glaspavillons und eines Geflechts aus Edelstahlrohren hatte das Team 2018 den entsprechenden Wettbewerb gewonnen. Das Ergebnis bricht mit den gängigen Erwartungen an heutige Architektur. Zum Beispiel damit, dass sie sich an einer solchen Stelle in den historischen Kontext einfügen, mit Low Tech die Nachhaltigkeitskriterien erfüllen und von einem begrünten Außenraum umgeben sein sollte.
Das Archiv der Zukunft ist ein Ort für Veranstaltungen und digitale Ausstellungen. Es will über Innovationen informieren, Austausch und Initiative ermutigen, Lichtenfels vernetzen und Zukunftsfähigkeit fördern. So steht es auf der Webseite des Projektes, das von Günter und Robert Hofmann initiiert und finanziert wurde. Die beiden Brüder, erfolgreiche Unternehmer für 3D-Metalldruck-Technologie, engagieren sich Jahren im Ort, kaufen alte Häuser auf und wollen sichtbar machen, was die Region zu bieten hat.
Lichtenfels ist eine Stadt mit Korbflechttradition. Der handwerkliche Umgang mit Weiden hat den Ort reich gemacht. Wie viele andere Kommunen sucht Lichtenfels nach seinem Platz in einer Zukunft, in der das traditionelle Handwerk keine große Rolle mehr spielen wird. Mit seinen provokanten architektonischen Statements hat Peter Haimerl bereits so mancher Gemeinde in Bayern bei dieser Suche ge- und nicht zuletzt auch zu überregionaler Aufmerksamkeit verholfen. Und so lässt er in Lichtenfels eben keinen Baum vor das Haus pflanzen, sondern eine künstliche Weide in Form einer baumartigen Metallstruktur erstellen.
Zugleich ist jede Menge Technik im Gebäude versteckt. Eine reversible Wärmepumpe und eine besonders leitfähige Aluschaumdecke mit darüberliegendem Rohrsystem bilden das Kühlungs- und Heizsystem. Hinzu kommen mehrere Kilometer Datenkabel, die ebenso wie die Rohre auf Wunsch von Architekt und Bauherren hinter vorgebauten Wänden, Fußbodenaufbauten oder Deckenplatten versteckt sind.
„Technologie ist Teil des Raums. Architektur führt dazu, dass man neue Welten herstellt“, sagte Haimerl gegenüber Baunetz. Sein Bau solle ein Raum aus Natur und Architektur sein, Innenraum und Außenraum zugleich, Natur und Mathematik, Programmierung und Handwerk, Wald und Stadt. Diese vom Architekten verfasste Zuschreibung hilft zu verstehen, warum sich das Haus nur auf den ersten Blick nicht einfügen mag. (fm)
Fotos: Sebastian Kolm
Die Baugeschichte des Hauses ist ausführlich unter archivderzukunft-lichtenfels.de dokumentiert.
Weiter: "Der Bau ist ein Neubau. Ein altes, extrem baufälliges Haus wurde dafür abgerissen. Das ist böse. Der Bau ist kein Energie-Effizienz-Wunder, sondern von normaler energetischer Gesinnung. Das ist fahrlässig. Der bau besteht nicht aus Lehm und Moos, sondern aus Stahlbeton und Glas. Das ist satanisch. Der Bau ist nicht bescheiden, sondern sagt: Schaut mich an. Das ist verwerflich. Kurz: Der Bau macht so viel falsch in der zeitgenössischen Bau-Dogmatik, dass er alles richtig macht." Vielleicht sollten wir uns alle angewöhnen, nicht ganz so giftig aus der Ferne zu urteilen. Sondern uns überraschen zu lassen, auch vom Anderen. Mir gefällt der Bau seit dem Matzig-Text jedenfalls schon viel besser. Aus der Ferne.
Vielleicht ist der Architekt zu groß geworden für kleine Gebäude.
Die Architektur dahinter in Teilen interessant, ob es allerdings ohne Metall-Baum besser wäre? Klimaanlage vor Brandwand-Giebeldreieck wie beim Centre-Pompidou weithin sichtbar. Kann man noch auf google streetview begutachten und man sieht dort auch das "Alte Volumen" auf der Tafel zur Korbhandelsstadt - eigentlich ein schöner Platzabschluss.