Adieu Brauhausberg!
Potsdams neues Freizeitbad erweist der Stadt einen schlechten Dienst
Ein Kommentar von Wolfgang Kil
Gleich nach der Eröffnung sah Potsdams Oberbürgermeister Anlass zu tröstenden Worten: „Irgendwann wird man das Bad von der Langen Brücke aus nicht mehr sehen.“ Das ist so ziemlich das brutalstmögliche Urteil, das einer derartigen Prestigeinvestition zuteilwerden kann. Nach fast zwanzig Jahren äußerst wechselvoller Vorgeschichte, nach zwei europaweiten Wettbewerben und einer Baukostenerhöhung, die sogar den Landesrechnungshof alarmierte, stehen die Bürger und Besucher der Havelstadt nun vor ihrem neuen Sport- und Freizeitbad und reiben sich die Augen. War hier nicht die „Anmutung einer Kunsthalle“ versprochen worden, eine Fassade voller „Klarheit, Leichtigkeit und Präsenz“? Heute, nach Abzug aller Kräne und Gerüste, bescheinigen Architekturkritiker „das antiurbane, seelenlose Erscheinungsbild eines Bau- oder Großmarktes“ – und auch im Inneren finden sie nichts als „langweilige Funktionalität“. Nach Aussage des Sprechers der Stadtwerke werde aber alles so bleiben, wie es ist. Keine Chance für Begrünung, Kunst oder zusätzliche Farben – „das Konzept der Architekten ist in jeder Hinsicht abschließend hergestellt“.
Nachdem im zweiten Wettbewerb 2013 der Entwurf der Berliner Filiale von gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner auserkoren worden war, hatte die Bauwelt vor drohender „Verwechselung mit beliebigen Stadthallen oder Multiplexen“ gewarnt. Doch wie sich nun herausstellt, wurden die Weichen zum jetzigen Desaster maßgeblich von der Jury gestellt, die sich mit aller Vehemenz zum Leitbild der „Europäischen Stadt“ bekannte. Urbane Kante wollte man zeigen, Baufluchten und Kubatur der Badeanlage sollten sich vorausgreifend an einer vage versprochenen Bebauung der nahen Speicherstadt orientieren.
Was dabei völlig aus dem Blick geriet, war die prägnante Landschaftlichkeit des gegebenen Ortes – der Brauhausberg. Dessen flach abfallende Flanke zu Füßen von Franz Schwechtens dunkel dräuender Neuen Kriegsschule aus dem Jahr 1900 bildete jahrzehntelang einen verschwenderischen Stadtbalkon mit Liegewiesen und Cityblick. Diese Gunst der Lage hatten die Planer zu DDR-Zeiten mit parkartigen Freitreppen, einem Terrassenlokal und einer Schwimmhalle weidlich zu nutzen gewusst. Weil der Ort so ansehnlich war, wünschten sich bei einer Befragung 65 Prozent der Potsdamer auch den neuen Badetempel genau hierher. Dass nach der absehbaren Großinvestition von der Hangwiese kaum etwas bleiben würde, weil deren höhere Lagen zwecks Finanzierung des neuen Sport- und Freizeitbades parzelliert, verkauft und mit Stadtvillen zugebaut würden, war den Brauhausberg-Freunden wohl nie richtig aufgefallen. Zumindest diese Frage hat sich ja jetzt auch erledigt, denn die ungefüge blassfarbene Kiste verstellt jeglichen Blick – sowohl hinüber ins Grüne als auch herab auf die Stadt.
Wie wichtig ist der Ort als Landschaft? Wie viel Grünraum wäre es wert gewesen, so überraschend nah am urbanen City-Getriebe erhalten zu werden, öffentlich gepflegt und begehbar für jedermann? Gilt etwa Brandenburgs Landeshauptstadt mit Freundschaftsinsel und Sanssouci-Park schon als freiraummäßig überversorgt? Auch wenn es bloß sarkastisch klingt: Hier möchte man noch einmal an den greisen Oscar Niemeyer erinnern, den die Stadtverordneten 2005 gebeten hatten, für ihr Havel-Arkadien ein Wasserlust- und Wellnessparadies zu entwerfen. Ein Highlight seines Oeuvres wäre es vielleicht nicht mehr geworden, aber für jenen sanften Hang vis-a-vis des nachgemachten Schlosses hatte er mit seinen schwungvoll skizzierten Pavillons eindeutig mehr Gespür bewiesen. Und der nun zum Abriss bestimmten Hängedachschale von Karl-Heinz Birkholz aus den frühen Siebzigerjahren, unter der man beim Planschen weite Blicke über Potsdams Skyline schweifen lassen konnte, bleibt als Adieu bloß noch ein Stoßseufzer: Natürlich war früher nicht alles besser. Aber manches war einfach gut. Hätte man bloß biss’l genauer hingeschaut. Und dann einfach die Finger davon gelassen.
Man muss weiter vorne ansetzen. In der Ausbildung, an den Hochschulen. Der nach wie vor vorherrschende "Form follows function"-Wahn verhindert alles Gute in der Architektur. Es muss wieder mehr wert auf regionale Bautradition gelegt werden, Einfügung in städtebaulichen Kontext usw.
Ich fürchte, das Wettbewerbswesen ist am Ende - wie oft macht man selbst die Erfahrung, dass die Jury nicht mal die Aufgabe gelesen hat? Wie sollen unvorbereitete Kollegen in so kurzer Zeit (meist 1 Arbeitstag, maximal 2) Qualität feststellen? Man plant wochen-, teilweise monatelang und dann bekommt man nicht mal einen einzigen Satz der Begründung, wenn man es nicht in die engere Wahl geschafft hat? Lange vorbei sind die Zeiten, als in Preisgerichten um die richtige Haltung gerungen wurde. Heute nur feelgood-Soße; am wichtigsten ist den Preisrichtern das gemeinsame Mittagessen und nicht etwa die Arbeiten - es sei denn ein befreundeter Kollege ist unter den Teilnehmern. Und dieser Sicherheitswahn in Deutschland, wo man 3 Schulen für 5 Mio gebaut haben muss um zum Wettbewerb für eine 8-Mio-Schule zugelassen zu werden. (In der Schweiz sind Schulen bekanntermaßen eine typische Berufsanfänger-Aufgabe. Und der 1. Preis wird dann auch gebaut! Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Baukultur der Schweiz deshalb mit der unseren nicht mithalten könne ... ;-) Als wäre Erfahrung die Garantie für Qualität! Die alten Hasen und Großbüros wie GMP wissen doch nur, wie sie es effektiv abarbeiten um möglichst wenig Aufwand für das Honorar zu haben.
ja, und ansonsten ist es ein anständig gemachtes gebäude, aber eben keines, was einen mitreißt vor begeisterung. die materialien wirken eher kostengünstig, und die große schwimmhalle wirkt auf den außenstehenden leer, öde und ziemlich einfallslos. das triste ist mal wieder, dass das sicher ein wettbewerb war, wo nur die großen büros, die "crème de la crème", zugelassen wurde. oder zumindest gewonnen hat. wieder ein beweis dafür, dass es hierzulande mehr mut zu neuen, auch andersartigen, vielleicht frechen ideen braucht.