Wohnen über Büchern
Shortlist für Mies-Bibliothek in Washington
Mies van der Rohe hat zwar eine Menge gebaut, aber nur eine Bibliothek. Als letztes Gebäude seiner Karriere wurde 1972, also drei Jahre nach seinem Tod, die Martin Luther King Memorial Library in Washington fertig gestellt. Doch sie war war von Anfang an von Problemen geplagt. Seit 2007 steht das Gebäude zwar unter Denkmalschutz, doch erst jetzt wird der schon lange notwendige Umbau in Angriff genommen, um das Haus in eine zeitgemäße Bibliothek zu verwandeln.
Das Problem: Wie so oft bei öffentlichen Projekten in Amerika fehlt das Geld, so dass zur Finanzierung auch eine Aufstockung mit privater Wohnnutzung diskutiert wird. Aus einer Shortlist von zehn Büros wurden nun die Entwürfe von Mecanoo (Delft), Patkau Architects (Vancouver) und Studios Architecture (Washington) ausgewählt und zur öffentlichen Diskussion gestellt.
Die Strategien der drei Teams sind grundverschieden. Während Mecanoo vor allem im Inneren den Geist von Mies zu erhalten versuchen, schlagen die beiden anderen Teams fast schon dekonstruktivistisch anmutende Atrien vor. Bei beiden Entwürfen würde das Gebäude einen vollkommen neuen Mittelpunkt erhalten – die Schnitte wirken fast so, als ob die Bibliothek von Aliens befallen sei.
Patkau Architects geben sich dagegen im Außenraum zurückhaltender und tarnen ihre Wohnvariante durch eine Art Attika im Miesschen Fassadenlook. Dagegen plädieren Mecanoo hinsichtlich der Ergänzung für mehr Ehrlichkeit und lassen einen massiven Marmor-Riegel über der Bibliothek schweben. Und Studios überhöhen die nüchterne Architektur des Meisters mit einer gefalteten Rampe in goldener Verkleidung.
Um ein Stimmungsbild zu erhalten, kann auf der Website der Bibliothek über die Entwürfe abgestimmt werden. Im Moment geht die Tendenz klar zu Gold, während Mecanoos Zurückhaltung eher nicht gefragt ist.
Zur Abstimmung: www.dclibrary.ideascale.com
Und diese ist wenn ich mir so die Entwürfe ansehe, ganz zu schweigen von den stillosen Präsentationszeichnungen wirklich in einer schweren Krise. Wahrscheinlich ist es die ganze westliche Kultur, sie hat sich übersteigert und steht ratlos ohne Lebensprojekt vor ihrer aufgelösten Gemeinschaft. Die Architektenschaft hat sich in bürokratischer Verwaltung von rationalisierten Lebensvorgängen und Planung absurder Großstrukturen verloren. Begeistert von den technischen Möglichkeiten und einer blinden Statistikgläubigkeit haben sie den Menschen in schrullige Betongießerei und sperrige Gewächshäuser verhaftet.
Überall diese plastikverklebten Sandwich-Fassaden, teilweise auch noch bedruckt mit albernen Motiven (soll das ein Surrogat für Verzierung sein. Wer verwechselt da Expressionistisches mit der schwülstigen Dame namens Barock). Architektur die aussieht als wäre sie ein alter Plastikbecher den jemand am Bürgersteig vergessen hat. Baut von mir aus weiter Hafencitys wie in Hamburg, und ja auch die werden vielleicht irgendwann liebgewonnen, aber laßt die Finger von wahrer Kunst. Wenn das eines von Mies' schlechteren Werken sein soll, wie sehen dann die Schlechten von den im Umbauwettbewerb stehenden Architekten aus?
Naja, später dann, laufen überall displayverhaftete mit Kaffeebecher bewaffnete Pseudoindividualisten durch die zerstaltete Struktur und lassen ihr marktförmiges Geplapper der Aufmerksamkeitsökonomie erklingen. Und genau mit dieser Apple-Interface-Diktatur wollen die Entwurfskonzepte wohl visuell konkurrieren. Nicht das Buch tötet die Architektur verehrter Herr Victor Hugo, sondern das Smartphone.
Architektur zerrissen zwischen Spektakel und Rationalisierungszwang zu einem "Die Stadt als Marke"-Werkzeug degradiert. Ein Jahrmarkt der Effekte. Und Effekte sind ja bekanntlich dafür da, das natürlich limitierte Vorhandensein von Bedeutung zu strecken. Ja ich weiß, die Utopie "gutes Design gleich besseres Leben" haben wir überwunden. Trotzdem, muss man dem Gebäude denn seinen Antihelden gleich einpflanzen? Die Gegenüberstellung von gelungen und häßlich hatte wenigstens noch einen Gewinner. Das Missratene ließ sich dann im Zweifel einfach abreißen. Aber einer Chimäre ist schwer beizukommen.
Nun, gute Nacht Mies, wenigstens erscheinen dieses Jahr zwei Bücher zu deinem Schaffen. Es grüßt der ewig gestrige Romantiker.
Das Argument, es handele sich nicht um Mies besten Bau (was zweifellos richtig ist) kann doch nicht entschuldigen, dass hier unglaublich schwache Beiträge abgegeben worden sind. Warum gehen wir mit Bausubstanz aus früheren Jahrhunderten bisweilen um wie ein rohes Ei aber verschandeln ohne Not die Werke derjenigen, die nur ein oder zwei Generationen vor uns gewirkt haben? Es geht doch hier nicht darum, ob irgendwelche Passanten einige Zeit benötigen, um die Qualität in einem Werk zu erkennen, sondern darum, ob wir als Planer die nötige Weitsicht und Bescheidenheit besitzen uns bei Eingriffen im Bestand auch einmal zurückzuhalten.
Mit allem nötigen Respekt: mit Ihrer Haltung kapituliert man im vorauseilenden Gehorsam vor einem vermeintlichen Publikumsgeschmack.