Anbau in Schadholz
Sport- und Freizeitheim in Thüringen von Ludloff Ludloff
Die Bleilochtalsperre im Südwesten Thüringens gilt als Deutschlands größter Stausee und wird entsprechend auch „Thüringer Meer“ genannt. Am Ostufer im kleinen Örtchen Kloster liegt das „Seesport- und Erlebnispädagogische Zentrum“ (SEZ) des Landessportbundes Thüringen. Die seit 1998 existierende Einrichtung war bis zuletzt als Jugendbildungs- und Freizeitstätte beliebt, verbuchte an die 10.000 Übernachtungen jährlich (27 pro Tag). Allerdings bedurfte ihr zweigeschossiger Bestandsbau mit großem Satteldach dringend einer Modernisierung und Erweiterung.
Das Gebäude aus den 1950er Jahren diente ursprünglich als Bootshaus. Nun sollten zeitgemäße Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen werden ebenso wie Lagermöglichkeiten für Kanus, Kajaks, SUPs und kleine Segelboote. Gemeinsam mit der IBA Thüringen schrieb der Sportbund einen internationalen Realisierungswettbewerb aus, der eine innovative, umweltschonende und idealerweise regionale Holzbauweise forderte. Ein Anbau aus den 1980er Jahren durfte dafür abgerissen werden. Den Wettbewerb gewannen 2020 Ludloff Ludloff Architekten (Berlin).
Ihr Gebäude stehe für einen „radikal lokalen Holzbau“, sagen Laura Fogarasi-Ludloff und Jens Ludloff. Warum radikal? Weil sie in Zusammenarbeit mit den Landesforstbetrieben ThüringenForst, einem lokalen Sägewerk und einer lokalen Zimmerei ausschließlich „Konstruktionsvollholz aus regionalem Schadholz in Nichtsichtqualität“ verwendeten. Thüringen gehört zu den Regionen mit dem höchsten Schadholzanteil – vor allem durch den Borkenkäfer verursacht. Über 70 Prozent des geschlagenen Nadelholzes bestehen aus geschädigten Fichten. Insofern will das Pilotprojekt zeigen, dass auch all jenes Schadholz als Bauholz verwendet werden kann. Dafür gab es zusätzliche Fördermittel des Freistaats Thüringen.
Zwei neue eingeschossige Flügelbauten ergänzen das sanierte Bootshaus zu beiden Seiten. Gästezimmer und Seminarräume werden über einen offenen Laubengang erschlossen. Im alten Bootshaus liegt jetzt der Speisesaal mit einer zwölf Meter hohen Indoor-Kletterwand. Die beheizten Zonen sind auf Speise-, Gymnastik- und Personalräume begrenzt, die übrigen Bereiche bleiben unbeheizte Pufferzonen. Im sogenannten Seegeschoss unterhalb des Ostflügels sind Sanitärräume für die Campinggäste auf dem Gelände und eine Bootswerkstatt untergebracht.
Die beiden Flügelbauten stehen leicht aufgeständert über der Landschaft. Als Stützen verwendeten Ludloff Ludloff 84 entrindete Lärchenholzstämme, deren Dimension sich aus der zufälligen Verfügbarkeit ergab. Ansonsten kam ausschließlich Holz von geschädigten Fichten zum Einsatz, auf Leimhölzer oder Plattenwerkstoffe konnten die Architekt*innen verzichten. Sämtliches Holz stammt aus dem Forst Sondershausen oder aus Wäldern am Rennsteig.
Die Dachlandschaft der Anbauten setzt das Satteldach des Mittelbaus mit einem ganz eigenen Pulsschlag fort. Die Dachfirste folgen auch nicht dem Rhythmus der Stützen des Gebäudes, sondern spannen mal über zwei, mal über drei Achsen. So erhielt jedes Zimmer ein individuelles und unverwechselbares Profil. Gleichzeitig passen sich die langgestreckten Baukörper am See-, pardon, am Meeresufer mit ihrer sägezahnartigen Silhouette der kleinteiligen Bebauung in der Umgebung an, die von Pavillons, kleinen Wohnhäusern und den Zelten der Campingplätze geprägt ist. (fh)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Ludloff Ludloff Architekten (LP 1–9)
- Team Architektur und Generalplanung:
- Laura Fogarasi-Ludloff, Jens Ludloff, Costanza Governale, Nathalie Esposito, Daniela Galárraga, Elise Moreau, Martin Zierer, Bauüberwachung: Matthias Colditz, Mike Reukauf
- Außenanlagen:
- Schönherr Landschaftsarchitekten (LPH 2-4), Impuls Landschaftsarchitekten (LPH 5-8)
- Tragwerksplanung:
- Ingenieurbüro für Tragwerksplanung
- Haustechnik:
- Fuchs Ingenieurgesellschaft, Krämer und Partner (LPH 6-8)
- Brandschutz:
- Sachverständigenbüro für Brandschutz Arnhold
- Bauphysik und Akustik:
- Müller-BBM Building Solutions
- Kooperationspartner:
- Thüringen Forst
- Ausführung Holzbau:
- Holzbau Pfeiffer
- Bauherrschaft:
- Landessportbund Thüringen e.V.
- Fläche:
- 2.850 m² Bruttogrundfläche
- Auszeichnungen:
- Nominierung DAM Preis 2026
Webseite des SEZ Kloster
Mehr zur Nutzung geschädigter Bäume bei BauNetz Wissen








