Kunst, Kolumba, Klaus
Pritzker-Preis für Peter Zumthor
In der Schweiz ist so etwas möglich: ohne reguläres Architekturstudium Architekt zu werden, in diesem Falle sogar: Pritzker-Preisträger – also den „Oscar“ der Architektur zu bekommen. Dem Schweizer Architekten (in Deutschland dürfte er diese Berufsbezeichnung wohl nicht führen!) und ausgebildeten Möbeltischler Peter Zumthor wird die weltweit bedeutendste Architekten-Auszeichnung am 29. Mai 2009 in Buenos Aires überreicht. So befindet er sich in der guten Gesellschaft seines Landsmanns Le Corbusier, der zwar keinen Pritzker-Preis bekommen konnte, als gelernter Uhrengraveur aber eine vergleichbare Ausbildung hatte.
Die aktuellen Laudatien auf Zumthor kehren immer wieder hervor, dass er bescheiden und zurückhaltend sei, sich den Gepflogenheiten des internationalen Stararchitekten-Jet-Sets komplett widersetze und er sich in seinem Atelier in der Graubündener Provinz mit nur wenigen vertrauten Mitarbeitern – andere sagen: Jüngern – umgebe. Dazu passt, dass die Meldung über den Preisgewinn uns zuerst über die kirchliche Katholische Nachrichten-Agentur KNA erreichte: Zumthor gilt zwar nicht unbedingt als expliziter Kirchenbauer (wie Rudolf Schwarz oder der frühe Gottfried Böhm), aber sein Werk ist durchaus mit entscheidenen Ecksteinen für sakrale Zwecke besetzt: Die Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg markierte 1988 den Beginn des internationalen Interesses an diesem Architekten, die Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel von 2007 (siehe BauNetz-Meldung vom 18. Mai 2007) ist das meistgegoogelte Bauwerk des Haldensteiners, und mit dem Diözesanmuseum „Kolumba“ in Köln (über der „Madonna in den Trümmern“ von Gottfried Böhm!) aus dem selben Jahr (siehe BauNetz-Meldung vom 14. September 2007) hat er einen seiner bedeutendsten Bauten in Deutschland errichtet. Und wenn man so will, ist auch die berühmte Therme in Vals von 1993 ein Sakralbau: Sie huldigt dem Wasser, dem Licht, dem Raum und vor allem: dem Material.
Peter Zumthor, der 65 Jahre ist, steht auf dem Höhepunkt seines eigenwilligen Schaffens, wenn er den Pritzker-Preis erhält. Der Pritzker-Preis wird seit 1979 jährlich vergeben, aber kaum jemandem wollte man aus vollerem Herzen zu dieser verdienten Auszeichnung gratulieren als ihm.
-tze
ich habe ja nie bestritten, dass die Medien einen Einfluss auf die Wahrnehmung (!) von Architektur haben, ganz im Gegenteil. Meine These ist aber, dass diese nun einmal nichts an der Substanz des Werkes als solches ändert und man nicht das eine mit dem anderen gleichsetzen oder verwechseln sollte. (Das mag wie philosophische Haarspalterei klingen...aber dieses dialektische Problem werden auch wir hier nicht erschöpfend ausdiskutieren können;-)
Die Wiener Oper ist meiner Ansicht nach deshalb ein gutes Beispiel, weil sie zeigt, wie wandelbar die Rezeption eines Werkes und die Wertschätzung eines Architekten über die Jahre sein kann, während das eigentliche Werk davon völlig unberührt die Jahrzehnte überdauert. Was wir heute verreißen, mag morgen eine Ikone der Architektur und nicht wegzudenkende Pretiose einer Stadt sein....Die sachliche und ernstzunehmende Bewertung von Kunst (und dazu zählt eben auch die Architektur zum Teil) jenseits aller zeitgenössischen und geschmäcklerischen Vorlieben kann eben nicht auf dem Boulevard stattfinden, sondern ist fairerweise Gegenstand intellektueller und akademischer Debatten....Daneben gibt es aber eben auch den Faktor Zeit: Je länger ein Werk bleibt, desto höher scheint eben auch seine Wertschätzung in der Öffentlichkeit zu sein. Insofern werden eben tatsächlich unser Kinder und Enkel darüber zu urteilen haben, wie wichtig ihnen die Werke Zumthors sind. Ob Herr Zumthor "wirklich etwas Bleibendes - etwas Unvergängliches!" geschaffen hat, wie der erste Kommentar behauptet, muss sich tatsächlich erst erweisen. Wir erleben nämlich gerade fast täglich, wie bedeutende (bestehende) Zeugnisse moderner Architektur abgerissen werden, während nicht mehr existierende historische Gebäude wieder nachempfunden werden sollen. Insofern scheint diese Debatte doch etwas komplexer zu sein als auf den ersten Blick angenommen.
um den damaligen Geschmack.
