Multifunktionshaus für Kloten
Riken Yamamoto & Field Shop in Zürich
Wer in den vergangenen Jahren am Zürcher Flughafen vorbeikam, konnte ihn wachsen sehen, den aktuell größten Gebäudekomplex der Schweiz The Circle. Direkt im Flughafen hatte die Flughafengesellschaft vor elf Jahren rund 37.000 Quadratmeter Fläche ausgewiesen, in der Swiss Life Versicherungen eine Mitinvestorin gefunden, mit dieser eine Milliarde Schweizer Franken bereitgestellt und einen Architekturwettbewerb für ein Dienstleistungszentrum veranstaltet. Die Pläne stehen für die Zwangslage der Flughafen Zürich AG, alternative Geschäftszweige zu erschließen, weil der Flughafen selbst nicht mehr wachsen kann.
So erhielten die Wettbewerbsteilnehmer 2009 die Aufgabe, rund 200.000 Quadratmeter Nutzfläche in einen architektonischer Ausdruck von „Swissness“ zu verwandeln, Flächen für Büros und Erlebnisshopping, Wellness, Schönheitschirurgie und Bildung unterzubringen. 93 Büros hatten sich beworben, 15 waren in die zweite Runde gekommen, der Vorschlag von Riken Yamamoto & Field Shop aus Yokohama gewann. Städtebaulich folgte Yamamotos Entwurf dem Kreisel, zeigte sich als geschlossene Front in Richtung Flughafen und als kleine Stadt mit Höfen und verwinkelten Passagen in Richtung Grünzone. Yamamoto verwies dabei auf die mittelalterlichen Strukturen des Altstadtkerns im Zürcher Niederdorf. Das gefiel der Jury unter Vorsitz von Carl Fingerhuth.
Nach sechs Jahren Projektentwicklung und Planung begannen 2015 die Bauarbeiten, nun ist The Circle fertig. Glas, Beton, Aluminium, Edelstahl und Naturstein prägen das äußere Erscheinungsbild, das eine gute Kulisse für einen Science-Fiction-Film abgeben würde. Zur Ringstraße, die den Flughafen erschließt, wirkt die geschwungene Großform als geschlossener Glaskörper mit einer sogenannten Closed Cavity Facade (CCF). In Richtung gegenüberliegende Parkseite des Butzenbüels erscheinen kleinmaßstäbliche Einzelvolumen, die durch eine Verkleidung mit High-gloss-Aluminium optisch zusammengehalten werden. Zwischen beiden Teilen mäandert eine gepflasterte Fußgängerpassage, die sich im Bereich der Hotelfoyers und Kongresshalle zu Plätzen aufweitet. Nur teilweise ist sie über ein Glasdach vor Witterung geschützt – das Außenklima soll spürbar bleiben. Für die Konstruktion wählten die Architekten ein einheitliches Konstruktionsraster von 2.700 Millimetern, das sich von den Glasfassaden bis zum Bodenbelag durchzieht. Das Innere sollte hingegen heterogen wirken. So hat man den Mietern die Fassadengestaltung ihrer Module freigestellt.
Die im Entwurf versprochene Kleinstadtidylle mit gepflasterten Plätzen und Gassen kommt hier nun eher wie eine dem Konsum verfallene, gläserne Kleinstadt auf 180.000 Quadratmetern Nutzfläche daher. Neben Geschäften, Restaurants und Bars auf 18.550 Quadratmetern bietet sie Raum für das größte Ambulatorium Europas des Zürcher Universitätsspitals, zwei Hyatt Hotels und ein Kongresszentrum für 2.500 Gäste. Zudem finden sich auf 75.950 Quadratmetern Büros und Coworking Spaces, ein Fitnessstudio, 520 unterirdische Parkplätze und sogar eine Kita im Bauch des neuen Komplexes. Angepriesen wird das alles als neuer Sehnsuchtsort, doch nicht nur in Pandemiezeiten stellt sich die Frage nach seiner Angemessenheit. Im Vergleich zum bisherigen Angebot des Flughafens sind die Ladenflächen fünfmal so groß. Wer wird hier mieten? Wer wird in dieser neuen, künstlich angelegten „Stadt“ künftig einkaufen, und was bedeutet das für den Handel in den Stadtzentren von Zürich und Winterthur?
Text: Miriam Stierle / fm
Fotos: © Flughafen Zürich AG
interessant ist schon die mischnutzung, egal wie das gebäude aussieht. rund isses halt weil so das grundstück maximal zugebaut werden konnte.... ausser den üblichen läden und restaurants für den flugbetrieb sind eben auch hauptsitze grosser firmen dort, so können die angestellten schnell wieder weg, in ZH gibt es sehr viele pendler (ob das gut oder schlecht ist ist nicht das thema aber eine tatsache) ausserdem einige ziemlich luxuriöse kliniken mit hotel, so kann der geneigte araber direkt einfliegen, sich operieren lassen (oder seine frau optimieren lassen...) und der hofstaat hat genug platz. bisher gabs immer autokolonnen ins DOLDER in paar jahren wissen wir obs funktioniert
Und was hat einen größeren "Carbon-Footprint": die Mehrzahl der Ladenbesitzer in Winterthur oder Zürich oder die "globale Kette" in diesem Geld- und Ressourcen reichlich für sich behauptenden Teil?
Das Fingerhuth als Juror schon lange überschätzt wird, zeigt sich an der Begeisterung für das Thema "mittelalterliche Strukturen des Altstadtkerns Zürichs". Es muss ihm doch von Anfang an klar gewesen sein, dass ein Ergebnis damit wenig zu tun haben wird. Die romantische Verklärung des zentralen "Parks auf dem Hügel" durch Vulkan LA, hat dann am Ende auch keine andere Wahl, als durch eine inhaltliche Verklärung effekthaschender Designversatzstücke dem Projekt noch so etwas wie Nachhaltigkeit zu verschreiben. Das streichelt das aktuelle Bedürfnis nach Greenwashing. Aber mehr als ein seltsamer Grünfleck kommt da nicht heraus.