Charmante Unschärfen
Schulerweiterung und Sanierung von LRO in Stuttgart
Großzügig verglaste Fassaden, versetzte Höfe auf unterschiedlichen Ebenen und Offenheit in der baulichen Setzung: Die Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (kurz Ebelu) in Stuttgart aus den 1950er Jahren bietet einen räumlichen Luxus, wie er im heutigen Schulbau wohl kaum noch realisierbar wäre. Diesen Charakter wollten LRO (Stuttgart) erhalten und zugleich neue Nutzungen sowie aktuelle Anforderungen an Brandschutz, Technik und Barrierefreiheit integrieren. Dass die Eingriffe kaum sichtbar sind, dürfte die eigentliche Qualität des Projekts darstellen.
Die traditionsreiche Schule wurde bereits 1686 gegründet. Zu ihren ehemaligen Schülern zählen etwa Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die Brüder Stauffenberg und Victor von Bülow alias Loriot. Der heutige Bestandsbau entstand allerdings erst 1957 nach der kriegsbedingten Zerstörung des Vorgängers. Adolf und Hans Bregler entwarfen einen typischen Nachkriegsbau, dessen Qualität weniger in ikonischen Gesten als in seiner Setzung liegt. Ein fünfgeschossiger Haupttrakt ragt orthogonal in den Hang, ergänzt durch westliche niedrigere Seitenflügel und einen vorgelagerten Dreigeschosser zur Straße. Trotz seiner rund 9.500 Quadratmeter Bruttogrundfläche wirkt das Ensemble erstaunlich differenziert. Dazu tragen auch die variierenden Fassaden der einzelnen Baukörper bei, die die Anlage gliedern und ihre Größe relativieren.
Seit 2013 beherbergt das Ebelu einen Zug für musikalisch Hochbegabte und wurde zudem zur Ganztagsschule ausgebaut. LRO, die 2013 eine entsprechende Machbarkeitsstudie erarbeiteten, reagierten auf den zusätzlichen Raumbedarf mit Ergänzungen, die den Bestand weder imitieren noch demonstrativ kontrastieren. Zwischen die beiden westlichen Flügel schoben sie einen neuen Fachklassentrakt für die Naturwissenschaften. Der aufgeständerte Baukörper greift Motive der Nachkriegsarchitektur auf – etwa die gewellten Faserzementplatten der Fassade –, bleibt aber klar zeitgenössisch.
Darunter sowie teilweise unter dem nördlichen Hof entstand eine neue Turnhalle, die nur stellenweise in Erscheinung tritt. Der Zugang erfolgt unter anderem über eine skulpturale Betontreppe, die an die Flure und Kaskadentreppen im Hauptbau andockt. So schufen die Architekt*innen einen zusätzlichen Fluchtweg und durch einen neuen Aufzug auch eine barrierefreie Erschließung. Insgesamt wuchs die Anlage um rund 3.150 Quadratmeter Bruttogrundfläche.
Am nördlichen Haupttrakt ergänzt ein kleinerer Baukörper die Musikräume. Seine abgeschrägte Form reagiert auf die unmittelbar angrenzende Bahntrasse. Parallel dazu wurden bestehende Räume umgenutzt: Die frühere Aula am Haupteingang dient heute als Mensa und profitiert vom erhaltenen Natursteinboden. Im querstehenden Nordflügel wandelten die Architekt*innen die ehemalige Turnhalle in einen Orchestersaal um. Weil Dach und Südfassade baulich stark geschädigt waren, mussten sie dort stärker eingreifen. Unterhalb des Saals befindet sich heute die Bibliothek.
Die Sanierungsmaßnahmen ziehen sich durch nahezu alle Bereiche des Bestands: Schadstoffsanierung, neue Haustechnik, brandschutztechnische Ertüchtigung, statische Maßnahmen und energetische Anpassungen im gesamten Komplex. LRO vermieden dabei auffällig inszenierte Gesten. Betonfassadenplatten wurden instand gesetzt statt ersetzt, originale Fensterscheiben mit Folien ertüchtigt, Geländer angepasst und zahlreiche Bauteile ausgebaut, aufgearbeitet und wieder eingebaut.
Der Bau erscheint so erstaunlich nah an seinem bauzeitlichen Zustand. Selbst die Unschärfen und Schwächen des Bestands, schreiben die Architekt*innen, beließen sie weitgehend unangetastet – nicht aus Nachlässigkeit, sondern als bewussten Erhalt „charmanter Zeitzeugnisse“. (gk)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Lederer Regnarsdóttir Oei (Marc Oei, Katja Pütter, Klaus Hildenbrand, Heiko Müller)
- Mitarbeit Architektur:
- Nicole Epple, Carla Feine, Henri-Pierre Finkeldei, Daniel Haselberger, Aline Kälber, Philipp Lülsdorf, Sonja Malm, Patrick Penteker, Johannes Schreiner, Patrizia Schreiner, Wolfram Sponer, Lukas Volz, Natalie Wurm; Jochen Bornträger
- Projektsteuerung:
- nps Bauprojektmanagement
- Tragwerksplanung:
- ZPP Ingenieure AG
- Restauration:
- Julia Feldtkeller (Farbanalyse, Ziegelmosaik)
- Schadstoffanalyse/-sanierung:
- Sakosta
- Freianlagenplanung:
- Gänßle+Hehr Landschaftsarchitekten
- Bauherrschaft:
- Landeshauptstadt Stuttgart, Hochbauamt
- Fläche:
- 12.670 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 37.000.000 € KG 300 + 400
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