Den wahren Wert der Architektur Zumthors müssen dann wohl, nach ihrer Argumentation, unsere Kinder und Kindeskinder für uns einschätzen.
Die weitergehende und damit verbundene Unterstellung, man müsse sich - ganz losgelöst vom Werk - nur geschickt genug der Medien bedienen, um als Architekt erfolgreich zu sein, entwertet nicht nur im konkreten Falle Zumthors dessen Leistung als Entwerfer und Planer, sondern behauptet doch auch ganz allgemein, man könne Qualität in der Architektur irgendwie herbeireden. Das ist nämlich die logische Folge Ihrer Aussage, dass man "das weiß doch nun jeder, die Architekten (...) auch kaputtschreiben kann." Wenn das eine gilt, muss das andere konsequenterweise auch gelten.
Über die Qualität von Architektur entscheidet aber nicht das Feuilleton oder ein paar Kritiker. Diese bezeugen höchstens die zeitgenössische Wahrnehmung, aber eben nicht ihren Wert. (Beschäftigen Sie sich mal zum Spaß mit der zeitgenössischen Rezeption der Wiener Oper - deren Architekt sich letztlich auch aufgrund der öffentlich über ihn ausgeschütteten Häme umgebracht hat.)
Ich wehre mich explizit gegen die Vorstellung, architektonische Qualität könne wesentlich einem klug kalkulierten Marketing-Kalkül entspringen. Dieses mag vielleicht nützlich sein, um ein Werk in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und zu vermitteln. Aber es steht sicher in keinem ursächlichen Zusammenhang mit ihm. Die Kolumba wird schließlich dadurch, dass man über sie redet, keinen Deut besser oder schlechter. Das hat sie mit aller Kunst gemein. Und dafür, dass Zumthor medial mit seinem (offensichtlich unzutreffenden) Image als "zurückhaltender", "leiser", "bescheidener" Architekt kokettiere, müsste erstmal der Beweis angetreten werden. Es erscheint mir jedenfalls völlig unglaubhaft und abwegig, dass jemand, dem solche Eigenschaften zugeschrieben werden, ein solch kompromissloses Werk zustande gebracht hätte.
Wie alle Zeugnisse guter Architektur steht es erfreulicherweise ganz selbstbewusst und "laut" da und blamiert dabei ganz nebenbei und "politisch unkorrekt" das ganze "leise" Mittelmaß.
"Ambi Vallence" lobt die Architektur von Herrn Zumthor.
Zitat:
"Peter Zumthors Bauten gehören sicherlich zu den interessantesten und baukünstlerisch hochwertigsten Arbeiten, die die Gegenwart zu bieten hat - ohne Frage"
Eine mögliche Vermarktungsstrategie darf doch wohl vorrausgesetzt werden. Wenn nicht von Herrn Zumthor persönlich, so doch von den Printmedien, die, und das weiß doch nun jeder, Architekten hofieren oder auch kaputtschreiben können.
Schätzungsweise laufen tausende Zumthors herum, von denen aber leider niemand etwas mitbekommt. Sie streiten unbeobachtet von der Presse jeden Tag und Nacht laut und "bockig" an der "Architekturfront", um gegenüber den Investoren noch ein Stückchen Qualität zu sichern.
Lesen Sie im Kommentar 7, auf den ich mich beziehe, den Abschnitt, der mit "Trotzdem" beginnt.
Trotzdem schränkt im Deutschen zuvor Gesagtes ein oder nimmt es in Teilen zurück.
Oberlehrerhaft ist der Hinweis, man solle nur nicht glauben, man könne als Architekt durch eine "Strategie" einen "Sockel" erreichen...Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund??
Wer Herrn Zumthor für seine "leisen Töne", seine "Zurückhaltung" und seine "Bescheidenheit" preist, weiß vermutlich nicht viel davon, wie das "Architektur machen" funktioniert. Ihm auch noch vorzuwerfen, er bediene "lediglich das Marketing etwas anders", ist ebenfalls nicht gerade eine schmeichelhafte Äußerung, oder?!....